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Olli Dittrich: "Donald Duck für Erwachsene"

Jeden Sonntag live im dritten Programm: Dittsche - und wie er uns in einem Imbiss die Welt erklärt. Ein Gespräch mit dem Darsteller über seinen arbeitslosen Protagonisten und dessen Erfolgsprinzip.

Herr Dittrich, besitzen Sie einen Bademantel?

Ja, aber den ziehe ich nie an.

Warum nicht?

Das war ein Werbegeschenk von einer Plattenfirma, ich weiß nicht mal mehr, wie der aussieht. Zu Hause in so einem drittklassigen Kaufhof-Frottee-Mantel rumzulaufen - das ist doch eher so ein Gefühl wie: Zieh dich endlich mal an!

Ab dem 20. Februar geben Sie im WDR wieder "Dittsche", jenen Arbeitslosen, der sonntags in so einem grau-blauen Frottee-Modell in einem Hamburger Imbiss steht und über Gott und die Welt philosophiert. Was hat dieser Herr von Ihnen?

Im Grunde alles: Dittsche ist neben den "Blind-Date"-Figuren sicher der authentischste Charakter, der mir je eingefallen ist. Auf sonderbare Weise habe ich ihn schon Anfang der 90er Jahre erfunden, bevor es diese Comedy-Welle gab und ich bei "Samstag Nacht" war. Ich habe immer eine große Nähe gehabt zu den einfachen Menschen, die übrigens gar nicht dumm sein müssen, nur weil sie Verlierer sind; das ist ein großer Irrtum, der aber in der Comedy häufig vorkommt: dass der Proll-Typ dumpfbackig daherzukommen hat, damit er auch lustig ist. Ich weiß nicht, wie viele Supermarkt-Kassiererinnen, Kfz-Schrauber, Putzfrauen oder Hausmeister dafür herhalten mussten. Aber Verzeihung, jetzt bin ich etwas vom Thema abgekommen.

Also zurück zu Ihnen und "Dittsche".

Ach ja. Der hat insofern viel von mir, weil ich zwar nicht gerade aus verarmten Verhältnissen stamme, aber doch frühzeitig auf eigenen Beinen gestanden und viele Jahre mit zu wenig Geld in der Tasche gelebt habe. Ende der Siebziger war ich hier in Hamburg bei einem Kumpel in Eimsbüttel untergekommen. Wir haben im Sommer zusammen Fußball geguckt, draußen klingelte der Eiswagen, ich bin raus und vor mir in der Schlange stand ein Typ in Jogginghose und T-Shirt, und darüber trug er einen Bademantel - faszinierend!

Wieso das?

Weil das für ihn ganz normal zu sein schien. Und von dieser Selbstverständlichkeit schwingt auch was bei Dittsche mit. Später wohnte ich in einem anderen Teil Eimsbüttels, und dort saß immer ein Mann auf dem Balkon, auch im Winter. Der war natürlich arbeitslos, möglicherweise auch Trinker. Er hatte so nach hinten gegelte Haare und einen irrsinnig angestrengten Gesichtsausdruck. Wenn ich genau darüber nachdenke, hat sich in diesem Gesicht alles gesammelt, was an Alltagselend passieren kann. Der Mann ist auch in Dittsche eingeflossen.

Sie haben für "Dittsche" den Deutschen Fernsehpreis bekommen und sind nun für den Grimme-Preis nominiert. Warum ist ausgerechnet dieser Verlierer ein Gewinner?

Weil Dittsche nichts behauptet. Er behauptet nicht, lustig zu sein oder besonders gute Unterhaltung zu liefern. Viele Fernsehformate leben nämlich auf der Jagd nach Quote von der Behauptung: noch nie dagewesen!, noch toller!, noch mehr Film-Film! - und am Ende ist man enttäuscht, weil doch keine so große Sensation zu sehen war. Dittsche verstellt sich nicht - weder das Format, noch die Figur. Ich zeige ihn so, wie er ist. Und Dittsche kann einem nur deshalb sympathisch sein, weil er in seiner armseligen Situation alles Mögliche erfindet, um von seinem Schicksal abzulenken. Aber man lacht nicht über seinen sozialen Stand.

Man lacht über seine abstrusen Theorien.

Dittsche ist Weltmeister darin, Dinge miteinander zu kombinieren! Wenn Michael Schumacher in Bahrein beim ersten Rennen in der Wüste viel besser ist als alle anderen, dann weiß Dittsche, warum.

Wegen der Kamele, die es da gibt.

Und warum halten Kamele in der Wüste wochenlang ohne Wasser durch? Weil sie Fettreserven in ihren Höckern tragen, die irgendeine biologische Aufgabe haben, die Dittsche natürlich nicht kennt. Aber er denkt dann wie ein Kind darüber nach und sagt: Da ist Fett drin, Fett schmiert die Gelenke. Was schon mal eine sehr, sehr lustige Idee ist. Und wenn Fett die Gelenke schmiert, schmiert Fett auch einen Motor. Und wenn Dittsche darüber redet und sein Gegenüber...

... den Imbiss-Besitzer Ingo...

... so lange damit belästigt, bis der aufgibt - dann triumphiert Dittsche. Und es ist dieses kleine, persönliche Glück, mit dem sich die Zuschauer solidarisieren. Es beruhigt sie vielleicht auch, dass in einer Welt, in der sich vieles nicht mehr erklären lässt, jemand daherkommt, der ihnen eine Erklärung gibt. Dittsche ist so eine Art Donald Duck für Erwachsene.

Könnte "Dittsche" auch auf dem Arbeitsamt spielen oder in seiner Wohnung?

Ich glaube, wir müssen nicht zwingend beschreiben, wie er wo lebt - man kann sich ja vorstellen, dass er nicht gerade mit Louis Vuitton ausgestattet ist. Es gibt natürlich die Idee, das Ganze irgendwann aus dem Imbiss rauszulegen oder einen Film daraus zu machen. Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt geht es erst mal darum, Dittsche laufen zu lassen.

Was gibt's Neues von ihm - schlägt er sich mit Hartz IV herum?

Müsste er eigentlich, oder? Wir haben das schon mal angerissen, da hat Ingo ihm vorgelesen, worum es bei Hartz IV geht. Und Dittsche hat gesagt: "Dann warte ich lieber auf Hartz V". Ich weiß noch nicht, was Sonntag passiert. Wir setzen uns zwei Stunden vor der Sendung zusammen und dann wird gebrainstormed.

Sie senden seit vergangenem Herbst live...

... und mittlerweile stehen dann 30, 40 Leute vor dem Imbiss, viele davon in Bademänteln. Die kommen teilweise von weit her, und ich finde es unglaublich, wie tapfer die warten. Zehn Minuten nach der Sendung gehe ich raus und rede mit denen. Das ist super. Für mich ist das überhaupt alles sehr beglückend. Wissen Sie, ich bin ja mit "Dittsche" zwei Jahre hausieren gegangen, bis beim WDR endlich jemand daran geglaubt hat. Und ich habe so viele Sachen im Fernsehen gemacht, die quotenmäßig viel erfolgreicher waren - aber ich habe auf nichts so viel Resonanz aus dem Volk bekommen wie auf Dittsche.

Sie haben mal gesagt, Sie seien hauptberuflich "Menschendarsteller". Wie wird man so was?

Keine Ahnung. Vielleicht ist mir das tatsächlich in die Wiege gelegt worden. Ich habe schon als Kind immer irgendwelche Leute nachgemacht; am besten konnte ich Heinrich Lübke, der war damals Bundespräsident... nee, so alt bin ich schon? Ich habe aber erst viel, viel später erkannt, dass das eine außerordentliche Begabung ist, auch dieses Faible für Situationen wie die mit dem Mann im Bademantel. Das fand ich bei Heino Jaeger großartig...

... ein Zeit seines Lebens eher unbekannt gebliebener Zeichner und Kabarettist, den Sie ihr Vorbild nennen.

Heino Jaeger war eine Art Medium, er konnte das Alltägliche auf beängstigende Weise darstellen, überhöhen und trotzdem wahr bleiben. Heute kann man CDs von ihm kaufen, aber ich habe ihn in den Siebzigern schon im Radio gehört. Das war nicht sketchhaft, sondern ganz fein. Wie zwei Leute am Fenster stehen und über andere reden: "Nicht gucken, sie guckt gerade." Oder: "Er hat ja ins Lampengeschäft eingeheiratet, obwohl er wusste, dass sie Krebs hat." Diese punktgenaue Wiedergabe, die hat mich in einer Weise berührt - das kann ich gar nicht beschreiben. Vielleicht wurde damals der Grundstein gelegt für das, was ich heute mache.

Sie sind dann aber erst mal bei einer Plattenfirma gelandet als Packer und später als Produkt-Manager. Warum der Umweg?

Ich hatte mich auch ausgiebig mit Musik beschäftigt und wollte in erster Linie Pop-star werden. Am Schreibtisch war ich aber völlig verkehrt. Das habe ich leider erst gemerkt, als ich psychosomatische Störungen bekam, Krämpfe im Bauch und so Zeugs.

Warum sind Sie nicht ausgestiegen?

Ich hatte furchtbare Angst, anderen auf den Schlips zu treten und unpopuläre Entscheidungen zu treffen, also zog sich das hin. Die letzten zwei Jahre in der Firma, von 1983 bis 85, waren ganz schlimm, da war ich eine Zeit lang in therapeutischer Behandlung, weil ich einen Steigbügelhalter brauchte, der mir half, da rauszukommen. Und dann habe ich mein ganzes Leben umgestellt - mich von meiner damaligen Freundin getrennt, die Wohnung gewechselt. Und angefangen, Songs zu schreiben.

Kehrten die Depressionen zurück, als Ihr erstes Album "Modern Guy" floppte?

Da brach schon ein bisschen was zusammen. Denn es war ja das Ziel, Musiker zu sein, für das ich all die Jahre gelitten hatte - pathetisch ausgedrückt.

Ihr späterer Gesangserfolg mit Wigald Boning als "Die Doofen" muss sehr befremdlich für Sie gewesen sein.

Wenn man wenige Jahre zuvor noch beim Zahnärzte-Ball die feine Gesellschaft mit Oldie-Musik begrüßen durfte, ist es natürlich großartig, mit Bon Jovi auf Stadion-Tournee zu gehen und zu rufen: "Seid ihr alle doof?" - und 70.000 Menschen brüllen "ja". Aber "Die Doofen" sind eher zufällig entstanden, aus der Leichtigkeit von "Samstag Nacht" heraus - und diese Dimension war überhaupt nicht beabsichtigt. Erfolg kann man nicht planen. Aber man kann ihn prima verhindern, indem man sich als Erstes überlegt: Wie kriege ich möglichst viele Plattenkäufer oder eine hohe Quote?

Warum sind Sie dann ausgerechnet bei "Wetten, dass..?" angetreten, um die Außenwetten zu präsentieren?

Nach fünf Jahren erfolgreicher Comedy dachte ich, ich müsste diese Präsenz aufrechterhalten. Es war auch sehr prickelnd, was da passierte, wenn die fünf Minuten vor der Sendung 20 Elefanten in Trainingsanzügen aufzutreiben versuchten oder so was. Mich hat die Moderation aber nicht glücklich gemacht, bei den Zuschauern ist davon auch nichts hängen geblieben. Ich bin nur gut, wenn ich hundert Prozent Olli sein kann. Also habe ich mich nach zwei Jahren wieder verabschiedet. Und das ist das, worauf ich wirklich stolz bin: Dass ich über die Jahre mein Bewusstsein geschärft habe, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Bei mir zu bleiben und den Ball flach zu halten.

Nichts, sagen Sie gern, sei spannender als das wahre Leben. Wie sieht Ihres aus?

Was soll ich da jetzt groß erzählen?

Sie sind vor vier Jahren Vater geworden...

... ach so, ja, natürlich. Das ist das größte Glück, was es gibt. Mein Sohn Jonathan ist ein lustiger, einfallsreicher kleiner Kerl, der ganz viel spielt. An ihm sehe ich auch, dass ich im besten Sinne nichts anderes mache, als mir diesen unbändigen und furchtbar unstrategischen Spieltrieb bis ins höhere Alter aufrechtzuerhalten. Oder ihn mir wieder gestatte, seit ich "Dittsche" mache.

Wie spielen Vater und Sohn Dittrich?

Neulich haben wir im Fernsehen eine Dokumentation über Schatztaucher gesehen. Das hat ihn irrsinnig fasziniert, danach wollte er sofort Taucher sein, aber nicht irgendeiner, sondern ein Spezialtaucher. Ich habe ihm dann eine Ausrüstung gebastelt: Aus alten Plastiktüten wurden Flossen, aus zwei Papprohren eine Doppel-Tauch-Flasche. Wir haben so einen großen Teppich, der war das Meer, da wurden Gegenstände raufgeworfen, und der Spezialtaucher ist herumgeschwommen und hat all die Sachen vom Meeresboden geholt. Großartig!

Sehen Sie eigentlich gern fern?

Das lässt immer mehr nach. Ich gucke noch Fußball, gute Filme auf Premiere und natürlich Harald Schmidt, ohne den das deutsche Fernsehen ganz mager wäre. Auch wenn er einen schlechten Tag hat - mich interessiert einfach, was ihn umtreibt. Aber wenn ich diese Dschungel-Shows sehe oder Leute in Talkshows, die plötzlich anfangen, im Dialekt zu sprechen, weil sie glauben, das sei lustig, es aber nicht können - da sitze ich zu Hause und werde rot.

Interview: Ulrike von Bülow/ Kester Schlenz / print