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PREMIERE: Shrek in der Abendstunde

Echt schrullig und voll am Computer entstanden: Hollywoods derzeit erfolgreichster Kinoheld ist grün, monströs und digital - und kriegt am Schluss die Prinzessin

Von Ildikó von Kürthy

Nein, nicht wie mit George Clooney. Oder wie vor ein paar Jahren mit Keanu Reeves. Und selbstredend auch nicht wie damals mit Clint Eastwood. Verflucht, ist das lange her, Clint hatte noch dunkles Haar und ritt für eine Hand voll Dollar. Das waren Männer, die man für schmutzige Fantasien benutzen konnte. Leckere Typen mit trainierten Oberkörpern. Die uns leidenschaftlich in den Schlaf knutschten, die halbe Nächte mit uns verschwitzten, während der oft so erschreckend reale Lebensgefährte mit unsympathischen Kumpels noch ein paar Bierchen zischte. Nein, für solche Fantasien taugt er natürlich nicht, der Shrek. Aber mit Shrek ist es auch schön.

Shrek ist ein Märchen. Mit Shrek wird alles gut. Frauen lieben ihn sowieso. Und Männer, weil er kräftig ist, laut pupst und Kerzen aus seinem Ohrenschmalz dreht. Du liebst ihn, weil du ein Kind bist. Oder weil du mal eins warst. Du liebst ihn reflexartig und für alle Zeiten, so wie Balu den Bären, so wie den König der Löwen oder, unübertroffen, so wie Elliott das Schmunzelmonster. Shrek ist hinreißend, dabei, im klassischen Sinne, nicht mal gut aussehend. Seine Ohren sind kleine grüne Trompeten, seine Nase sieht aus wie ein häufig benutzes Sitzkissen, kahl ist er wie Kojak und grün von oben bis unten wie sehr junger Spinat. Shrek ist der größte Kinoheld dieses Jahres, dabei, im klassischen Sinne, noch nicht mal ein richtiger Mann.

Shrek ist eine Zeichentrickfigur im gleichnamigen Zeichentrickfilm? Das klingt, als würde man sagen, Michael Jackson ist ein musizierender Afroamerikaner und der Papst ein praktizierender Katholik. Stimmt alles. Aber auch nur theoretisch. Shrek ist mehr. Der Film ist das Tollste und Beeindruckendste und Seltsamste, was derzeit mit Computeranimation machbar ist. Ein märchenhafter Trickfilm, irritierend real. Alle Figuren, die bezaubernde Prinzessin, der saukomische Esel, der widerliche Möchtegernprinz und der schrullige Shrek, wurden mit einer besonderen Technik erschaffen. Aufgebaut von innen nach außen: Die Muskeln bewegen sich über den Knochen. Die Haut bewegt sich über den Muskeln. Die Kleidung bewegt sich auf der Haut. Jede Pupille wurde individuell animiert, jedes Blatt, das sich im Wind wiegt, jede Falte, die ein Stück Stoff wirft, und jeder Lichtschimmer, der sich auf das Fell des Esels oder das Haar der Prinzessin legt.

Drei Jahre arbeiteten die Experten an »Shrek« und leisteten manches Mal zu viel. Die holde Prinzessin sah plötzlich so echt aus, dass sie in die Fantasiewelt um sie herum nicht mehr hineinpasste. Sie musste ein wenig zurückgestutzt, weniger realistisch werden. Trotzdem: Die Gesichter der »Shrek«-Figuren mit ihren runzelnden Brauen, den weichen Lippen und ausdrucksvollen Augen zu sehen ist, wie in eine Welt zu gucken, die haarscharf nicht die unsere ist. Das ist so faszinierend, dass man den Film zweimal anschauen sollte. Einmal, um zu staunen. Und ein zweites Mal, um die vielen Anspielungen und ironischen Wendungen zu genießen.

Shrek, grummeliges grünes Monster, lebt allein im Sumpf. Das ändert sich, als ihm ein plappermäuliger Esel seine Freundschaft aufdrängt und eine Horde ausrangierter Märchen- und Zeichentrickfiguren sich auf Shreks Grund und Boden niederlässt. Das Monster beschwert sich an zuständiger Stelle. Der böse Lord Farquaad schlägt einen Handel vor: Sobald Shrek die Prinzessin Fiona aus dem Schloss ? das selbstverständlich von einem Drachen bewacht wird ? befreit hat, werden die unbeliebten Figuren den Sumpf verlassen, und der Lord wird die Prinzessin heiraten, um so endlich rechtmäßig Prinz zu werden.

Völlig logisch, wie?s weitergeht: Fiona wird befreit, verliebt sich in Shrek, heiratet fast den Falschen, lüftet ihr Geheimnis, und zum Schluss haben sogar der lustige Esel und der feuerspeiende Drache passende Lebenspartner gefunden. Selbstverständlich ist das alles schon mal da gewesen. Klar haben wir »Die Schöne und das Biest« gesehen und »Pinocchio« und »Robin Hood« und »Schneewittchen und die sieben Zwerge« und »Aschenputtel«. Und je besser man sich in Walt Disneys Zeichentrickfilmwelt auskennt, desto lustiger ist »Shrek« anzuschauen. Alte Bekannte tauchen auf, werden verhauen, so wie Robin Hood, oder verspottet, so wie Schneewittchen. Und bei all diesen Seitenhieben mag es wohl kein Zufall sein, dass der Produzent von »Shrek«, Jeffrey Katzenberg, mal bei Disney was zu sagen hatte, ehe er dort nicht gerade im Frieden schied.

Und romantisch ist »Shrek« auch. Nun ja, streckenweise. So gut es geht. Manchmal geht es aber auch grad mal nicht. Wenn Fiona total verkitscht im Wald mit dem Vöglein ein Liedlein trällert. Und sich dabei in so schrille Höhen emporquietscht, dass das liebliche Vöglein zerplatzt und drei verwaiste Eier im Nest zurücklässt, die ein lecker Frühstück ergeben. »Shrek« ist voll solcher derber Witze, unangenehmer Körpergeräusche, Insider-Ironie ? und trotzdem rührend und herzerfreuend. Weil er, wie alles, was bunt und erfolgreich ist und aus Hollywood kommt, einen guten Schluss und eine gute und uralte und oft zitierte Botschaft hat: Man sieht nur mit dem Herzen gut.

Und deswegen wird Shrek sie alle überdauern. Clint Eastwood ? alt geworden. Keanu Reeves ? speckig an den Hüften. George Clooney ? liebt in echt nur sein Hausschwein und wird jetzt langsam grau, was ihm, zugegeben, hervorragend steht. An unseren Helden nagt der Zahn der Zeit, aber Märchenfiguren bleiben unverändert. Die sieben Zwerge ? werden nicht weniger. Bernard und Bianca ? ein Paar für die Ewigkeit. Mogli ? jung und faltenfrei. Arielle die Meerjungfrau ? unberührt für die kommenden Jahrtausende. Das hat doch was Beruhigendes. Clint, es war schön mit dir. Aber mit Shrek wird alles gut. Und zwar für immer.