HOME

Premiere von "Kinder der Sonne": Wohlhabend, intelligent, frei - und todunglücklich

Kleine Theater-Sternstunde in Berlin: Mit Starbesetzung zeigt das Deutsche Theater Gorkis Tragikomödie "Kinder der Sonne". Die Darsteller Ulrich Matthes, Katharina Schüttler und Nina Hoss wurden bei der Premiere begeistert gefeiert.

"Ich geh' mal arbeiten", sagt der Genforscher Pawel und drückt sich so vor jedem zwischenmenschlichen Konflikt. Mit seinem genetisch veränderten Mais will er den Hunger in der Welt beenden. Was aber vor seiner eigenen Haustür oder in seinem eigenen Wohnzimmer passiert, das interessiert ihn nicht.

Ulrich Matthes spielt diesen ignoranten Wissenschaftler in der am Freitagabend in Berlin bejubelten Neuinszenierung von Gorkis "Kinder der Sonne". Am Deutschen Theater holte Regisseur Stephan Kimmig Gorkis 105 Jahre alte Tragikomödie geschickt in unsere Gegenwart.

Neben Matthes stehen weitere Stars der deutschen Schauspielszene auf der Bühne: Nina Hoss spielt Pawels frustrierte, zynische Ehefrau Jelena, Katharina Schüttler seine nervlich angeschlagene, hellsichtige Schwester Lisa. Als die unglücklich in Jelena und Lisa Verliebten treten Sven Lehmann als rustikaler Maler Dimitrij und Alexander Khuon als in seinem Liebeswahn völlig aufgelöster Tierarzt Boris auf. Katrin Wichmann gibt die reiche Witwe Melanija, die den Professor anbetet.

Sie sind "Kinder der Sonne", wie Pawel philosophiert. Wohlhabend und mit guten Jobs, intelligent und frei. Aber leider todunglücklich. Und auch wenn sie es noch nicht bemerkt haben: Schon längst hat sich ein Schatten über die Sonne gelegt. Während sich drinnen die emotionalen Konflikte zuspitzen, fordert draußen eine Grippe-Epidemie - bei Gorki war es die Cholera - Todesopfer. Das "einfache Volk" begehrt auf und steht in Gestalt von Hausmeister Jegor (Markus Graf) schon drohend vor der Tür.

Die Hausbewohner empfinden das Leben aber viel zu lange schon als so kompliziert, dass sie überhaupt keine Kraft - und im Falle von Pawel auch gar keine Lust - haben, um über ihren eigenen Tellerrand zu schauen. Diese Ignoranz könnte sich am Ende bitter rächen. Bühnenbildnerin Katja Haß hat für die Charaktere eine Art Gewächshaus ohne Scheiben konstruiert, dessen weiße Stangen schräg Richtung Zuschauerraum streben. Einige selten benutzte Stühle stehen als einzige Requisiten ganz hinten am Bühnenrund. Daneben eine vertrocknet wirkende Topfpflanze.

Aussagekräftiger sind da die von Anja Rabes gestalteten Kostüme, die die Gefühlswelt jeder Figur ganz offensichtlich machen. Matthes trägt als Pawel ein knitterndes, aus der Form gehendes Leinenjackett zur schlabbrigen Cordsamt-Hose. So kleidet sich jemand, dem vieles egal ist. Hoss hat als Jelena ein groß gemustertes Kleid und eine schrill türkisfarbene Stola an und signalisiert damit Aufbruchstimmung. Schüttler versteckt sich als ängstliche Lisa in einem unschuldig weißen, riesigen Kuschelpullover.

Kimmig und seinem Team ist ein spannender Theaterabend voller Witz und Verve gelungen. Neben Matthes ist Katharina Schüttler am überzeugendsten in ihrer Rolle. Wie sie als zerbrechliches Nervenbündel an der Welt verzweifelt, weil sie als einzige genau weiß, wie es um diese Welt steht - das ist absolut sehenswert.

Elke Vogel, DPA / DPA