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Kommentar: Top Gun Stauffenberg

Tom Cruise stellt der deutschen Vergangenheit einen internationalen Persilschein aus und beschert uns mit seinem Film "Valkyrie" eine Imagekampagne. Als Dank bekam er jetzt den "Courage-Bambi".

Von Stephan Maus

Ein Mann, der als einer der einflussreichsten Intellektuellen des Landes gilt, führt sich auf wie ein Hollywoodgroupie im Hormonrausch: Auf der Bambi-Gala sprach der "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher den Schauspieler Tom Cruise in einer Art devotem Heldengottesdienst heilig. Der kluge Kopf aus dem Führungsgremium der "Zeitung für Deutschland" nannte es eine "mutige Entscheidung", dass Cruise die Stauffenberg-Rolle angenommen habe. Dazu erklärte Heiner Lauterbach später: "Einen Film zu drehen, dafür 50 Millionen Dollar zu bekommen - ich finde, da gibt es Mutigeres." Ein Vorgang muss schon sehr gespenstisch sein, wenn ausgerechnet Heiner Lauterbach die treffendsten Worte dafür findet. Ist Schirrmacher nun tatsächlich einfach nur dem Charme und dem Charisma eines der berühmtesten Männer der Welt erlegen? Sicher nicht. Hinter seinem Vorgehen steckt die Strategie eines konservativen Machtmenschen, der die Chance auf eine gesellschaftspolitische Dynamik gewittert hat.

Tom Cruise gibt den guten Deutschen

Deutschland hat einen neuen Erlöser, und der heißt Tom Cruise. Nachdem wir seit mehr als 60 Jahren als Hacken schlagende Nazis durch Hollywood geisterten, beschert uns die Traumfabrik jetzt eine internationale Imagekampagne. Und das für schlappe 4,8 Millionen Euro Filmfördergelder. Mit "Valkyrie" wird Deutschland wieder salonfähig. Als Top Gun Stauffenberg setzt Tom Cruise all den bösen Nazis endlich das Bild des guten Deutschen entgegen.

Zuerst gab es noch Bedenken gegen Cruise. Darf ein Mitglied der verfassungsfeindlichen Sekte Scientology einen deutschen Widerstandshelden spielen? Doch bald musste das Verteidigungsministerium die Waffen strecken und sein Innerstes dem Scientologen öffnen. Wie wurden die Bedenken so schnell überwunden? Dank den vereinten Kräften tapferer Männer. Stauffenberg und Cruise, das ist die Geschichte von der Macht der Männerbünde, vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis heute. Hauptkraft ist in diesem Fall "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. Immer wieder plädierte er in seiner Zeitung für eine Dreherlaubnis für Tom Cruise. Schließlich sprang ihm noch Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck bei. In der "FAZ" schrieb der traditionsbewusste Adelsspross ein Cruise-Plädoyer mit dem Titel: "Deutschlands Hoffnung heißt Tom Cruise."

Cruise, Schirrmacher, Donnersmarck: Autokratische Männerbünde spielten immer eine große Rolle in Stauffenbergs Leben. In den Zwanzigern gehörte der junge Aristokrat zum elitären Zirkel "Geheimes Deutschland" des esoterischen Dichters Stefan George. Der Literaturagent Thomas Karlauf zeichnet in seiner im Sommer erschienenen George-Biografie unter anderem nach, wie der Geistespriester George angeblich den Keim für den deutschen Widerstand säte. Das Buch erschien im selben Verlag wie Schirrmachers "Methusalem-Komplott". Das "Valkyrie"-Komplott der Charismatiker nahm seinen Lauf: Schirrmacher ließ die Biografie pünktlich zur Hoch-Zeit des Trubels um Tom Cruise in der "FAZ" vorab drucken. Vorabdruck, Set-Besuch, Glossen, pseudosakrale Leitartikel: Die Zeitung zog alle Register. Während Tom Cruise noch vor den verschlossenen Toren des Bendlerblocks stand, breitete sich langsam das Bild eines anderen Deutschland aus, das mit makellosen Gedichten im Kopf seinen Weg durch den Wald fand, in die Wolfschanze drang und dem "Führer" eine Aktentasche mit Sprengstoff unter den Tisch stellte. Es war die Vision einer wehrhaften Kulturnation. Dichter und Denker statt Schlächter und Henker.

Irgendwann wurde auch das zuständige Finanzministerium weich und gab die Dreherlaubnis. Die Ikone Cruise als Stauffenberg, das war einfach zu gute Deutschland-PR, Scientology hin oder her. Dass Stauffenberg kein Demokrat war, wurde ausgeblendet. Und wer weiß noch von seinen rassistischen Ausfällen? Nachdem Stauffenberg mit der Wehrmacht Polen überfallen hatte, schrieb er an seine Frau: "Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohl fühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun."

All das tritt nun in den Hintergrund. Zu verführerisch ist die Chance, dass Hollywood Deutschland einen internationalen Persilschein ausstellt. Als Stauffenberg soll Cruise uns von einer schmachvollen Vergangenheit befreien. Vor dem Hintergrund seiner Religion muss sich Cruise als reinigender Scientology-Priester verstehen: Er erlöst Deutschland von den traumatischen Ereignissen der Geschichte, um es zu seiner ursprünglichen Kraft zurückzuführen. Im Scientology- Vokabular heißt dieser Zustand "Clear" und die reinigende Therapie "Auditing". Nicht nur im Film gefällt sich Cruise also in Erlöserrollen. Exakt solche "Mission Impossibles" sind es nämlich, die Scientology von ihm verlangt.

Und genau wie Stauffenberg seinem spirituellen Führer George folgte, so gehorcht auch Cruise den Visionen eines Schriftstellers: Als Scientologe lässt er sich von der Lehre des Science-Fiction-Schreibers L. Ron Hubbard leiten. Eigentlich ist Cruise also die Idealbesetzung für den deutschen Militär-Aristokraten: Zwei elitäre Anti-Demokraten auf Erlösungsmission.

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