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Shahrukh Khan: Der nette Herr Allgegenwärtig

Indien ist einer der aufstrebenden neuen Großmächte. In einer siebenteiligen Serie hat stern.de den faszinierenden Subkontinent porträtiert. Diesmal: Bollywoods Superstar Shahrukh Khan. Er ist klein und begrenzt talentiert und dich allgegenwärtig. Was bloß findet Indien an diesem Kerl?

Von Teja Fiedler, Mumbai

Manchmal kommt am Sonntagnachmittag ein schlanker Typ um die 40 mit einer kräftigen Nase zum Fußballplatz der American School im schicken Mumbaier Kurla Complex und kickt mit den Jungs der Schule. Er spielt einen ganz ordentlichen Ball, meist defensiv, und wenn er jemand unabsichtlich auf die Knochen haut, entschuldigt er sich höflich. Manchmal hat er sein Töchterchen dabei, das seine Aktionen beklatscht, und sein Chauffeur, der am Spielfeldrand steht, sieht so fit aus, als könnte er auch sein Leibwächter sein.

Der Freizeitkicker mit dem soliden rechten Fuß ist Bollywoods Superstar Shahrukh Khan, landesweit kurz King Khan oder noch kürzer SRK genannt. Der Sonntagstrip zum eher versteckt liegenden Bolzplatz ist so ziemlich der einzige Ausflug in den öffentlichen Raum, wo King Khan nicht von seinen Untertanen gehuldigt wird, sprich, wo ihn weder Presse noch Fans verfolgen.

Ein allgegenwärtiges Grinsen

Diesen Freiraum muss Indiens berühmtestes Gesicht als Atempause im Prominenten-Zirkus genießen. Doch noch mehr genießt er offensichtlich die Allgegenwart, die ihn - wie die Amerikaner so schön sagen - "bigger than life", überlebensgroß, gemacht haben. SRK ist ja nicht nur das Kürzel für Bollywoods erfogreichsten Schauspieler. SRK grinst von unzähligen Reklamewänden und aus unzähligen TV-Spots für Produkte von Satellitenschüsseln, Computern und Handys über Coca Cola, den neuen indischen Formel Eins Rennstall "Force India" des Bierkönigs Vijay Mallya bis zur Eigenreklame für seine Cricket-Mannschaft "Kolkata Night Riders" und eine Herrenpflege-Serie namens "Tigerauge". (die Parfümproduzenten fanden den angeblichen Raubtierblick als Shharukhs hervorstechendstes Merkmal.)

SRK wird auf jeder Party, jeder Hochzeit von Belang gesehen und wenn er einmal nicht auftaucht, dann ist diese Feier automatisch zum B-Event degradiert. Er findet die Zeit - und hat das strategische Geschick - Popcorn kauend zusammen mit Sohn und Tochter in der ersten Reihe jeder wichtigen Partie der Cricket-Nationalmannschaft zu sitzen, oder bei Produktionen befreundeter Regisseure mit einer der in Indien so beliebten und für die Handlung eher bedeutungslosen Tanz-und Gesangnummern einzuspringen - das fördert den kommerziellen Erfolg des Films ungemein. Er moderiert zwei höchst populäre TV-Shows und ist seit ein paar Jahren auch noch als Bollywood-Produzent erfolgreich.

Nicht zu fein fürs Fußvolk

Und trotz aller selbstverschuldeten Hektik und einem rasend anschwellenden Bankkonto ist er ein netter Kerl. Wenn auch mit Schlafmangel und dem unbezähmbaren Verlangen, die nächste Zigarette anzustecken, noch bevor er die letzte zu Ende geraucht hat. Denn Shahrukh Khan beklagt sich nicht wie so viele Celebrities über die ach so schwere Bürde, prominent zu sein: "Ich finde es seltsam, wenn sich Stars hinter Sonnenbrillen verstecken und über ihre Berühmtheit jammern. Schließlich haben sie sich ja dieses Leben selbst ausgesucht. Sobald mich meine Prominenz nervt, dann denke ich jedes Mal daran, wie es wäre, wenn mich niemand auf der Straße erkennen würde. Ich finde den Gedanken erschreckend."

Auf den chaotisch-hemdsärmligen Sets in den Bollywood-Studios ist King Khan so beliebt wie kaum ein anderer Star. Der Hauptdarsteller in ein paar dutzend Filmen setzt sich etwa im Gegensatz zum fast so berühmten jedoch launischen und abweisenden Alt-Mimen Amitabh Bhachan in den Drehpausen zum Fußvolk, schwätzt mit Beleuchtern und Haarstylisten und ist sich nicht zu fein, auch mal eigenhändig eine Requisite von A nach B zu umzustellen.

In seinem auch außerhalb Indiens sehr erfolgreichen Film "Om Shanti Om" von 2007 fiel der eher zierliche Shahrukh unter anderem durch seinen plötzlich modellierten Oberkörper auf. Das brachte nicht nur die Damenwelt in Wallung. Auch Indiens männliche Mittelklasse, sonst eher zum Wohlstandsbäuchlein neigend, rannte plötzlich ins Fitness-Studio um sich eine SRK´s ähnelnde Bauchmuskulatur anzueignen. (Insider argwöhnen allerdings, an King Khans Atlethenkörper im Film habe die Computer-Retusche bedeutenden Anteil.) Selbst das Ausland hat ihn als Ikone Bollywoods akzeptiert. Shahrukh Kahn erhielt etwa den französischen "Ordre des Arts et des Lettres", Orden für Kunst und Literatur. Er steht bleich und ernst in Madame Tussaunds Londoner Wachsfiguren-Kabinett und hat in Deutschland eine enthusiastische Fangemeinde.

Was macht den Sohn muslimischer Eltern aus dem heutigen Pakistan, der seit 1991 mit seiner hinduistisches Frau Gauri - nach hinduistischem Ritus - verheiratet ist und in Mumbai lebt, so rundum erfolgreich? "Er ist nicht so gut aussehend wie Hrithik Roshan" (ein anderer bekannter Kinostar), sagt der Kolumnist Sandipan Deb, "er ist ja nicht einmal ein ganz großer Schauspieler. Aber in jedem seiner Filme gibt er sein Bestes, um das Publikum zu unterhalten." Der wichtigste Grund für seine Popularität aber sei, dass der 42-Jährige als Kumpel rüberkomme wie sonst keiner. Nicht hochnäsig, nicht auf erotischem Dauertrip. "Wenn deine Frau sich ein Bild von Shahrukh an den Küchenschrank hinge, würde dich das nicht aufregen. Wenn deine Schwester ihn als Boyfriend mit nach Hause brächte, würdest du ihn sofort zu deinem Saufkumpanen machen."

Natürlich zieht Jedermanns Liebling Neider an wie Speck die Mäuse. Einer, der am Ruhm des Superstars nagen will, ist sein Leinwand-Konkurrent Aamir Khan (nicht mit Shahrukh verwandt.) Er behauptet seit längerem, relativ erfolglos, sowohl besser als auch schöner zu sein als der Namensvetter und hat jetzt seinen Hund "Shahrukh" genannt. Was King Khan mit leichter Hand kommentierte: "Früher haben die Leute ihren Kindern die Namen berühmter Menschen gegeben. Wenn jetzt jemand seinen Hund danach benennt, so ist das ein neuer, interessanter Trend. Ich habe kein Copyright auf Shahrukh solange mein Name nicht kommerziell genutzt wird."

Diese Selbstironie trägt wesentlich dazu bei, dass trotz der manchmal erschöpfenden medialen Überpräsenz Bollywoods Posterboy weiterhin den Rest der Szene überragt. Gefragt, ob er denn auch mal an Hollywood denke, antwortete SRK: "Manchmal würde ich schon gerne wissen, wie es ist, mit Größen wie Robert de Niro, Al Pacino oder Meryl Streep zu arbeiten. Aber ich bin über vierzig, ziemlich klein und habe nur begrenztes Talent. Mein Englisch ist auch ziemlich schwach und ich kann weder Kung Fu noch kann ich Salsa tanzen. Daher halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass Steven Spielberg am Flughafen auf mich warten würde."

Liebe Leser, die Serie "Planet Indien" ist im September dieses Jahres erschienen - also vor den Terroranschlägen in Mumbai. Wir haben uns entschieden, die Texte nicht entsprechend zu aktualisieren, d. Red.