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"Du kommst hier nicht rein" Wieso unsere Suche nach Coolness die soziale Ungerechtigkeit erträglicher macht

Frau posiert vor einer Wand
Mit Geschmack und dem perfekten Instagram-Bild schaffen wir uns eine tröstliche Parallelwelt zur sozialen Ungerechtigkeit (Symbolbild)
© Joshua Rawson-Harris / Unsplash
Reich und schön kann man heute nur noch werden, wenn die Eltern schon reich und schön waren. Aber kann man wenigstens noch cool werden? Unser Autor beschreibt, wie wir uns mit der Suche nach anderen Sachen eine tröstliche Parallelwelt schaffen. 

Es gibt da dieses eine Bild, das ich nicht aus dem Kopf kriege. Der berühmte Fotograf Juergen Teller hat es gemacht, für eine Parfümwerbung mit der Regisseurin Sofia Coppola. Sie steht in einem Pool, trägt einen schwarzen Bikini und lehnt am Beckenrand, ihren Kopf und ihren Arm auf einen Parfümflakon gestützt.

Coppolas Blick ist schwer zu beschreiben, er ist nicht unbedingt verführerisch, obwohl er sofort verführt. Aber noch eher schaut sie neugierig. Coppola sieht für mich aus, als wolle sie sagen: "Ich bin die Tochter des berühmten Regisseurs Francis Ford Coppola, der sich 'Der Pate' , 'Der Pate II‘ und 'Apocalypse Now‘ ausgedacht hat, und ich habe schon einiges gesehen in meinem Leben. Und es war ALLES interessant! Jetzt würde ich gern noch mehr sehen." Ich kann das Bild nicht vergessen, weil sie so besonders und beneidenswert und so sage ich jetzt mal in Ermangelung eines besseren Wortes cool darauf aussieht. Und seit ich dieses Foto von Sofia Coppola zum ersten Mal gesehen habe, hat sich bei mir ein Verdacht eingenistet: So cool kann man nur an einem Poolrand lehnen, wenn man Francis Ford Coppolas Tochter ist.

Die ökonomische Ungleichheit wird immer größer

Vor zwei Jahren hat der französische Ökonom Thomas Piketty mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" für ziemliche Aufregung gesorgt. Piketty untermauerte mit Zahlen, Daten, Statistiken, was viele schon lange befürchteten: dass nämlich die ökonomische Ungleichheit nicht nur immer größer wird, sondern sich auch immer betonhafter verfestigt. So sehr, dass wir uns inzwischen schon wieder den Gesellschaftsstrukturen des 19. Jahrhunderts annähern, zumindest was die Aufstiegsunmöglichkeiten angeht.

Auch bei uns steht über Generationen hinweg bereits mehr oder weniger fest, wer zu den wirklich Reichen gehört. Man kann eigentlich wieder von Aristokratie sprechen, nur mit Panama-Briefkastenfirma statt Ländereien. Piketty schildert das anhand einer kurzen Passage aus Honoré de Balzacs Roman "Vater Goriot" von 1835. Der Verbrecher Vautrin berät den verarmten Adeligen Eugène, wie man am schnellsten aufsteigen kann. Von einem Jurastudium, einem Aufstieg durch Arbeit und Leistung, rät er ab, weil man so nie an ein nennenswertes Vermögen komme. Wer wirklich ganz nach oben wolle, für den gebe es eine andere Möglichkeit: eine reiche Frau zu heiraten. Einen ähnlichen Rat müsste man auch heute geben, legt Piketty nahe. Aufstieg durch Leistung wird wieder unwahrscheinlicher, das Geld bleibt da, wo es auch vorher war. Auch wenn uns vom 19. Jahrhundert unterscheidet, dass alle Kleinbürgerfamilien inzwischen ein Haus mit Garten haben. Ansonsten aber: aristokratische Verhältnisse.

Wir wollen eh nicht reich werden, wir sind auf der Suche nach anderen Sachen

So richtig erschrecken konnte Piketty uns aber nicht damit. Weil wir ja sowieso nicht reich werden wollen, zumindest erzählen wir uns das die ganze Zeit. Wir sind auf der Suche nach ganz anderen Sachen. Sinn, Kreativität, vielleicht sogar Stil, Coolness. Das klingt jetzt ein bisschen blöd, als tröste man sich mit seinem guten Geschmack und dem perfekten Instagram-Bild darüber hinweg, wie ungerecht die Vermögen verteilt sind. Tatsächlich ist aber genau das eine Funktion von Popkultur, immer gewesen. Sie hilft nicht nur dabei, der Wut über Ungerechtigkeiten eine Stimme zu geben, sondern ist auch eine tröstliche Parallelwelt, in der ein gerechteres System zu herrschen scheint.

Dieses System funktioniert so: Die meisten von uns gehören zur Mittelschicht, kommen aus den Weiten der deutschen Mittelprovinz, und alle fünf Minuten kippt ein Fernbus eine neue Ladung von uns in Berlin oder einer anderen Millionenstadt ab. Junge Leute aus unspektakulären Orten, die irgendwo um Stuttgart herum liegen, aus unspektakulären Kleinbürgerlehrerfamilien. Für diese Menschen (zu denen ich auch zähle) ist es nicht so wichtig, ob ihnen der Zugang zu den oberen Zehntausend, zum ökonomischen Adel, verschlossen ist. Wichtig ist uns, dass die Kultur, die Szenen, die kreativen Zirkel offenstehen.

Nichts wie raus aus der Provinz

Der Journalist, Kommunist und Schriftsteller Dietmar Dath, aufgewachsen in einem 30 000-Einwohner-Ort in Baden-Württemberg, hat diese Bewegung, diese Identitätsstiftung einmal so beschrieben: "Nichts wie raus aus dem Nest, aus der Familie, aus dem Viertel oder aus dem Kaff, aus der vorgesehenen Lebensbahn, aus der geglaubten oder habituellen Religion, damit aber vor allem immer auch: aus der geläufigen Sprache. Die andere, bessere Sprache konnte und kann (...) Popmusik sein oder die bildende Kunst, die kristallinen Konstrukte exakter Wissenschaften, die Forderungskataloge radikaler Politik."

Aber reicht nicht das eine Bild von Sofia Coppola, um diese ganze Erzählung einstürzen zu lassen? Klar, viele von uns Kleinstadtflüchtlingen sind in Berlin oder Hamburg oder München oder Köln dann irgendwie erfolgreich, wir machen Musik, drehen Filme, schreiben Romane, gründen Magazine, entwerfen Mode oder tun in Restaurants Getränke in Einweckgläser. Aber ist das nicht egal und völlig irrelevant, wenn man an Sofia Coppola denkt? Ist nicht von vornherein klar, dass wir Provinzkinder zwar ein bisschen mit Einweckgläsern spielen dürfen, aber nie "Lost in Translation" drehen werden?

Wer die falschen Eltern hat, hat einen aussichtslos weiten Weg

Genauso wenig, um ein beliebiges anderes Beispiel zu nehmen, wie wir "Is This It" aufnehmen werden, das Album, mit dem die New Yorker Band The Strokes 2001 die Popkultur erfand, in der wir heute immer noch leben? Ihr Sänger Julian Casablancas kam eben nicht als 19-Jähriger mit dem Fernbus in New York an. Sein Vater war der berühmteste Modelagent der Stadt und schon sein Großvater ein internationaler Textilunternehmer (so wie auch schon der Vater von Francis Ford Coppola ein berühmter Musiker war).

Und von diesen Söhnen-und-Töchtern-von scheint es gerade immer mehr zu geben. In den 90er Jahren wurden die Models noch auf der Straße entdeckt, inzwischen formt sich alles nach dem Vorbild des Kardashian-Systems, bei dem vor allem Herkunft zählt, und sei es nur die Abstammung von Reality-TV-Stars. Was Piketty über Vermögen sagt man kann es auch ganz gut auf Pop und Kultur übertragen. Mehr Aristokratie als Demokratie. Wer die falschen Eltern hat, kann sich zwar ein bisschen die Leiter hochkultivieren die wirkliche Pop-Elite ist aber aussichtslos weit weg. Womöglich ist das ja sogar gut so. Wenn nur noch die Lehrerkinder aus Baden-Württemberg über ästhetische Fragen entscheiden würden, vielleicht würden wir ja im kulturellen Mittelmaß versinken?

Machen wir Platz für alle mit einer Kindheit jenseits der Reihenhausgartenhecke 

Und es kann auch eine Befreiung sein, wenn wir Kultur endlich als so aristokratisch entlarven, wie sie ist. Denn diese Scheindemokratie hat ja sowieso nie für alle funktioniert. Seit einer halben Ewigkeit wird geklagt, dass dem Kulturbetrieb die Stimmen der Migranten, der anderen sozialen Milieus fehlen. Immer noch zu viel weiße Mittelschicht, zu viel deutsche Namen, zu viel Lehrertöchter und Arztsöhne an den Literaturinstituten, Journalistenschulen, Kunstakademien.

Diese Diskussionen gehen natürlich immer von der Vorstellung aus, dass Kultur möglichst demokratisch zu sein habe, was die Herkunft angeht. Vielleicht liegt ja da der Fehler. Wenn man sich den aristokratischen Charakter der Kultur einmal eingesteht, dann könnte man endlich sagen: Gegen die Coppolas und Casablancas haben wir Kinder vom Provinzbahnhof sowieso kaum eine Chance. Machen wir also Platz für diejenigen, die wenigstens ein paar ganz andere Erfahrungen mitbringen können, nicht nur die immer gleiche kleinbürgerliche Angst vor dem schlechten Geschmack. Platz für diejenigen mit den ausländischen Namen, mit den Kindheiten jenseits der Reihenhausgartenhecke.

Die Durchschnittlichkeit merkt uns keiner an

Und was machen so lange wir, denen die kleinbürgerliche Herkunft ein Gefängnis bleibt? Piketty beim Wort nehmen und Sofia Coppola heiraten? Die ist leider, ich google das jedes Mal, wenn ich das Foto irgendwo sehe, immer noch mit dem Sänger der Band Phoenix liiert, ebenfalls einer von poparistokratischem Blut. Sie hat für uns aber eine kleine Trostnotiz hinterlassen, in einer der schönsten Szenen aus "Lost in Translation". "Ich bin nur Durchschnitt" , sagt Scarlett Johansson da zu Bill Murray, als sie daran zweifelt, ob sie wirklich Schriftstellerin werden kann. Und Bill Murray antwortet: "Das merkt doch keiner."


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