HOME

Michel Piccoli: Der diskrete Charme des Monsieur Michel

Ohne Michel Piccoli, dem großen alten Mann des französischen Films und Theaters, wären viele Kinoerlebnisse der letzten Jahrzehnte weniger aufregend gewesen - besonders für Frauen.

Denn der Schauspieler, der am 27. Dezember 80 Jahre alt wird, gehörte bis in die Gegenwart zu den erotisch attraktivsten Männern auf der Leinwand. Dabei strotzte Piccoli keineswegs vor maskuliner Vitalität wie Sean Connery, ihm ging auch die elegante Gefährlichkeit seines Landsmanns Alain Delon ab. Der in Paris geborene Nachkomme einer Musikerfamilie italienischer Herkunft verkörpert vielmehr den Typ des kultivierten Großbürgers, hinter dessen gut aussehender Fassade Abgründe und Geheimnisse lauern.

Ein halbes Jahrhundert auf der Leinwand

Einer wie er lebt mit der Ehefrau zusammen auf einem Schloss, in einer Villa oder großstädtischen Luxuswohnung. Aber einer wie er hat auch stets Affären und undurchsichtige Geschäftsbeziehungen. Diesen Typ Mann hat Piccoli im Laufe seiner langen Karriere perfektioniert wie kein anderer seiner Kollegen. Und berühmte Regisseure wie Luis Bunuel, Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Louis Malle oder Jacques Rivette haben ebenso dankbar wie erfolgreich in ihren Kinoarbeiten davon profitiert. Michel Piccolis erste Bühnenauftritte liegen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Auch sein Debüt vor der Kamera gab er bereits 1945.

Doch erst sein 18. Film machte den Franzosen 1963 zum Star: An der Seite der damals ungeheuer populären Brigitte Bardot war er in Godards "Die Verachtung" zu sehen. Danach glänzte er in Bunuels Meisterwerken "Belle de Jour" und "Der diskrete Charme der Bourgeoisie". Der beste Film Piccolis unter der Regie Chabrols war 1973 "Blutige Hochzeit", in dem er einen mörderischen Ehemann hinter gutbürgerlicher Fassade spielte. Ebenfalls 1973 Jahr wirkte er in dem Kinoskandal "Das große Fressen" mit, 1974 agierte er in dem nicht minder Anstoß erregenden Streifen "Trio Infernal".

Mit Romy Schneider verstand er sich auch ohne Worte

Eine besondere Beziehung hatte Piccoli zu Romy Schneider, mit der er sechs Filme drehte, darunter auch Romys letzten Streifen "Die Spaziergängerin von Sanssouci" aus ihrem Todesjahr 1982. Über sein Verhältnis zu ihr hat Piccoli noch zu Romys Lebzeiten anrührend Zeugnis gegeben: "Während so mancher nicht ohne wörtliche Sympathiebekundungen auskommt, haben Romy und ich das Glück, uns ohne Worte zu verstehen."

Verbunden mit großer Epoche des französischen Films

"Kunst ist nicht immer schön, sie muss auch stören dürfen", begründete Piccoli seine Bereitschaft, sich auch in provokativen Stoffen als Schauspieler zu präsentieren. Seine beste Altersrolle hatte er 1991 als Maler in "Die schöne Querulantin", die von der damals ganz jungen, hinreißend verführerischen Emmanuelle Béart verkörpert wurde.

Ritter der französischen Ehrenlegion

Piccoli hat privat aus seiner Sympathie für die politische Linke nie einen Hehl gemacht. Ungeachtet dessen lebt er allerdings in dritter Ehe mit einer Großgrundbesitzerin zusammen. Davor war er mit Juliette Gréco, Frankreichs berühmter Chansonsängerin und einstiger Muse des Existenzialismus, verheiratet. Michel Piccoli, der aus erster Ehe eine Tochter hat, ist Ritter der Ehrenlegion seines Landes und westlich des Rheins eine mit Preisen und Auszeichnungen überhäufte Institution.

Dem Theater ist Piccoli treu geblieben

In den letzten Jahren hat er sich nach über 150 Filmen vom Kino zurückgezogen. Der Theaterbühne ist der Pariser des Jahrgangs 1925 bis heute stets treu geblieben. Ein spätes Debüt als Filmregisseur hat er noch 1997 gegeben, allerdings ohne bemerkenswerten Erfolg. Mit seinem Namen verbunden bleiben wird eine große Epoche des französischen Films, die ohne sein Gesicht und seine Persönlichkeit gar nicht vorstellbar ist. Im Nachbarland wird der 80. Geburtstag des großen Schauspielers nicht ohne Wehmut gefeiert werden.

Wolfgang Hübner/AP / AP