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Aktion #allesdichtmachen Sie auch, Boerne? Chronik eines denkwürdigen Coronaabends

#Allesdichtmachen-Aktion von 50 Schauspielern löst Diskussionen aus
Sehen Sie im Video: #Allesdichtmachen – Geteilte Reaktionen auf die Aktion von Jan Josef Liefers & Co. Videoquelle: RTL.de
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53 Schauspieler:innen haben uns einen aufregenden und denkwürdigen Coronaabend beschert. Allerdings anders als erwartet. Die Chronik einer bewussten Provokation.

Es ist gegen 19 Uhr, als die ersten Videos viral gehen. Unter dem Hashtag #allesdichtmachen verbreiten 53 prominente Schauspieler:innen Videos mit ihrer Meinung zur Coronapandemie. Es soll eine ironische Kritik am angeblichen Dauerlockdown sein. Die bissigen Vorwürfe sind teils heftig. Jan Josef Liefers lässt sich in seinem Beitrag zu der Aussage hinreißen, klassische Medien würden nicht kritisch genug über die Krise und die Maßnahmen berichten. Er bläst damit ins Horn all derer, die unverhohlen mit Nazi-Begriffen wie "Lügenpresse" um sich werfen. Kurz danach sieht er sich genötigt, sich von Querdenkern und dem rechten Spektrum, aus dem viel Beifall kam, zu distanzieren. Heike Makatsch löscht ihren Beitrag gleich ganz. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Abends, der in die Geschichte dieser Pandemie eingehen wird. Aber der Reihe nach.

Kurz nach 18 Uhr – die Bombe platzt

Die Seite allesdichtmachen.de wird freigeschaltet. In 53 Videos äußern sich Schauspieler wie Volker Bruch, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Nadja Uhl oder Meret Becker zur Coronapandemie in ironischer Weise zu Wort. Auffällig: Es sind besonders viele "Tatort"-Darsteller dabei. Die meisten Prominenten teilen ihr Video auf ihrem privaten Twitter oder Instagram-Account. Jan Josef Liefers kriegt das Video allerdings nicht hochgeladen. Er schreibt stattdessen: "Konntet Ihr Euch aus den Nachrichten eine eigene Meinung bilden? Oder habt Ihr Euch manipuliert gefühlt? Nur halb informiert? Habt Ihr es auch so erlebt, als wären die meisten Journalisten plötzlich einem Chor beigetreten?"

Gegen 19 Uhr – erste Reaktionen von Prominenten

Elyas M'Barek ist der erste Prominente, der die Aktion kommentiert. Er äußert sich unter dem Instagram-Post von Bruch und schreibt: "Come on, das ist doch Blödsinn. Was unterstellst du denn da unserer Regierung? Kann ich null nachvollziehen. Jeder will wieder zur Normalität zurückkehren und das wird auch passieren. Wenn alle dafür sorgen, dass eine weltweite Pandemie bekämpft wird. Mit Zynismus ist doch keinem geholfen." Tobias Schlegl, der auch Notfallsanitäter ist, äußert sich härter: "Die Schauspieler*innen von #allesdichtmachen können sich ihre Ironie gerne mal tief ins Beatmungsgerät schieben."

Nach 20 Uhr - der Hashtag #allesdichtmachen trendet

Auf Twitter trendet der Hashtag der Aktion #allesdichtmachen. Es gibt sowohl Beifall als auch Kritik. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit gefällt die Aktion, er spricht von einem "Meisterwerk", das "uns sehr nachdenklich machen" sollte. Auch AfD-Politiker äußern sich positiv. Medienjournalist Stefan Niggemeier spricht hingegen von einem "Dammbruch".

Gegen 21 Uhr – Mutmaßungen über Böhmermann-Aktion

Einige Twitter-Nutzer vermuten eine Aktion von Jan Böhmermann hinter den Videobeiträgen. Das bewahrheitet sich nicht. Der Satiriker selbst teilt eine Dokumentation aus der ARD-Mediathek: "Charité Intensiv: Station 43 – Sterben". "Das ist das einzige Video, das man sich ansehen sollte, wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen hat", schreibt er dazu. Als einer der ersten benutzt er den Gegenhashtag #allenichtganzdicht.

Richy Müller in seinem Video zur Aktion #allesdichtmachen
Richy Müller atmet in seinem Video druch eine Tüte aus - durch die andere wieder ein. Aus Angst vor dem Coronavirus. Was witzig sein soll mutet angesichts der Situation auf Intensivstationen bizarr an.
© Screenshot/Youtube/allesdichtmachen

22.15 Uhr – die "Tagesthemen" zeigen dramatische Szene aus Intensivstation

Gerade hat man Richy Müller in seinem Video noch in Plastiktüten atmen sehen, da zeigen die "Tagesthemen" einen Beitrag aus der Intensivstation in Baden-Baden. Ein an Corona erkrankter Mann ruft seine Frau an. Es ist vielleicht sein letztes Gespräch mit ihr. Danach muss er an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. Es sind dramatische Szenen. Über die Aktion #allesdichtmachen ist in den "Tagesthemen" nichts zu sehen.

Gegen 23.40 Uhr - die Videos erreichen tausende Abrufe

Die "Bild"-Zeitung berichtet über die Aktion. Derweil ist die Webseite der Initiatoren unter der Last der Zugriffe offenbar zusammengebrochen. Die Seite ist nicht mehr aufrufbar. Auf Youtube erreichen die Videos der einzelnen Promis bereits tausende Abrufe. Der Beitrag von Jan-Josef Liefers krazt am Freitagmittag an der 500.000-Grenze.

00.34 Uhr – der Initiator äußert sich

Der Betreiber der Website "allesdichtmachen", Bernd K. Wunder aus München, äußert sich gegenüber dem "Spiegel". "Das ist Kunst", sagt er über die Videobeiträge.

Kurz vor 1 Uhr: "Tatort"-Kollegin keilt mit Sarkasmus zurück

"Tatort"-Darstellerin Nora Tschirner teilt auf Instagram gegen ihre Kollegen aus. Sie nimmt den sarkastischen Ton der Videos auf: "Echt ja, Leude? Was‘ los da? 'Make cynicism great again'? Oder wie? Wird‘s schon boring im Loft und im Brandenburger Landhaus? Jetzt doch mal raus wagen und n büschn kokeln, weil man sich sonst um die eigene Gefühlsverwaltung kümmern müsste? Joah, kann man machen. Kann halt sein, dass man sich in ein büschn schämen wird in nen paar Jahren (Wochen?) Unfuckingfassbar."

Nach 1 Uhr – Jan Josef Liefers distanziert sich von Querdenkern

Jan Josef Liefers äußert sich. Der Schauspieler distanziert sich von Rechten und Querdenkern, die sein Video für sich vereinnahmen. "Eine da hinein orakelte, aufkeimende Nähe zu Querdenkern u.ä. weise ich glasklar zurück. Es gibt im aktuellen Spektrum des Bundestages auch keine Partei, der ich ferner stehe, als der AfD. Weil wir gerade dabei sind, das gilt auch für Reichsbürger, Verschwörungstheoretiker, Corona-Ignoranten und Aluhüte. Punkt", schreibt er auf Twitter.

Kurz nach 6 Uhr – Heike Makatsch löscht ihr Video und entschuldigt sich

Heike Makatsch zieht sich von der Aktion zurück. Ihr Video löscht sie. Sie habe das Leid der Opfer der Coronapandemie und deren Angehöriger nicht schmälern wollen, schreibt sie auf Instagram. "Sollte das geschehen sein, so bitte ich um Verzeihung." Sie habe auf satirische Weise einen kritischen Dialog führen wollen. "Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst."

Makatschs Rückzug aus der Aktion ist der vorläufige Höhepunkt in der Aufregung um die Aktion #allesdichtmachen. Mehrere beteiligte Schauspielerinnen und Schauspieler, die der stern am Freitag dazu befragen wollten, haben ein Interview abgelehnt. Wer hinter der Aktion steckt und wer sie initiiert hat, bleibt vorerst unklar. Die Debatte um die sarkastischen Beiträge und um die Coronamaßnahmen wird weitergehen. In allen Medien. 


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