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Kinofilm "Schilf": Viele Welten, wenig Sinn

Die Theorie über Paralleluniversen ist nicht nur unter Physikern aktuell. Auch die Regisseurin Claudia Lehmann nimmt sich in ihrem Spielfilmdebüt "Schilf" diesem Thema an.

Gibt es nur diese eine Welt? Oder leben Menschen in parallelen Universen - zu verschiedenen Zeiten und an mehreren Orten zugleich? Kann man in einem Zustand zwischen tot und lebendig sein oder aus der Zukunft zurück in die Gegenwart gelangen? Hoch spannende, existenzielle Fragen, die nicht nur Quantenphysiker, etwa am weltberühmten Forschungsinstitut CERN bei Genf, beschäftigen. Auch Regisseurin Claudia Lehmann, eine promovierte Physikerin, thematisiert in ihrem Psychothriller "Schilf - Alles, was denkbar ist, existiert" diese Fragen. Frei nach Juli Zehs Roman "Schilf" (2007), in dem es im Kern um Moral und Schuld geht, erzählt Lehmann von überirdisch anmutenden Geschehnissen um zwei erfolgreiche Physiker.

Wie besessen will der Jenaer Universitätsprofessor Sebastian (Mark Waschke), verheiratet und Vater eines kleinen Sohnes, die Richtigkeit der Theorie über Paralleluniversen beweisen. Als "populärwissenschaftlichen Blödsinn" bezeichnet das sein Studienfreund Oskar (Stipe Erceg), Forscher am CERN. Ein kriminalistisches Drama nimmt seinen Lauf, als plötzlich Sebastians Sohn verschwindet und er selbst den telefonischen Auftrag vernimmt, einen in einen Pharmaskandal verstrickten Arzt zu töten. Mehr und mehr entschwebt der Physiker in andere Welten, wird schuldig und erhält wiederholt Besuch von einem höchst seltsamen alten Mann namens Schilf.

Leider langweilig

Sehr ambitioniert und philosophisch kommt das auch mit Bernadette Heerwagen als bodenständiger Ehefrau prominent besetzte Leinwandwerk daher. Für das wissenschaftliche Thema hat Lehmann, die vom Kurz- und Dokumentarfilm kommt, eine kühle, eigenwillig-luftige Form gefunden. Oft mit wackeliger Handkamera gedreht, scheinen viele Bilder - aus geschmackvollem bildungsbürgerlichen Wohnambiente oder dem Thüringer Wald - buchstäblich zu kreisen. Irritierend, Wirklichkeit auflösend wirkt das. Licht-Spiele und Spiegelungen verweisen auf andere Realitätsebenen.

Doch all diese Kunstgriffe können nicht darüber hinweg täuschen, dass die ganze Geschichte schlicht und einfach ausgedacht und verschwurbelt erscheint. Und dass die Personen mehr als Ideenträger denn als vielschichtige Menschen konzipiert sind, macht diese neunzig Minuten noch langweiliger - daran ändern auch die seriösen Schauspieler nichts. Trotz Zusammenarbeit mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Dreherlaubnis im Genfer CERN also: Von Horizonterweiterung kaum eine Spur - manch ein Zuschauer mag froh sein, am Ende wieder in seine eine Welt zurückkehren zu können.

Ulrike Cordes, DPA / DPA
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