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STEVEN SPIELBERG: Sauber zaubern

Pünktlich zum 20. Geburtstag hat Steven Spielberg seinen »E.T.« politisch korrekt nachgebessert: der Filmemacher über Waffen, Helden und den Fieber-Trick.

Als E.T. vor 20 Jahren zum ersten Mal auf der Erde landete, waren die Polizisten, die ihn jagten, noch bewaffnet. Wenn es das kleine Schrumpelgesicht jetzt wieder in die Kinos verschlägt, tragen die Bullen nur Walkie-Talkies. Schon seit Jahren, sagt Steven Spielberg, sei er »unglücklich« darüber, dass er sie damals hatte Knarren tragen lassen.

In der digital gesäuberten Jubiläumsfassung fehlt auch ein Satz, der vor 20 Jahren noch ganz harmlos klang: »Du gehst nicht als Terrorist verkleidet!«, sagt da eine Mutter ihrem Sohn an Halloween. Nach den Terroranschlägen vom 11. September fand der Regisseur das »unzumutbar«. Er ließ die Schauspielerin wieder ins Studio kommen. Jetzt sagt sie: »Du gehst nicht als Hippie verkleidet!«

Der Klassiker vom faltigen Extraterrestrischen, der Heimweh nach den Seinen im All hat (»nach Hause telefonieren«), ist einer der erfolgreichsten Filme der Kinogeschichte, hat weltweit 702 Millionen Dollar eingespielt. Warum musste diese wunderbare Geschichte überhaupt verändert werden? Die Frage scheint den Meister zu ärgern: Leicht missgelaunt war er beim stern-Interview. Vielleicht lag's aber auch an seinem bandagierten Bein: Der 55-Jährige hatte sich kurz zuvor bei einem Motorradunfall einen Muskel gerissen .

Mr Spielberg, ein Kritiker schimpfte über den neuen »E.T.«: »Was kommt demnächst? Kriegt Schneewittchen keinen vergifteten Apfel mehr?« Er warf Ihnen vor, Ihr eigenes Werk zu missachten.

So ein Unsinn. Warum soll ein Maler, Architekt oder Regisseur nicht das Recht haben, sein Werk zu verändern?

Was war denn so schlimm an den Pistolen? Ich hätte diese Szene schon vor 20 Jahren rausschmeißen sollen. Waffen sind in »E.T.« völlig überflüssig, die Erwachsenen sind Bedrohung genug.

Spricht da der besorgte Vater, oder ist das ein Zugeständnis an die politische Korrektheit, die durch Hollywood weht?

Ich habe Knarren schon immer abgelehnt, obwohl ich seit 30 Jahren selber Schütze bin, ich schieße auf Tontauben. Es gibt Filme von mir, in denen gar keine Waffen vorkommen, aber manchmal müssen sie sein. Wie hätten die Soldaten in »Saving Private Ryan« die Strände in der Normandie erobern sollen? Mit Schleudern?

Gerade dieser Film ist berühmt für seinen atemberaubend brutalen Anfang. Wann ist es angebracht, Gewalt im Film zu zeigen?

Von welcher Gewalt reden Sie? Es gibt verschiedene Arten. In meiner »Indiana Jones«-Trilogie ist sie eher übertrieben und burlesk wie in den Westernserien der 40er und 50er Jahre. Dann gibt es diese Hollywood-Gewalt wie in »Matrix« oder »Terminator 2«, die ist eher wie Ballett, sehr stilisiert. Und dann gibt es Filme wie »Traffic«, wo die Brutalität der Drogenhändler gezeigt wird. Wir akzeptieren Gewalt, wenn sie versucht, ein wahres Bild zu zeigen. Und lehnen sie ab, wenn sie nur um des Effekts Willen eingesetzt wird.

Wer trifft diese Unterscheidung?

Das Publikum. Es hat die Frage schon immer entschieden. Die letzten Schwarzenegger-Filme waren sehr brutal - und nicht sehr erfolgreich. Es gibt alle möglichen Kritiker und Aufpasservereine, die sich dauernd einschalten, aber man kann Hollywood nicht zensieren. Alles, was Hollywood tun kann, ist Verantwortung zeigen und sagen: Stopp, hier wird Gewalt ausgeschlachtet, nur um Profit zu machen.

Finden Sie Hollywood so verantwortungsvoll?

Es wird immer einen geben, der Brutal-Filme dann doch finanziert, vor allem, wenn ein großer Star mitspielt.

Nach dem 11. September fragte sich Hollywood erschrocken: Welche Filme will das Publikum nun sehen?

Ich habe keine Ahnung, welchen Einfluss der Anschlag auf uns haben wird. Will das Publikum mehr Desaster und Action? Oder sagt es: Hört endlich auf, uns wie Kinder zu behandeln, und gebt uns Filme, die etwas Wahres erzählen? Ich habe drei Projekte eingemottet, die dem zu ähnlich waren, was da gerade passiert ist.

Die jungen Killer von der Columbine Highschool sagten auf einem Video, das man nach ihrem Tod fand, dass Sie sich um die Filmrechte an dem Massenmord reißen würden. Wie geht man mit so etwas um?

Ich kann sicher nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass zwei fehlgeleitete Jugendliche Zugang zu Waffen hatten. Ich bin traurig, wenn ich an die Familien der Kinder denke, die ermordet wurden und die gemordet haben. Wir leben in einer schlimmen Zeit, es gibt keine Parallelen dazu in der Geschichte.

Und Hollywood hat damit nichts zu tun?

Es ist mir zu einfach, die Schuld in Hollywood abzuladen. Dann ist auch jede Fernsehanstalt schuldig, die schon in den Morgennachrichten Gemetzel, Morde und Brutalitäten zeigt. Im Übrigen will ich mit Ihnen nicht über Hollywood reden, sondern über »E.T.«.

Das sei Ihr »persönlichster Film«, haben Sie einmal gesagt. Wie viel von Ihnen steckt in Elliott, dem Jungen, der E.T. findet?

Das ist der Junge, der ich immer gern gewesen wäre.

Hat er den Fieber-Trick von Ihnen?

Ja, das habe ich auch so gemacht - das Thermometer unter die heiße Nachttischlampe gehalten. Als Filmemacher kann ich einen Helden erfinden, der all den Mut hat, den ich nie hatte als Kind. Das ist doch das Wunderbare am Schreiben oder Regieführen: Man kann sein Leben immer wieder durchleben und besser machen.

Im Moment regiert ein kleiner Junge namens Harry Potter die Kinderzimmer. Angeblich wurde Ihnen die Regie angeboten.

Warum hätte ich ja sagen sollen? Klar, auch meine Kinder lieben Harry, aber es ist ein sehr britisch geprägtes Buch. Das können andere besser.

Warum machen Sie nicht mal Komödien?

Weil dies meine Achillesferse ist. Ich kann große Lacher und viele Tränen kriegen, aber die Leute nur zum Lachen bringen, das kann ich nicht.

Wie riechen Sie, was Jugendliche sehen wollen?

Ich frage zum Beispiel meine sieben Kinder, was sie interessiert: die kleinen Trickfilme und die größeren Teenie-Komödien.

Weder das eine noch das andere haben Sie je gemacht.

Das ist ja das Problem. Jetzt werfen sie mir vor, ich würde keine Filme für sie drehen.

Interview: Claus Lutterbeck, Hannes Ross, Beatrice Schlag

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