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Kinderbuchklassiker "Hanni und Nanni" im Kino: Altbacken ins 21. Jahrhundert

Das doppelte Lottchen wurde bereits modernisiert, jetzt ist ein anderes Zwillingspaar aus den Sechzigern dran. Enid Blytons "Hanni und Nanni" erleben in einer Neuverfilmung mit Oliver Pocher und Suzanne von Borsody ihren zweiten Frühling.

Die eine ist aufsässig, die andere lieb. Doch optisch gleichen sich die Schwestern wie ein niedliches Ei dem anderen. Das ist eine perfekte Grundlage für Streiche, mit denen Autoritätspersonen in tiefe Verwirrung gestürzt werden. Nicht vom doppelten Lottchen ist die Rede, sondern vom Zwillingspaar "Hanni & Nanni", dessen Internatsabenteuer eine ganze Mädchengeneration sozialisierten. Doch die am 17. Juni anlaufende Verfilmung tut sich schwer damit, die patenten Gören dem Zeitgeist anzupassen.

Die Britin Enid Blyton, die Joanne K. Rowling ihrer Zeit, schrieb neben "Hanni & Nanni" viele andere Kinderbuchserien. Besonders "H & N" hatte in den 60ern in Deutschland so viel Erfolg, dass der Verlag nach Blytons sechs Büchern die Romanserie mit anderen Autoren fortführte. Schon das Original war fürs hiesige Lesepublikum erheblich zurechtgebogen worden, und auch die Filmversion schmückt lediglich eine aus vielen Internatsfilmen bekannte Rahmenhandlung nach eigenem Gutdünken aus. So bekommen Fans einen Mix aus nostalgisch-britischem Internatsflair à la "Harry Potter", aus Prä-Teenie-Dramoletten und modernem Großstadtgetriebe serviert.

H & N für die Generation H & M

Es beginnt damit, dass in Berlin das Hockey-Ass Hanni zu fetter Popmusik das Bällchen durch ein Kaufhaus schlägt, während Nanni Schmiere steht. Dabei geht nicht nur einiges zu Bruch, sondern die zwei werden auch des Ladendiebstahls beschuldigt und fliegen von der Schule. Ihre hilflosen Eltern verfrachten das Duo Infernale auf Burginternat Lindenhof. Dort sorgt die renitente Hanni sogleich für Zoff, während sich Nanni problemlos einlebt und schließlich gegen Hanni durchsetzen muss. Doch mit Sport, Pferden und Mädels-Kameradschaft wird auch diese kleine Krawallschachtel gezähmt.

Mit dem Schwesternkonflikt bekommt die episodische Handlung, in der ansonsten wie gehabt eine arrogante reiche Zicke für Ärger sorgt, etwas psychologischen Tiefgang. Meist aber setzt die Inszenierung reuelos auf Grobmotorik und klamaukigen Slapstick, was der Zielgruppe vielleicht sogar zupasskommt. So gibt Oliver Pocher einen dödeligen Kaufhauswachmann. Und Katharina Thalbach als Lehrerin und Pseudo-Französin tut so, als sei sie im Komödienstadl und darf so richtig hysterisch schreien.

Zwischen Komödienstadl und Schwesternzoff

Suzanne von Borsody als strenge Aufpasserin ist leider sträflich unterfordert. Die Mannheimer Zwillinge Sophie und Jana Münster in den Hauptrollen sind zwar ansprechende Identifikationsfiguren, dürften mit ihrer Kunstsprache aus überkandideltem Schriftdeutsch und Jugendslang allerdings kleine Zuschauerinnen befremden. Zu befürchten ist überdies, dass auch Kindern manch krasse Unlogik auffällt. Wieso etwa wird der vermeintliche Diebstahl nicht früher aufgedeckt, und wie lernt Nanni so heimlich und schnell Cello?

Als unfreiwilliger Running Gag wandelt dann noch Hannelore Elsner in wallenden Gewändern einher und legt bei Geldnot Tarot-Karten: Selbst in einer Waldorfschule würde diese Eso-Direktorin keinen Tag überleben. Verwirrung auch bei den Kulissen, was den Gesetzen der regionalen Filmförderung geschuldet ist - mal befinden wir uns in Berlin, mal im Nürnberger "Bleistiftschloss" Faber-Castell, mal in der Königsteiner Altstadt. Wie zuvor andere verfilmte Jugendbuchklassiker werden aber auch "Hanni & Nanni" diesen rumpeligen Modernisierungsversuch verkraften.

Birgit Roschy, DPA / DPA