Theaterjahr 2004 Von der Bibel, Videokunst und Skandalen


Dieses Jahr stand für Theatermacher im Schein der zehn Gebote. Es ging aber nicht immer ganz christlich zu. Videokunst auf der Bühne und gewagte Inszenierungen sorgten für Aufregung und Skandale.

Angesichts wachsender Ängste der Menschen vor Terror, Globalisierung und Arbeitslosigkeit setzten sich viele Theatermacher mit der Bibel und dem Glauben auseinander: Johann Kresnik inszenierte in der Bremer Friedenskirche höchst umstritten "Die zehn Gebote". Bruno Cathomas zog mit seiner "Bibel-Factory" ins Berliner Maxim Gorki ein. Die Münchner Kammerspiele stellten gleich ihre ganze Spielzeit unter das Motto "Die zehn Gebote".

Heftig diskutiert wurde der inflationäre Einsatz von Videokunst auf der Bühne. Das gipfelte zuletzt in der selbstironischen Äußerung einer Darstellerin in Christoph Schlingensiefs Theaterprojekt "Kunst und Gemüse, A. Hipler. Theater ALS Krankheit" an der Berliner Volksbühne: "Video ist das Tollste auf der Welt, Video sollte man an jedem Theater anwenden!"

Der Aufreger des Jahres

Zu den Aufregern des Jahres gehörte Frank Castorfs Entlassung als Intendant der Recklinghauser Ruhrfestspiele. Nach nur einer Saison musste er gehen. Das Publikum wollte oder konnte seiner radikalen Verjüngungskur unter dem Motto "No Fear" nicht folgen und blieb weg. Sein Nachfolger wird der luxemburgische Theatermacher Frank Hoffmann, auf den ein Finanzloch von mindestens 700.000 Euro wartet.

Als "krasse Fehlentscheidung" bezeichneten Kritiker die Entscheidung des Berliner PDS-Kultursenators Thomas Flierl, den Schriftsteller Christoph Hein zum Intendanten des Deutschen Theaters zu ernennen. Hein fehle die Praxis in der Führung eines großen Hauses. Andere witterten hinter der Berufung die Sehnsucht nach einer "nebulösen Ost-Identität" für das einstige Staatstheater der DDR. Im Sommer 2006 soll Hein die Nachfolge von Bernd Wilms antreten.

"Die Weber" wird in Dresden verboten

Vor Gericht endete eine Inszenierung des Staatsschauspiels Dresden, das Volker Löschs Version von Hauptmanns "Die Weber" verbot. Der Verlag Felix Bloch Erben stoppte die durch hinzugefügte Textpassagen verfremdete Inszenierung, in der Politiker und die Moderatorin Sabine Christiansen beschimpft werden.

Von Wien über Hamburg bis Berlin machten Inszenierungen von Theaterklassikern Furore. Publikumsrenner war Michael Thalheimers "Faust I" am Deutschen Theater Berlin. Am Wiener Burgtheater brachte Andrea Breth "Die Katze auf dem heißen Blechdach" mit Gert Voss und Johanna Wokalek auf die Bühne. Susanne Lothar brillierte am Schauspiel Frankfurt in Tennessee Williams’ "Endstation Sehnsucht". Auch die Kritikerumfrage von "Theater heute" kürte zur "Inszenierung des Jahres" einen Klassiker: Jürgens Goschs Düsseldorfer Interpretion von Gorkis "Sommergäste". Er teilte sich den ersten Platz mit Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome", die Johan Simons an den Münchner Kammerspielen inszenierte.

Das "Theater des Jahres"

Besonders bejubelt wurden zwei hochkarätig besetzte Inszenierungen von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?": Am Hamburger St.-Pauli-Theater lieferten sich Hannelore Hoger und Gerd Böckmann einen Ehekrieg, am Deutschen Theater Berlin das "Untergangs"-Paar Corinna Harfouch und Ulrich Matthes. Ganz ohne "Stars" errang das erst in der vergangenen Saison entstandene Berliner Theater Hebbel am Ufer den Titel "Theater des Jahres". Unter Leitung von Peter Lilienthal arbeitet die experimentierfreudige Bühne ganz ohne festes Ensemble.

Das Jammern über die Spar-Zwangsjacke ist 2004 leiser geworden: An den deutschsprachigen Theatern wurde wieder mehr über Stil, Inhalt, politischen Anspruch und große Schauspieler diskutiert. Dabei fällt auf, dass auf den Spielplänen schon lange nicht mehr so viele Klassiker standen. Bekannte Stücke, am liebsten besetzt mit Theater- und Filmstars, galten als sichere Bank für die auf eine hohe Auslastung angewiesenen Bühnen.

Elke Vogel/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker