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Academy Awards: And the Oscar goes to ...

... Glenn Close. Da sind wir uns ziemlich sicher. Wer wird in der kommenden Nacht bei den Academy Awards noch gewinnen? Der stern verrät seine Favoriten – und blickt auf ein Filmjahr zurück, in dem sich vieles verändern sollte. Hat es?

Von Christine Kruttschnitt

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Beste Hauptdarstellerin

Glenn Close / "Die Frau des Nobelpreisträgers"

• Lady Gaga / "A Star Is Born"

• Olivia Colman / "The Favourite"

• Melissa Mccarthy / "Can You Ever Forgive Me?"

• Yalitza Aparicio / "Roma"

Dieses Jahr kann es nur eine geben: Glenn Close. Sechsmal war die 71-Jährige nominiert, beim nun siebten Mal wird's klappen, und der Oscar wird auch eine Auszeichnung für ihre Karriere sein. Trotz einer herzzerreißenden Lady Gaga und einer fulminanten Olivia Colman: Glenn ist Gold.

Als der amerikanische Präsident vergangene Woche den Notstand ausrief, herrschte in Hollywood kurz Verwirrung: Hatte Donald Trump etwa die brisante Lage der Branche erkannt?

In der Nacht von Sonntag auf Montag findet die 91. Oscar-Verleihung statt – aber der alljährliche Festakt, normalerweise präzise geplant wie eine Militäraktion, schwurbelte im Vorfeld von Panne zu Fettnapf zu Schmach: Erst verloren die Organisatoren ihren Moderator (der Komiker Kevin Hart hatte mal Schwulenfeindliches getwittert) und dann vollkommen die Pedale, indem sie verkündeten, einige Oscar-Statuetten unter Ausschluss des Fernsehpublikums in der Werbepause zu verteilen. Hollywood stand kopf. In einem Branchenblatt fiel der Ausdruck "Schülertheateraufführung"; sachlicher kommentierte Oscar-Preisträger Russell Crowe: "So scheißblöd, ich bin sprachlos." Ein "Academy"-Mitglied greinte, die Zeremonie drohe "zu einem Schaulaufen von Berühmtheiten" zu verkommen, na so was.

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Erst im vergangenen Jahr hatte sich die "Academy" aufgefrischt und mehr als 900 neue Mitglieder ernannt: jüngere Leute zumeist, viele Hautfarben, unterschiedliche Frauen. Modernisierung tat not – dank Harvey Weinstein, dem Mann, dem rund 100 Frauen sexuelle Nötigung oder Vergewaltigung vorwerfen und dessen Schmutzspur ein uraltes, doch erschreckend funktionstüchtiges System von Sexismus, Erpressung und Gewalt offenbarte. Die MeToo- und Time's-Up-Bewegungen haben die Traumfabrik gründlicher verändert, als der Mogul und seinesgleichen dies jemals vermocht hätten.

Schnitt: Auf der Strafbank

Weinstein arbeitet derweil in Manhattan an der wichtigsten Produktion seines Lebens: Er stellt sein Dreamteam aus Staranwälten zusammen, die ihn beim Prozess im Mai verteidigen sollen. An seine Rückkehr ins Showgeschäft glaubt kein Mensch. Beendet sind wohl auch die Karrieren von Oscar-Preisträger Kevin Spacey, dessen Prozess wegen sexueller Nötigung Anfang des Jahres begann, und von Bryan Singer, dem Regisseur des Musikfilms "Bohemian Rhapsody". Dem wegen "erratischen Benehmens" kurz vor Ende der Dreharbeiten gefeuerten Singer werfen vier Männer vor, dass er sie missbraucht habe. Sein aktuelles Filmprojekt wurde auf Eis gelegt.

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Und doch rumort in Hollywood die Frage, ob und wann eigentlich die Täter zurück in ihr altes Leben dürfen. Beispiel John Lasseter, der ehemalige Kreativ-Guru des Trickstudios Pixar: Er verlor 2018 seinen Job, weil er Untergebene begrapscht und mit anzüglichen Bemerkungen genervt hatte. Im Januar trat er überraschend einen neuen Chefposten an, und bald darf Lasseter, der an zwei Oscar-nominierten Animationsfilmen beteiligt ist ("Die Unglaublichen 2" und "Chaos im Netz"), wieder nette Filme drehen.

Und Frauenrechtlerinnen wie Jane Fonda rollen mit den Augen. "Es ist doch keine Frage der Zeit, wann diese Männer rehabilitiert sind", schimpft die 81-Jährige. "Oh, der arme hoch bezahlte Studiomanager darf nicht in seinen alten Job zurück, buhu – scheiß drauf! Soll er doch bei Starbucks anheuern. Wenn er nichts dazulernt, hat er im Chefzimmer nichts verloren, es gibt genug Frauen, die dort hingehören."

Schnitt: Königinnen

"Ich bin 71 und fühle mich so gut wie nie", sagt Glenn Close. Am kommenden Sonntag wird sie zum siebten Mal hören, wie auf der Bühne des Dolby-Theaters ihr Name aufgerufen wird – aber diesmal, da ist sich die Fachwelt sicher, wird sie das Goldmännchen auch mit nach Hause nehmen. Denn das Ehedrama "Die Frau des Nobelpreisträgers" hat Close nicht nur eine der besten Rollen ihrer rund 50-jährigen Karriere beschert: Es fühlt sich an wie eine Allegorie auf die MeToo-Bewegung.

Die Heldin dümpelt an der Seite ihres erfolgreichen Mannes, trägt ihm die Brille und den Mantel hinterher und verfasst doch heimlich seine hochgelobten Bücher. Close freut sich, dass diese Geschichte endlich den Weg auf die Leinwand gefunden hat: Bisher blieben so viele Frauenschicksale unsichtbar.

Ihre eigene Mutter war eine dieser stillen Durchhalterinnen. Kurz vor ihrem Tod klagte sie, sie habe nichts erreicht im Leben. Es brach der Tochter das Herz. Im Film antwortet ihre Figur taktvoll auf die Frage, was denn ihr Beruf sei: "Ich bin eine Königsmacherin." Heute, sagt Close, "sind wir lieber selber Königinnen. Wir haben unsere eigenen Träume."

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Sie glaubt, die MeToo-Bewegung werde "die Situation von Frauen in der Arbeitswelt zweifellos verbessern. Aber ich glaube, sie wird übers Ziel hinausschießen." Muss man, frage sie sich, tatsächlich das gesamte Werk eines Menschen ablehnen, weil er sich schlecht benommen hat? "Wir sind komplexe Wesen, ein und dieselbe Person kann doch Schönes schaffen und Abscheuliches tun. Manchmal entsteht so Kunst."

Schnitt: Unter der Glasdecke

"Ein Jahr lang haben wir jetzt geschimpft und geklagt", sagt Adrienne Becker, Chefin des Start-up-Studios Level Forward. "Das ist zwar heilsam, aber nicht besonders produktiv. Jetzt muss sich wirklich was ändern." Sie hat ihre Firma unmittelbar nach Bekanntwerden des Weinstein-Skandals gegründet. Alle Angestellten sind weiblich, Ziel ist es, Filme für Frauen von Frauen zu machen.

Immerhin haben seit 2009 Frauen in mehr als der Hälfte aller Oscar-nominierten Dokumentarfilme Regie geführt, und von den neun Filmen, die auch gewonnen haben, waren vier von Frauen inszeniert. Doch der Einstieg in diese Sparte ist leichter als ins Unterhaltungskino: Die Budgets sind so viel geringer – da lassen die Studios auch Ladys ran. Bislang waren 450 Regisseure für den Oscar nominiert, nur fünf davon weiblich; gewonnen hat einzig Kathryn Bigelow. Auch in diesem Jahr stehen ausschließlich Männer an – was besonders frustrierend ist, weil einige exzellente Filme von Frauen gedreht wurden: darunter "Can You Ever Forgive Me?" von Marielle Heller und "Maria Stuart, Königin von Schottland" von Josie Rourke.

Dafür tut sich was vor der Kamera: In 40 der 100 erfolgreichsten Filme 2018 haben Frauen Hauptrollen gespielt, so eine Studie der Universität von Südkalifornien. "Dieses Filmjahr bringt einen mächtigen Fortschritt", bestätigt die Produzentin Ceci Dempsey, in deren Oscar-Beitrag "The Favourite" gleich drei Frauen im Zentrum stehen. "Ich wünsche mir nur, dass man das eines Tages nicht mehr betonen muss, sondern dass es völlig normal ist."

Hollywood verzeichnete 2018 weltweit Rekordeinnahmen von 42 Milliarden Dollar. Der Zusammenhang mit dem hohen Frauenanteil liege auf der Hand, sagen die Autoren der Studie: "Die Industrie hat Geschichten erzählt, in denen die Zuschauer sich wiederfinden. Und dafür ist sie offenbar belohnt worden."

Der erste Film in diesem Jahr, von dem sich die Branche ein starkes Einspielergebnis erhofft, ist Anfang März "Captain Marvel". Oscar-Preisträgerin Brie Larson spielt die intergalaktische Superpilotin, die erste Titelheldin aus dem testosteronschweren Marvel-Stall. Hinter der Kamera steht Anna Boden, dies ist auch ihr erster Ausflug ins Action-Genre. Feminismus, so scheint's, ist die neue Superkraft.

Schnitt: Diesseits von Afrika

"Black Panther", dito ein Marvel-Superheld, war mit einem Einspielergebnis von 1,3 Milliarden Dollar weltweit ein Blockbuster. Darüber hinaus aber entwickelte sich das Epos mit seinen stolzen Kriegerinnen zu einem Phänomen – eine Ode nicht nur an starke Frauen, sondern auch ans schwarze Amerika. Der Film kam in die US-Kinos, etwa ein halbes Jahr nachdem im Städtchen Charlottesville der Ku-Klux-Klan aufmarschiert war und Präsident Trump die Ultrarechten in Schutz nahm. Im mythischen Kulturpotpourri des Königreichs Wakanda fanden viele Zuschauer ein gerechteres Zuhause als in ihrem politisch zerrissenen Land. "Black Panther" bot Trost, traf mitten ins Herz – und war supercool. Viele US-Kritiker und Fans wünschen sich, "Black Panther" würde zum Sieger gekürt. Es wäre eine Sensation.

Und es brächte Quote: "Dies wird eine der erfolgreichsten Shows der letzten Jahre, garantiert!", frohlockt der Filmemacher Spike Lee, der, man glaubt es kaum, zum ersten Mal in seiner langen und aufregenden Karriere für einen Regie-Oscar vorgeschlagen ist.

Gegenüber dem letzten Mal kann es nur besser werden: Der Gewinn der amphibischen Lovestory "Shape of Water" brachte der Oscar-Verleihung die miesesten Zuschauerzahlen von allen. Tja, als "Titanic" gewann, das waren noch Zeiten: 55 Millionen Amerikaner saßen damals, 1998, vor der Glotze und schauten sich die Show an – geschlagene drei Stunden und 37 Minuten lang.

Die Katastrophen-Romanze galt einst als idealer Oscar-Film. Große Stars, große Gefühle: Nach dem Schema müsste jetzt "A Star Is Born" gewinnen. In den vergangenen Wochen gab es kaum einen Sendeplatz im US-Fernsehen, an dem nicht Bradley Cooper seine blauen Augen aufschlug oder Lady Gaga ihren Oscar-nominierten Ohrwurm "Shallow" knödelte.

Früher: ein glasklarer Sieger. Heute steht nur eines steht fest: Es wird ein langer Abend.

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