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Vegan selbst versucht!: Tag 55-56: "Ich blicke in das Kaninchenloch"

Grillen ist geil. Männer brauchen Fleisch. Stimmt das wirklich? Deriks Bild von glücklichen Kühen und gackernden Hühnern auf der Wiese hat sich verändert. Und auch sein Geschmack.

Von Derik Meinköhn

Ich komme mir vor wie Neo im Film "Matrix". Morpheus hat zu Neo gesagt: “Das ist deine letzte Chance. Danach gibt es kein zurück. Nimm die blaue Pille — die Geschichte endet, du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was du auch immer glauben willst. Nimm die rote Pille — du bleibst hier im Wunderland und ich werde dir zeigen, wie tief das Kaninchenloch reicht.”

Ich blicke in das Kaninchenloch, es ist tief. Vor 56 Tagen habe ich die rote Pille geschluckt und habe das Gefühl, dass ich in einer andern Realität lebe als vorher.

Glückliche Kühe auf der Weide?

Ich habe in den letzten Jahren einen großen Schlachthof, eine Schweinefarm, eine Bio-Mozzarella-Farm und einen konventionellen Milchhof von innen gesehen. Die Bedingungen unter denen die meisten Tiere bei uns gezüchtet werden, kannte ich. Trotzdem habe ich gerne Fleisch gegessen und Milch getrunken. Woran liegt das? Wir glauben daran, dass die Kühe, deren Milch wir gerade trinken, auf einer Weide grasen, ein schönes Leben leben und darüber glücklich sind, dass wir ihre Milch trinken.

Das Bild wurde bei mir schon in meiner Kindheit verankert. Mein Großvater hatte einen Bauernhof und die Kühe lebten wirklich auf einer Weide. Das Bild wird weiter eingebrannt durch Erzählungen, Kinderbücher, Sehnsüchte und die schöne, heile Welt der Werbung. Die wissen um unsere Gefühle, unsere Sehnsüchte. Iss mich und du wirst glücklich. Grillen ist geil. Männer brauchen Fleisch. Das ist alles stärker als die Wahrheit.

Tatsächlich leben die meisten Kühe in Ställen aus Beton und haben noch nie eine Weide gesehen. Schweine haben so wenig Platz, dass sie sich nicht umdrehen können. Obwohl ich diese Bilder kannte, waren sie nicht stark genug. Ich war der Meinung, dass der Mensch Fleisch braucht, habe die Missstände in Kauf genommen und mich von den glücklichen Kühen einlullen lassen. Mir kommt es vor, als sei ich aus einem Traum aufgewacht.

Ein naturalistischer Fehlschluss

Ich habe in den letzten zwei Monaten gelernt, dass der Mensch kein Fleisch braucht. Ich habe gelernt, dass es mir ohne Fleisch und tierische Produkte besser geht, als vorher. Ich fühle mich fit und leicht. Fleisch wird in Verbindung gebracht mit Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Krebs. Warum soll ich also Fleisch essen? Weil es gut schmeckt?

In Deutschland sterben jedes Jahr 58 Millionen Schweine, 630 Millionen Hühner und 3,2 Millionen Rinder. Würden Sie nur eines davon selbst töten? Für den Geschmack? Als Grund ist mir das zu wenig. „Weil es natürlich ist“, habe ich in letzter Zeit oft gehört. Menschen hätten schon immer Fleisch gegessen, unsere Vorfahren, die Affen essen es auch, dafür haben wir doch Eckzähne. Das nennt man den naturalistischen Fehlschluss. Mit der Natur als Vorbild könnte ich noch ganz andere Dinge legitimieren: Kindstötung, Raub, Vergewaltigung. Der Natur ist unsere ethische Entwicklung egal, sie ist kein gutes Vorbild.

Die rote Pille entfaltet ihre Wirkung

Ich habe keinen anderen Grund gefunden, als die Lust auf den Geschmack. Und ich glaube nicht mehr daran, dass das Steak auf meinem Teller ein glückliches Leben hatte. Und die Milch mit der grünen Wiese auf der Packung. Eine Lüge. Die rote Pille entfaltet ihre Wirkung.

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