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Sofia Coppola: Coolness ist ihre glühendste Leidenschaft

Früher wurde sie als Berufstochter verhöhnt. Inzwischen gilt Sofia Coppola als Stil-Ikone und talentierte Regisseurin. Mit ihrem dritten Film "Marie Antoinette" erzählt sie auch ein bisschen über sich selbst.

Von Christine Kruttschnitt

Man kann nicht gerade sagen, dass Marie Antoinette ihr Alter Ego ist, aber Sofia Coppola hat definitiv Erfahrung darin, hingerichtet zu werden.

Mit 19 Jahren - also 18 Jahre jünger als die unglückliche Franzosenkönigin an ihrem letzten Tag auf dem Schafott - spielte Sofia eine tragende Rolle im dritten "Paten"-Film ihres Vaters. Das rehäugige und schmerzhaft linkische Mädchen wurde von den Kritikern geschlachtet, Francis Ford Coppola für seinen blinden Nepotismus verhöhnt. "Hätte ich je Schauspielerin werden wollen", sagt Sofia heute mit dieser dunklen, zähfließenden Stimme, "dann hätte mich diese Geschichte ein für allemal abgetörnt." Sie wollte aber gar nicht, und Regisseurin wollte sie damals auch noch nicht werden, nur halt irgendwas Kreatives É der zähe Fluss kommt noch mehr ins Stocken, die braunen Augen saugen sich an einem Punkt in der Unendlichkeit fest É oder ist er an der Zimmerdecke? É Irgendwas mit Kunst, murmelt sie schließlich, sie wusste es halt nicht, und genau darüber macht sie heute Filme.

Sofia Coppola, 35, ist mit nur drei Kinofilmen zu einer Art Fachfrau fürs Ungefähre geworden. Trotz prächtigem Siebenmonatsbauch - im Dezember erwartet sie ihr erstes Kind - strahlt sie etwas still Mädchenhaftes aus, wirkt ganz und gar nicht wie eine Entscheiderin, die über Millionen-Budgets verfügt und auf Film-Sets Bataillone von Technikern befehligt. Ein wenig verhuscht kommt sie einem vor, wie jene Mädchen, die im Restaurant kompliziert bestellen und dann vergessen zu essen; eine eigentümliche Mischung aus Schüchternheit und warm knisterndem Selbstvertrauen. Es ist genau jene Unbestimmtheit, die auch ihre Heldinnen prägt: junge Frauen auf der Suche nach sich selbst, stets unter den erschwerten Bedingungen von Privilegien und Ennui; ganz so, als wären ihre Väter Hollywood-Legenden und als hätten sie ihre Kindheit auf den Schößen weltberühmter Zeitgenossen verbracht.

Sofia, als Elfjährige zum Beispiel Gast auf Andy Warhols Knien, tändelte erst mit einem Kunstgeschichtestudium herum, fing an zu fotografieren, machte ein Mode-Praktikum bei Karl Lagerfeld. Erst als sie den Roman "Die Selbstmord-Schwestern" las - fünf Mädchen nehmen sich in einem Akt ultimativen Identitätsverlusts das Leben -, entschied sie sich für die Filmerei. Ihre Kinofassung des Bestsellers, die sie 1999 ablieferte, bekam gute Kritiken, ihr zweiter Film vier Jahre später galt schon als kleines Meisterwerk: In der sanften Komödie "Lost in Translation" erkennt eine Kindfrau à la Sofia die Ziellosigkeit ihres Daseins, was sie jedoch nicht in die Krise stürzt, sondern nur in trauriges Staunen. Das Leben, eine Tragödie? Aber nein, nur ein melancholischer Pop-Song: Sofia Coppola, die fürs Drehbuch mit einem Oscar belohnt wurde, hält ironische Distanz zu den Schrecken der Tiefe und der Finsternis; Coolness ist ihre glühendste Leidenschaft.

Als "Marie Antoinette", ein Projekt, an dem sie immerhin fünf Jahre lang gearbeitet hatte, im Mai bei seiner Premiere auf den Filmfestspielen in Cannes ausgebuht wurde, blieb Sofia dementsprechend gelassen. Sie freue sich über jede "starke Reaktion", erklärte sie und verließ am Arm ihres Vaters frühzeitig und leicht gepieft das zu ihren Ehren organisierte Festbankett. Sie habe doch kein historisch genaues Hofporträt liefern wollen! Diese nörgeligen Kritiker, sollen sie doch Kuchen essen.

Ihre "Marie Antoinette" ist in der Tat kein Historienepos, sondern ein Pop-Märchen: Zum Achtziger-Jahre-Soundtrack ("I want Candy!") stopfen sich gepuderte Gören mit Süßspeisen voll und shoppen bis zum Umfallen; der Film wirkt streckenweise wie einer jener Videoclips, die Sofia früher inszenierte. Wie die kleine Habsburger-Prinzessin Maria Antonia, die mit 14 Jahren aus strategischen Gründen an den Bourbonenthron verkauft wurde, sich kein bisschen um Politik scherte, so blendet auch die Regisseurin alles aus, was vor den Toren von Versailles geschieht. Ihre Geschichte endet dort, wo Geschichte gemacht wurde: mit der Gefangensetzung des Königspaars durch das aufständische Volk. Aus heiterem Himmel, so scheint es hier, stürmen schlecht gekleidete Menschen den Palast, Marie und ihr moppeliger Gatte Ludwig XVI. werden ab nach Paris verfrachtet, c'est la vie, und Abspann, vielen Dank. Ein bisschen ist das so, als würde "Titanic" nach anderthalb Stunden Schilderung des Luxusliner-Alltags mit der Meldung enden, da vorne sei übrigens ein Eisberg.

Stil, nicht Substanz, das ist das Wesen von "Marie Antoinette". Gedreht an Originalschauplätzen in Versailles, überwältigt Coppolas Armes-reiches-Mädchen-Melodram mit wunderschönen Bildern, liebevoll und lüstern exploriert die Kamera die Üppigkeit schimmernder Dekolletés und auf Törtchen die Frivolität rotsaftiger Kirschen. "L'Autrichienne", die "Österreicherin", landet im Bett eines durch schiere Stümperhaftigkeit und eine Phimose impotenten Thronfolgers; aus Frust entwickelt sie sich zur grellsten Partymaus der Nation. Marie Antoinette favorisiert Turmfrisuren und mehrmals täglichen Garderobenwechsel, landesweit werden ihre Kleider, ihre Moden kopiert. Ihr heimliches Aufbegehren gegen das komplizierte französische Hofzeremoniell entlädt sich in immer aberwitzigeren Demonstrationen ihrer Macht. Der einzigen, die sie ausüben kann: dem Furor ihres Geschmacks.

"Vergnügungssucht und Leichtsinn waren eine Art Flucht für sie", sagt Sofia. "Und damit passt sie irgendwie gut in unsere Zeit." Kein Wunder, dass ihre Heldin kürzlich mit Paris Hilton und Prinzessin Diana verglichen wurde, mit der vulgären und der tragischen Mode-Ikone. Was Letztere mit Marie Antoinette - der erst Bewunderten, dann für ihre Verschwendung Gehassten und Verfemten - verbindet, ist die Liebe zum großen Auftritt, das Gespür für das eine Bild, das im kollektiven Gedächtnis hängen bleibt. Und so findet im Fahrwasser des Spielfilms eine Art Renaissance der Rokoko-Königin und ihrer überbordenden Moden statt, die "New York Times" krähte gar: "Die kleine Österreicherin ist wieder da!" In den USA erscheinen Bücher über die geköpfte Trendsetterin, auf den Laufstegen lassen sich Designer wie Alexander McQueen und John Galliano vom historischen Pomp inspirieren, Schuh-Guru Manolo Blahnik entwarf Pumps für die Kino-Majestät, die jetzt auch im Handel sind.

Sofia Coppola muss das still beglückt haben, denn für Mode hatte sie schon immer eine Schwäche. In Japan betreibt sie ein eigenes Label, "Milk Fed" heißt es, "mit Milch aufgezogen". Sie gilt als Muse des Designers Marc Jacobs und hat in einer Werbekampagne sogar Model für ihn gespielt. Ihr Stil wird stets als cool und sicher beschrieben. Selbst jetzt, hochschwanger, brächte sie "unangestrengten Bohemien-Schick" zustande, staunte vor zwei Wochen eine Reporterin der "USA Today".

Vater des Kindes ist der französische Musiker Thomas Mars, 29, Sänger der Band "Phoenix". Sofia, die sich 2004 vom US-Regisseur Spike Jonze scheiden ließ, freut sich, dass sie eine Tochter erwartet ("All die Kleidchen, die ich jetzt einkaufen kann!"). Als typisches Coppola-Familientier - sie gab ihrem Cousin Jason Schwartzman die männliche Hauptrolle in "Marie Antoinette" und stellte ihren älteren Bruder Roman als Co-Regisseur an - denkt sie an weit größeren Zuwachs. Sie hat gern die Sippe um sich.
Nicht nur das hat sie vom großen Daddy.

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