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Kinostart von "Wir sind die Nacht": Untot aber sexy - Blutsauger mischen Berlin auf

In "Wir sind die Nacht" machen vier Luxusvampiretten die Berliner Nächte unsicher. Ihr vampirischer "Way of Life" ist weit entfernt von dem der vegetarischen "Twilight"-Stars aus den USA. Schicker Genrefilm mit Nina Hoss und Karoline Herfurth.

Wenn ich ein Vampir wäre, würde ich in Berlin leben", meint Dennis Gansel, der Regisseur der am Donnerstag (28.10.) anlaufenden Blutsauger-Romanze "Wir sind die Nacht" (28.10.). Er lässt in seinem neuen Film vier "Luxusvampiretten" im Berliner Nachtleben ihr Unwesen treiben. Mit seinen gruselig-atmosphärischen Bildern abgeschabter Glamour-Architektur gelingt ihm als ersten deutschen Filmemacher der Beweis, dass das Label "arm, aber sexy", mit dem Lokalpolitiker die Metropole keck aufhübschen, eine gewisse Berechtigung hat.

Wer braucht schon Paris oder New York, wenn er eine Stadt zu Verfügung hat, deren abgewrackte Gebäude mit ihrem Ost-Flair so viele besessene Partygänger anziehen. Selbst der scheußliche Plattenbau, in dem die junge Streunerin Lena mit ihrer Unterschicht-Mutter lebt, trägt zum unheimlich hippen Stil dieser Geschichte bei. Schon als Mensch ist Lena ein zwielichtiges Wesen, das unter seiner Kapuzenjacke versteckt auf Opfer lauert, die es ausrauben kann. Eines Nachts gerät Lena in einen auf einer zugewucherten Brache versteckten Nachtclub, wird von dessen Chefin Louise umschwärmt - und gebissen.

Louise ist eine uralte Blutsaugerin, die ungefähr aus dem Rokoko stammt und sich mit Charlotte und Nora im Lauf der Jahrhunderte zwei Jüngerinnen geschaffen hat. Lena soll Louises Harem ergänzen und wird in die Freuden des vampirischen "Way of Life" eingeführt. Luises Biss erweist sich nicht nur als Schönheitskur, die der zerrupften Göre eine makellose Haut und eine rotschimmernde Haarmähne beschert. Superkräfte und Unverwundbarkeit gibt's obendrein, zur Erhaltung braucht es nur eisgekühlte Blut-Drinks. Auch bekommt Lena eine neue Party-Garderobe - nicht vom Zara-Grabbeltisch, sondern mit Designer-Spitzen, Samt und Seide.

"Du wirst nicht fett und nicht schwanger", beschreibt Nora diesen beneidenswerten Zustand, der das ewige Jungsein einschließt. Kleiner Haken: das Tageslicht, das Vampire, sollten sie sich je ins Helle wagen, hexenhaft verbrennt. So merkt man von Anfang an, dass Dennis Gansel, der durch das Jugenddrama "Die Welle" bekannt wurde, sich einiges traut. Mit seinem Film hängt er sich zwar an die "Twilight"-Begeisterung an, doch die vegetarischen Vampir-Weicheier aus den USA sind nicht sein Ding. Seine stilbewusst plakative Inszenierung, die hart am Trash entlangschrammt, erinnert vielmehr an den Franzosen Luc Besson.

Gothic-Popmusik und Anspielungen an die dekadenten Zwanziger mit Zitaten aus Fritz Langs "Dr. Mabuse"-Film passen wunderbar zum Retro-Schick jüngeren Datums. Gedreht wurde im ehemaligen Stadtbad Lichtenberg, im Spreepark, Tiergartentunnel und auf dem Teufelsberg. Und was anfangs an Neil Jordans melancholisches "Interview mit einem Vampir" gemahnt, erweist sich zwischendurch als feministisch angehauchte Dorian-Gray-Variante mit weiblich-bisexuellen Berufsjugendlichen, die feiern, als gäbe es keinen Morgen. Kleine Späßchen, bei denen sich die bissigen Mädels rülpsend "einen Zuhälter gönnen", sind inbegriffen.

Neben der sehenswerten Karoline Herfurth als Großstadt-Desperada gibt Blondine Nina Hoss eine Grande Dame im Edel-Dominalook. Jennifer Ulrich spielt eine überdrüssige femme fatale, doch die besten Szenen bekommt Anna Fischer als quirlige kleine Vampirsschlampe. Den einzigen größeren Männerpart hat Max Riemelt als Polizist, der sich in Delinquentin Lena verguckt. Er leitet leider unweigerlich zum biederen Schluss über, in dem das alte "Twilight"-Dilemma - Beißen oder nicht beißen - zu seinem Recht kommt. So erweist sich die Coolness dieser Königinnen der Nacht als nur angetäuscht. Doch bis dahin ist Gansel ein hübsch frecher Genrefilm geglückt.

APN / APN
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