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Tobey Maguire: Von wegen schüchtern. Der Junge ist abgebrüht!

Im Kino spielt er den "Spider-Man" - und wirkt noch immer so bubihaft. Dabei ist Tobey Maguire längst zum Weltstar gereift, der sich genau so benimmt.

Es fehlt nur, dass eine in Ohnmacht fällt. In Fünferreihen quetschen sich die Mädchen gegen die Absperrung, sie pusten in Trillerpfeifen und kreischen seinen Namen. Klein ist er und bleich. Er trägt einen fusseligen Wochenbart, einen schlecht sitzenden schwarzen Anzug und schaut insgesamt wenig beeindruckend aus. Von seiner Sinnlichkeit, dem welpenhaften Sexappeal, den er auf der Leinwand hat, ist nichts zu sehen. Aber so genau kann man das hinter der Absperrung nicht erkennen. "Toooobeeeeyyyy!"

Diese Anerkennung, natürlich, die hat er gewollt. Spider-Man 2 steht über dem Premierenkino in Los Angeles, und Spiderman, das ist er: Tobey Maguire. Der Trubel aber, die physische Nähe, all das ist ihm zuwider. Grimmig unterschreibt er auf den hingereckten Blöcken und Fotos. Ab und zu lächelt er für die Fotografen.

Sein Mona-Lisa-Lächeln ist es, mit dem er das Publikum bannt. Es deutet alles an und verrät nichts. Wissend, beschädigt und unschuldig zugleich. Er spart mit Gesten, übertreibt nie. Wo andere Monologschreiber brauchen, vertraut er dem Zucken seiner Mundwinkel. Umso erstaunter ist, wer ihm gegenübersitzt, ihn befragen möchte und dabei das Zauberlächeln als Abwehrhaltung erkennt. Weil es Antworten ersetzen soll und auf den zweiten Blick weniger schüchtern als herablassend ist.

Tobey Maguire redet nicht gern mit Journalisten. Er tut es nur, wenn er muss. Vor dem Filmstart von "Spider-Man" muss er. Die blauen Augen, die auf der Leinwand herrlich verwundert schauen können, blicken kühl. Er ist auf der Lauer: Er beneide Spider-Man um nichts, sagt er. Fliegen würde er gern, aber neidisch sei er nicht. Was ist ein Held für ihn? "Ich weiß nicht, was jemanden zum Helden macht."

Er hat sich Zeit gelassen mit dem Berühmtwerden, wählte sorgfältig aus. Immer wieder spielte er leise Außenseiter in anspruchsvollen Filmen wie "Der Eissturm" oder "Gottes Werk und Teufels Beitrag", das Blockbuster-Publikum kannte ihn nicht. Dann kam "Spider-Man", und Maguire war plötzlich ein Superstar. Für Teil zwei hat er 17 Millionen Dollar bekommen - im ersten Teil waren es vier Millionen gewesen.

Vor Gesprächspausen hat er keine Angst. Im Gegenteil. Schweigen bedeutet Kontrolle. Er ist mitteilsamer, wenn es nur oberflächlich um ihn geht. Wenn er sagen soll, was er mit seinem plötzlichen Reichtum macht. Dann lacht er ausnahmsweise, und man bekommt eine Ahnung davon, wie es sein muss, wenn man 29 ist und eigentlich ein normales Leben führen möchte, aber alles seine Normalität verloren hat. In Hotels zum Beispiel geben sie ihm selbstverständlich die größte Suite. "Ich will dann immer fragen, wie teuer ein reguläres Zimmer ist, oder ob es nicht ein Sonderangebot gibt."

Seine Eltern haben sich früh getrennt, sie lebten von Gelegenheitsjobs und Sozialhilfe. Tobey Maguire pendelte zwischen Mutter und Oma, zog von Kalifornien nach Oregon und Washington und wieder zurück. Als er in Palm Springs landete und mal wieder neue Mitschüler kennen lernen sollte, fing er an, sich morgens vor Angst zu erbrechen. "Man will sich nicht wirklich anfreunden mit Leuten, wenn man weiß, dass man bald wieder fort muss", sagt er.

Er ist 60-mal umgezogen,

bevor er die Schule schmiss und Schauspieler wurde. Da war er 14, die Mutter hatte ihn zwei Jahre zuvor mit 100 Dollar bestochen, Unterricht zu nehmen. Seit jener Zeit ist er mit Leonardo DiCaprio befreundet, sie begegneten sich bei einem Vorsprechen. Fragen zu Leo beantwortet er nicht, das haben sie so abgesprochen. Sein Privatleben hütet Tobey Maguire. Er lebt zurückgezogen in Beverly Hills, isst kein Fleisch, macht Yoga, spielt Backgammon. Sein einziges Laster: kubanische Zigarren. Alkohol rührt er nicht an, seit er mit 19 zu den Anonymen Alkoholikern ging.

Es ist Maguires Glück, dass sich die Medien relativ wenig für ihn interessieren. Denn so blieb weithin unbekannt, dass "Spider-Man 2" um ein Haar ohne ihn gedreht worden wäre. Kurz vor Drehbeginn im Frühjahr 2003 hatte er mitgeteilt, an Rückenschmerzen zu leiden, der Drehplan müsse geändert werden. Maguire ging davon aus, dass man sich nach ihm richten würde.

Schließlich hatte der erste "Spider-Man" weltweit mehr als 800 Millionen Dollar eingespielt, "Seabiscuit", sein darauf folgender Film, war für sieben Oscars nominiert worden. Doch der Jungstar hatte sich verkalkuliert: Sam Raimi, der Regisseur, feuerte ihn.

Gerettet hat Tobey offenbar seine Beziehung zur Tochter von Universal-Chef Ron Meyer. Der überzeugte ihn, er mache den Fehler seines Lebens. Tobey gab nach. "Ich habe eine Lektion gelernt", sagte er der "Los Angeles Times", sein Verhalten sei "unangemessen" gewesen. Darauf angesprochen, sagt er, die Zeitung hätte ihn falsch zitiert. Also hat der Vater der Freundin nicht seine Beziehungen spielen lassen? Das sei alles ein wenig kompliziert, sagt er.

Einige Momente später ist das Interview zu Ende, früher als besprochen. Man dürfe die verbleibenden Fragen per E-Mail gern nachreichen. Es sind Fragen nach seiner früheren Alkoholabhängigkeit und nach dem Film "Empire Records", in dem er 1995 mitgespielt hat und hinterher darum bat, dass die Rolle gestrichen werde. Er sei unter Anspannung zusammengebrochen, war in einem der wenigen Berichte über den Vorfall zu lesen. Die Antwort der PR-Berater kommt rasch. Leider sei Tobey nun so beschäftigt, dass ihm eine Antwort unmöglich sei.

Steffi Kammerer / print