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Lebensstil als Alternative: Vegane Ernährung: Wie Körnerkost zum Milliardenmarkt wird

Vegan zu leben ist Trend. Promis schlürfen grüne Smoothies, vegane Supermärkte eröffnen landesweit. Aldi, Edeka und Co. räumen tierlose Produkte in die Regale. Selbst die Fleischindustrie setzt auf fleischlose Alternativen. Ist das ein Hype – oder die Zukunft?

Vegan: Ernährungsstil und Milliarenmarkt

Vegan: Ernährungsstil und Milliardenmarkt

Noch vor wenigen Jahren hätten wohl nur die Wenigsten eine grüne Pampe aus Grünkohl, Spinat und Brennnesseln runterbekommen. Heute haben diese Drinks ausgefallene Namen und die positive Wirkung auf die Gesundheit lässt das bittere Aroma, das nach Rasenmähen schmeckt, verblassen. Grüne Smoothies stehen inzwischen nicht nur in den Bio-Läden der Szeneviertel, sondern auch bei Aldi im Kühlregal. 

Wer bei Deutschlands größter Supermarktkette Edeka an den Kühlfächern vorbeigeht, entdeckt allerlei Suppen, Salate und Pasten, Brotaufstrich aus Kichererbsen mit Koriander und Chili und sogar Grillwürstchen - alles ohne tierische Zutaten oder gar Fleisch. Die vegane Abteilung nimmt in den großen Filialen inzwischen mehrere Gänge ein. Wo früher Tofu-Alternativen mit leichtem Grauschleier und gummi-artiger Konsistenz den Appetit hemmten, regiert jetzt die Vielfalt bei tierlosen Produkten. Vegan leben ist in - und ein Milliardenmarkt.

Von Ökofreaks und Ernährungstrends

Was einst als verrückte und selbst geißelnde Ernährungsform von einer Handvoll Ökofreaks verschrien war, hat sich zum Ernährungstrend entwickelt – sogar einen Weltvegantag am 1. November gibt es mittlerweile.

Mehr als ein Prozent der deutschen Bevölkerung lebt inzwischen vegan. Rund 8 Millionen Menschen essen vegetarisch, 1,3 Millionen sogar vegan, rund jeder dritte Haushalt bezeichnet sich als Flexitarier. Zwischen Januar und März 2016 legte der Verkauf fleischloser Produkte um 14,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum durch, errechnete die Gesellschaft für Konsumforschung. Zwischen 2017 und 2018 legte der Umsatz um weitere 30 Prozent zu.

Was diesen Trend auch befeuert: Lebensmittelskandale um Gammelfleisch wie jüngst bei Wilke-Wurst lässt die Verbraucher noch stärker zu fleischlosen Alternativen greifen.Die öffentliche Diskussion über die Ernährungsform kurbelt den Umsatz an. Und auch viele Promis werben für die tierlose Ernährung.

Vegan mit Promi-Faktor

Die Schauspielerin Alicia Silverstone ernährt sich schon seit über 20 Jahren vegan. Auch die deutsche Sängerin Nena, Spider-Man-Darsteller Tobey Maguire, Ex-Präsident Bill Clinton und Schauspielerin Natalie Portman verzichten auf tierische Produkte - und das natürlich publikumswirksam. Fans eifern den Stars und Sternchen nach und schaffen so einen neuen Markt. Vegan-Kochbücher erobern die Regale mit den Neuerscheinungen in den Buchläden. Und der Trend macht längst nicht beim Essen halt: Mode ohne Leder und Fell, Kosmetik ohne tierische Zusätze, Wein, der nicht durch Gelatine oder tierische Eiweiße geklärt wird. Dazu kommen vegane Stofftiere, vegane Kaffeebecher, veganer WC-Reiniger, veganes Sexspielzeug

Im Grunde gibt es keinen Lebensbereich, für den nicht auch eine vegane Alternative angeboten wird. Als Pionier beim Fleischersatz sorgte der Wursthersteller Rügenwalder. Inzwischen gibt es auch Hack und Hamburger von Rügenwalder, die vegan hergestellt werden. Und das Unternehmen tüftelt an weiteren Produkten für diese Zielgruppe. Der Markt ist noch recht jung - und lukrativ.

Laut einer Untersuchung von A.T. Kearney könnte die Ersatzprodukte im Jahr 2030 schon 28 Prozent des Fleischmarktes ausmachen, zehn Jahre später sollen es dann schon 60 Prozent sein. Dass Fleisch aus Pflanzen ein absoluter Treiber der Szene ist, weiß auch Beyond Meat. Das kalifornische Start-up bietet Burgerfleisch aus Pflanzenprotein, das täuschend schmecken und aussehen soll. Eine Verkaufsaktion Des Discounters Lidl war in einigen Filialen nach Minuten vorbei, die Burger-Pattys waren ausverkauft. Nun gab Beyond Meat bekannt, gemeinsam mit der US-Fastfood-Kette Kentucky fried Chicken ein Hühnerfleisch-Imitat mit dem Namen "Beyond Fried Chicken" auf den Markt zu bringen. "Die Nachfrage nach Pflanzenprotein ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein Kulturwandel. Wir sind sehr sicher, dass die Nachfrage nicht wieder abebben wird",  sagte Nestlé-Manager Martin Sachse dem "Handelsblatt". Auch der Schweizer Lebensmittelriese will beim Vegan-Boom mitverdienen. Und der Mutterkonzern von Wiesenhof (PHW) hat in einige Start-ups investiert, die Fleisch im Labor züchten wollen oder vegetarischen Ei-Ersatz entwickeln. 

Veganes Leben der Besserverdiener

Doch der Trend ist kein Schnäppchen. Was einst mit Verzicht begann, erobert den Markt aus einer lukrativen Nische heraus. So titelte das "Manager Magazin" schon 2016, dass aus dem "Mädchenessen ein Milliardenmarkt geworden" sei. Die Ur-Veganer würden die Kommerzialisierung der veganen Idee strikt ablehnen. Doch die Bewegung ist kaum noch aufzuhalten. Das "Manager Magazin" berichtete von Kaviar aus Algen und veganem Champagner - doch abseits von solch einem Lebensmittelpomp heißt vegan sein auch hip sein. "Das ist eher ein Identitätsprojekt für ein besser gestelltes soziales Milieu", sagt die Soziologie Jana Rückert-John von der Hochschule Fulda gegenüber "dpa". 

Junge Frauen lehnen Fleischkonsum ab

Doch trotz der großen Erfolge der veganen Szene, der neuen tierlosen Einzelhändler wie Veganz und dem ausgebauten Angebot in Supermärkten: Nie wurde mehr Fleisch in Deutschland gegessen wie derzeit. 53 Kilogramm Schnitzel, Wurst und Co. pro Jahr landen auf unseren Tellern. Das liegt auch an den günstigen Preisen durch Massentierhaltung. Die wiederum sehen die meisten Deutschen kritisch - ein Widerspruch, der sich zumindest beim Einkaufs- und Essverhalten nicht aufklären lässt. Lichtblick sind die jungen Konsumenten, die sind inzwischen deutlich kritischer mit ihrer Nahrung auseinandersetzen. Vor allem junge Frauen würden Fleisch vom Speiseplan streichen: Rund 80 Prozent der Vegetarier und Veganer sind weiblich und unter 29 Jahre alt. "Die Konsumenten setzen sich immer kritischer mit ihrer Ernährung auseinander. Das wachsende Angebot pflanzlicher Alternativen weckt ihr Interesse dafür, neue Produkte auszuprobieren", sagt Sebastian Joy, Geschäftsführer vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU). "Wir sind davon überzeugt, dass in Zukunft immer weniger Fleisch auf den Tellern landet."

Veganerin versus Fleischesser: Ist es okay, Tiere zu essen?

Hier würde der Großschlachter Tönnies widersprechen. Der Konzern hat seine Bemühungen, auch bei Fleischalternativen mitzumischen, deutlich zurückgefahren. Es würden keine neuen Produkte entwickelt, der Markt solle nicht erschlossen werden, zitiert das "Handelsblatt" einen Sprecher des Unternehmens. Dass sich ein Umschwenken lohnen kann, zeigt Rügenwalder. Das Unternehmen mit der Mühle hält rund 35 Prozent an dem 225 Millionen Euro großem Fleischersatzmarkt in Deutschland. 

Mit Agentur