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Der politische Abwasch der Woche: Per Anhalter durch die Guidolaxis

Guido hat uns das Blaugelbe vom Himmel versprochen, nun ärgert sich mancher den Rücken bucklig - und hofft auf ein Paralleluniversum. Zeit für den Abwasch.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Heute kümmern wir uns mal um die wunderbare Welt der Paralleluniversen. Wenn wir der Wissenschaft und Wikipedia glauben dürfen, dann sind wir nicht allein, dann existieren irgendwo da draußen ganz, ganz viele Universen, die mit unserem möglicherweise zwar irgendwie identisch sind, in der die Geschichte aber immer ein wenig anders abläuft. Um es mal plastisch zu machen: Hierzuerden sind Sie gestern auf dem Gehweg von einem grenzdebilen Berliner Radler mit Handy in der Hand und zwei Knöpfen im Ohr über den Haufen geplättet worden, aber unter den vielen, vielen Paralleluniversen gibt es auch eines, wo sich ebenjener Radler zehn Meter vor ihnen beim SMS-Tippen formvollendet auf die Fresse gelegt hat. Hach! Oder: Sie haben den eigentlich ganz lieben, aber auch ein bisschen langweiligen Frank-Walter sitzen lassen, weil ihnen der coole Guido das Blaugelbe vom Himmel versprochen hat und jetzt haben Sie ihn am Hals, er ist ganz schön nervig, und ärgern sich den Rücken bucklig - aber da draußen gibt es eine Welt, wo Sie eben nicht jede verhängnisvolle Affäre anfangen. Tja. (Stephen Hawking hält das Ganze übrigens zwar für Schnokuspokus, aber das ignorieren wir jetzt einfach mal; wer ist schon Stephen Hawking…)

Jedenfalls ist die Vorstellung doch sehr schön, dass es jenseits der Grenzen unserer kleinlichen Vorstellung von Wille und Wirklichkeit irgendwo eine bessere Welt gibt, in der die Engländer mal ein Elfmeterschießen gewinnen (muss ja nicht gerade gegen uns sein!), wo Joachim Gauck am Mittwoch zum Bundespräsident gewählt wird (und sich spätestens nach einem Jahr alle fragen, ob man das pastorale Freiheitserweckungssalbadern nicht irgendwo abstellen kann), wo nicht ausgerechnet BP beinahe das Sommerfest des Präsidenten gesponsert hätte (oder wenigstens Naturalien beigetragen hätte, vielleicht: Ölsardinen?) oder wo Lothar Matthäus uns mit seinen WM-Analysen verschont und dafür als Geißel Allahs die geschundenen Völker des Nahen Osten heimsucht, zum Beispiel als Gastkommentator für Al Jazeera (wie, das macht er schon? Ach, manchmal lieben wir unsere ureigene kleine, enge Welt dann doch!).

Andererseits wollen wir auch nicht verhehlen, was die dann leider nicht ganz von der Hand zu weisende Konsequenz wäre: Milliarden von Dieter Bohlens (von denen ein paar vielleicht anständige Lieder komponieren können), Dirkniebels (von denen ein paar vielleicht Arbeitsvermittler geblieben wären) und Dungas (von denen ein paar vielleicht attraktiven Fussball spielen lassen würden). Und das wäre dann doch irgendwie galaktisch grausig.

So gesehen, bleiben wir lieber unter uns.

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Zumal da es ja in unserer bescheidenen, langweilig dreidimensionalen Welt auch ein paar Figuren gibt, die gar kein zweites Universum benötigen, um in einer Parallelwelt zu leben. Wir zitieren hier nur... ach nein, den Außenminister zitieren wir heute mal nicht (obwohl seine Freude darüber, "dass die Bemühungen der Bundesregierung, wieder zu soliden Staatsfinanzen zurückzukehren, auch verstärkt werden durch einen Wirtschaftsaufschwung" sowie seine Schlussfolgerung daraus: "Das zeigt, die Regierung ist auf einem guten Weg" - obwohl diese Einlassungen aus dem Westerwelle'schen Paralleluniversumswesen durchaus eine ordentliche Abwasch-Abreibung verdient hätten; aber der Mann ist derzeit mit sich und seiner Partei gestraft genug).

Nein, wir zitieren lieber die ganz irdisch bibeltreue Kanzlerin, die sich an Paulus hält und dessen letzten Satz aus dem 13. Kapitel des ersten Briefs an die Korinther: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, am größten jedoch unter ihnen ist die Liebe." Denn siehe: Sie glaubt an irgendeine Wirkung ihres Sparpakets, sie hofft, dass sie das noch erleben darf, und sie liebt die wunderbare deutsche Sprache, die sie aber nicht zurückliebt, weswegen sie ihr gelegentlich Gewalt antun muss (also die Kanzlerin der Sprache). Zum Beispiel so: "Wir, die Europäer, und ganz besonders Deutschland, sind der Meinung, dass die Reduktion von Defiziten* für ein nachhaltiges Wachstum, das wir alle schaffen wollen, unabdingbar ist." * nicht zu verwechseln mit: Reduzierung von Saucen, auch jenseits von Hessen als einkochen bekannt

Pardon? Bzw.: Hä bitte? Wenn uns das nicht komplettomat falsch in die Synapsen gefahren ist, meint sie damit in etwa folgendes: Wir sollen weniger Geld, das wir nicht haben, auf den Kopf hauen, damit wir irgendwann mal wieder viel Geld kriegen, das wir auf den Kopf hauen können. Der zweitgrößte deutsche Staatenlenker aus dem Saarland, der glücklicherweise eine andere Region als das Saarland auf den Kopf gehauen hat (und zwar im ersten Schritt und ohne Reduktion von Defiziten), hat dieses Prinzip mal in seiner unnachahmlichen Art so auf die Zwölf gebracht: "Überholen ohne einzuholen." Hat dann aber auch nicht so richtig funktioniert.

Wir haben den Eindruck, manchmal kann Angela Merkel doch nicht ganz verleugnen, woher sie kommt.

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Und damit noch schnell zum Sein, das bekanntlich ja undsoweiter. Johanna Wanka, Professor Doktor Johanna Wanka, geb. Müller, um ganz genau zu sein, jedenfalls in diesem unseren Universum, Frau Wanka also hat als Ministerin für Bildung und Kultur des sturmerprobten, erdverwachsenen und baldwohlnichtmehrwulffgepeinigten Landes Niedersachsen Stellung genommen zu den Ergebnissen des jüngsten Pisa-Tests. Und siehe: Es zeige sich, dass Länder mit stabilen Schulsystemen wie Sachsen und Bayern erfolgreicher seien, sagt Frau Professor Wanka geb. Müller. Erfolgreicher zum Beispiel, schlussfolgern wir jetzt mal, als etwa das doofe Brandenburg, das, obwohl eine weitgehend migrantenfreie Zone, in der Liste der 16 Länder auf fast allen Gebieten (Lesen, Schreiben, eins und eins zusammenzählen) irgendwo zwischen den wunderbar durchrassten Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg schluss- und irrlichtert. (Empörte Kommentare über den letzten Satz bitte an: Thilo Sarrazin, c/o Vorstand der Bundesbank)

Dazu muss man jetzt nur noch eines wissen: Dass Prof. Dr. Johanna Wanka geb. Müller erst seit April 2010 ihr Wesen in Niedersachsen umtreibt. Zuvor war sie von 2000 bis 2009 - also so ungefähr zwischen acht (Brandenburger Ermittlungsergebnis) und zehn (bayerische oder sächsische Zählweise) Jahre lang - für die CDU Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur in - ja, hallo, Überraschung jetzt: - ja, ja bzw. hä, hä: Brandenburg. Und zwar in diesem hier und keinem anderen!

Wie man das nennt? Vielleicht: Erfolgsgeschichte? Weiter so!

Übrigens: Die Universen expandieren! Aber nicht weitersagen.