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Leute: Heike Makatsch: Ein Bild von einer Frau

Sexy. Erfolgreich. Jetzt Vamp im Kino-Schocker "Anatomie 2" und seit zehn Jahren das Vorzeigemädchen einer ganzen Generation. Eigentlich mag sie jeder. Warum nur macht Heike Makatsch sich so viele Gedanken um ihr Image?

Von Matthias Schmidt und Neil Wilder (Fotos)

Es sollten in diesem Porträt über Heike Makatsch mindestens vier Zitate von ihr stehen, keine einzige Anekdote, nichts über ihren Vater. Und das schlimme G-Wort sollte besser auch nicht fallen. Das würde ihr gefallen. Denn Heike Makatsch kennt die Medien. "Ich weiß, es ist auch nicht so einfach für einen Journalisten - etwas so wiederzugeben, dass es einem gerecht wird." Sagt die Schauspielerin, sich zurücklehnend und wissend lächelnd. "Eines habe ich schon gelernt: Wenn ich sage: 'Madonna hat mir mal gesagt ...', dann spitzen sich eure Ohren, und man wird auf solche Sachen reduziert. Da macht man und rödelt, und drei Sätze bleiben übrig."

Wie diese Anekdote von den Dreharbeiten zu Dieter Wedels Fernsehsechsteiler "Affäre Semmeling". Die Aufnahmen zogen sich über eineinhalb Jahre, eine große Rolle für Heike - "und alle haben sich darauf versteift, dass ich dem Stefan Kurt die Rippen beim Sex gebrochen haben soll". Sie, ehrlich empört. "Das sind so Sachen, wo ich mir sage: Halt den Mund, Heike. Erzähl keine witzige Geschichte, denn das ist das Einzige, was übrig bleibt."

Man sitzt Heike Makatsch

gegenüber und muss erst mal Luft holen. Hat sie das gerade wirklich alles gesagt, diese abgeklärten Worte? Unser Traumgirl der Neunziger? Das erste Mädchen, das uns glauben ließ, dass im Bett auch mal das zarte Geschlecht die Initiative übernimmt. Dass die Kumpelin zum Pferdestehlen auch mal geküsst werden will. Verändert hat sie sich seit damals nämlich wenig. Der Bambi-Blick, der breite Mund mit der ausgeprägten Oberlippe, der schlanke Hals, den sie beim Lachen gern präsentiert, das ovale Gesicht. Ganz zu schweigen von ihrem schönen flachen Bauch oder den süßen, spitz zulaufenden Ohren. Ihr Alter, inzwischen ist sie 31, erkennt man höchstens an den paar Fältchen um die Augen. Oder den Lachgrübchen um den Mund.

Lange Zeit dachten viele, wer so gut aussieht, so unbeschwert und zappelig durch die TV-Welt stapft, der muss doch naiv sein. Trotzdem - deswegen? - fielen ihr alle zu Füßen, erlagen ihrem Charme, ihrer Unmittelbarkeit. "Hellwach, blitzschnell und absolut unprätentiös", lobte die Frauenzeitschrift "Elle". Ein "Girl next door, Prädikat: besonders authentisch", der "Rheinische Merkur". Für die "Woche" war sie das "Vorzeigemädchen der postfeministischen Generation", für die "taz" "emanzipiert, aber doch Frau, sexuell unverklemmt, aber doch kein Vamp".

Hippelig ist sie im Gespräch wie eh und je. Ständig ist irgendetwas in Bewegung. Sie knobelt an ihren Haaren herum, mahlt mit den Kieferknochen, beißt auf die Lippen, zeigt Zunge, grunzt beim Lachen, seufzt, stöhnt oder schmeißt gleich in einer ausholenden Bewegung das Mikro um. "Ich weiß oft selbst nicht, was meine Extremitäten gerade machen", sagt sie und grinst. Aber auf einmal geht es diesem Energiebündel um Selbstbeherrschung, dieser Viel- und Schnellsprecherin, der es oft gelingt, mehrere verschachtelte Sätze in einem Atemzug zu Ende zu bringen: "Um zu erreichen, dass es wirklich mein Satz ist, der als mein Satz gedruckt wird, lasse ich mir alle Zitate vorlegen." Gerade bei der früher so unbändigen Heike überrascht es dann doch, wie viele Gedanken sie sich über ihre Wirkung macht.

Grübelt beim Fotoshooting

zum Beispiel, wie die Öffentlichkeit sie wohl wahrnimmt. Wie weit sie ihr Image steuern kann. Zeichnet sich etwa ihre Unterwäsche durch die Hose ab? Und ist sie überhaupt noch sie selbst? In ihren Worten: "Es ist gar nicht so, dass ich alles kontrollieren will, aber es gibt ein paar Dinge, die mir heilig sind. Und wenn sie die Öffentlichkeit erreichen, werden sie mir aus der Hand genommen und durch die Augen von jemandem gesehen, dem ich eigentlich gar nicht mein Inneres zeigen wollte." Sibylle Breitbach, ihre Managerin und gute Freundin seit neun Jahren, erklärt sich diese Haltung durch Heikes Vergangenheit, ihre Dauerpräsenz als Moderatorin bei Viva, Bravo-TV und "Heike Makatsch - die Show": "Es hat lange gedauert, bis die Öffentlichkeit akzeptiert hat, dass sie, wenn sie nicht arbeitet, auch nicht permanent in der Presse sein muss." Es sei schließlich ein steiniger Weg zum Erfolg gewesen. Und dann immer dieses Gerede, dieses ewige Gerede vom "Girlie".

Ups, nun ist das schlimme G-Wort doch gefallen. Es gab wohl noch keinen Artikel über Makatsch, in dem es nicht vorkommt. Zum einen, weil man es braucht, um von ihrem kometenhaften Aufstieg zu erzählen. Liest sich so schön: vom Girlie zur Charakterdarstellerin.

Zum anderen, weil es offensichtlich verdammt schwer fällt, ihre immer noch vorhandenen Girlie-Attribute zu ignorieren. Sicher ist sie erwachsen, aber sie sieht überhaupt nicht danach aus. So sagt auch der Schauspieler Barnaby Metschurat, mit dem sie jetzt im deutschen Medizinthriller "Anatomie 2" auftritt, einem äußert gelungenen Sequel übrigens, besser, komplexer, cleverer als Teil 1: "Heike ist verspielt, hat schon noch dieses Girlie-Ding."

Obwohl sie inzwischen 15 Kino- und fünf Fernsehfilme und -serien gedreht hat, vom Zombie-Horror "Resident Evil" zum Beziehungstheater "Nackt", obwohl sie von der bebrillten Heilsarmistin ("Liebe deine Nächste!") Über die kaltblütige Mörderin ("Die Häupter meiner Lieben") bis zur Geliebten von Tucholsky ("Gripsholm") die unterschiedlichsten Rollen gespielt hat: Für manche Kritiker lebt ihre Kunst hauptsächlich von ihrem Augenaufschlag, ihrem inneren Girlie.

"Mir fällt dazu echt nichts mehr ein", mault sie. Gleichzeitig weiß sie genau, dass der ganze Hype, der dadurch entstanden ist, "im weitesten Sinn der Grund ist, warum ich jetzt Filme machen kann. Insofern darf ich es nicht zu sehr verdammen".

In ihrer ersten Kinorolle

, "Männerpension" , überdrehte Regisseur Detlef Buck das Girlie-Image satirisch. Er steckte Makatsch in Minirock und Plastiksandalen und verpasste ihr eine Haarspange mit Erdbeermotiv. Fertig war die lispelnde Schlagersängerin Maren Krummsieg. "Die Rolle des Dummchens war für sie viel gefährlicher als eine Charakterrolle", erinnert sich Buck. "Weil das so genannte Lob viel dichter dran war."

Dieter Wedel sah "Männerpension" und war sofort angetan von Heikes strahlender Lebendigkeit, ihrer seltenen Mischung von Komik und Erotik. Schauspielkollegen und Fernsehredakteure waren skeptisch, sagt er, ob die Makatsch die Rolle von Silke Semmeling packt, einer jungen Mutter und Grünen-Politikerin, deren Ehe zerfällt: "Ist die nicht zu lärmend und zu jung?" Wedel, entschlossen: "Dann werden wir eben das Girlie-Image beseitigen. Nun ist sie eine vollgültige Schauspielerin, mit vollem Recht." Fall abgeschlossen, G-Wort begraben.

Bei einem ihrer Projekte fürs Kino, der deutsch-französischen Co-Produktion "Obsession", lernte Heike ihren jetzigen Freund kennen. Den englischen Schauspieler Daniel Craig, der im Hollywoodfilm "Road to Perdition" so wunderbar den psychotischen Gangster spielte. Flugs zog sie zu ihm nach London, wo sie seit mittlerweile sechs Jahren zusammenleben. Doch vorsichtig, wie Heike Makatsch nun eben geworden ist, erfährt man wenig über ihren Alltag in London: "Ich treffe Freunde, unterhalte mich in Kneipen." Und sonst: stricken, nähen, Museum, Kino, Yoga, schreiben, telefonieren mit Deutschland. Gerade ist das Paar umgezogen von Notting Hill nach Queen's Park. Kinder? Vielleicht irgendwann. Was macht Daniel gerade? Soll er selbst erzählen. Ach, dürfen wir ihn treffen? Natürlich nicht.

Ähnliche Häppchen kennt man von ihrem früheren, kameralosen Leben. Geboren in Düsseldorf am Freitag, den 13. August, behütetes Einzelkind, antiautoritäre Montessori-Schule, Eltern trennen sich. Mutter Grundschullehrerin, die jetzt eine große Wohnung in Berlin-Charlottenburg hat, wo Heike sich oft aufhält. Vater Rainer Jurist, der es als Eishockey-Nationaltorhüter selbst zu bescheidenem Ruhm gebracht hatte. Heike will, angeregt durch ein Praktikum bei zwei Stadtillustrierten, erst Journalistin werden und studiert ein wenig, fängt dann eine Schneiderlehre an. Das Casting für MTV scheitert, Viva nimmt sie mit Kusshand. Alles bekannt. Alles von Heike kontrolliert.

Und plötzlich, fast am Ende

des Fotoshootings im Londoner Norden, gibt's doch noch eine Überraschung. Sie wird von ihrem Vater abgeholt. Man will gemeinsam einkaufen, heute Abend erwartet sie Freunde zum Essen. Der Fotograf ist aber noch nicht fertig, und so kommt Vater Makatsch mit dem Journalisten ins Gespräch. Heike wird zunehmend unruhig, ruft: Hör doch auf! Später bittet sie, den Vater überhaupt nicht zu erwähnen: "Meine Eltern gehören zu mir, nicht in die Medien."

"Warum lachst du bei den Fotos ständig?", hatte er gefragt. "Du bist doch gar nicht so lustig." Darauf sie, listig: "Ich ist eine andere." Na, das würde ihr gefallen.