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Tom Cruise in "Operation Walküre": Lohnt sich die Kinokarte?

Über kaum einen Film wurde vor Beginn der Dreharbeiten so heftig gestritten wie über "Operation Walküre". "Wir machen nur einen Film", hat sich Hauptdarsteller Tom Cruise schon erstaunlich genervt verteidigt. Aber muss man den eigentlich sehen? Eine Gebrauchsanleitung zum "Operation Walküre"-Gucken.

Von Sophie Albers

Kino, das ist Unterhaltung, Zerstreuung, das Wecken und Erfüllen von Sehnsüchten, das miterlebte Gefühl. Mit seiner emotionalen Wucht taugt das Kino zur Bildung wie zur Propaganda. Lang und hart war der Kampf um den Platz der siebten Kunst. Da steht es nun mit seinen Multiplexen, Popcorn-Eimern und Erlebnis-Lounges und scheint manchmal selbst nicht zu wissen, was der ganze Lärm eigentlich soll. So gerade wieder geschehen bei "Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat".

Viel Lärm ohne Folgen

Bevor die erste Klappe fiel, war Tom Cruise in der Rolle des Hitler-Attentäters der Aufreger im ersten Halbjahr 2007. Die Drehgenehmigung im Bendlerblock wurde zum Politikum, die Feuilletons stritten sich über Seriösität, Angemessenheit sowie Folgen der Produktion für das Deutschlandbild in der Welt. Nur die Klatschpresse freute sich über den Promiauflauf in Berlin. Gedreht wurde natürlich trotzdem - im Bendlerblock sogar zwei Mal wegen eines "Materialfehlers". Und nun kommt das Ergebnis auf die deutschen Leinwände. Und es ist... ein weiterer Hollywoodfilm. Grund genug, die ganzen Diskussionen auszublenden und sich einmal ausschließlich auf die Leinwand zu konzentrieren:

Die Ausgangssituation ist denkbar schlecht, denn das Publikum weiß, wie es ausgeht. Das Thema 20. Juli 1944 ist aus dem Geschichtsunterricht und TV-Dokumentationen weitgehend bekannt. So wie er weiß, dass die Titanic untergeht, weiß der Zuschauer auch, dass Claus Schenk Graf von Stauffenbergs Attentat auf Hitler fehlschlagen wird. "Titanic" ist aber trotzdem der erfolgreichste Film aller Zeiten.

Solider Verschwörungsthriller

Die Frage ist hier wie, nicht was: "Operation Walküre" ist ein Verschwörungsthriller nach US-Muster, der fast ein bisschen an die TV-Serie "24" erinnert, wenn Stauffenberg die Zeit und die Anhänger davonlaufen. Regisseur Bryan Singer ("Die üblichen Verdächtigen", "X-Men") hat solide Arbeit geleistet. In 120 Minuten wird das Drama des Filmhelden mit hellstem Licht und dunkelstem Schatten ausgeleuchtet, die Spannung wird gehalten, und wie bei der Titanic hofft man, dass der Filmgott sich erbarme, und sie doch nicht untergeht.

Minuspunkte gibt es für Singers Freude am Pathos. So verkommt die Hollywoodsche Schwarz-Weiß-Zeichnung der Geschichte und Charaktere manchmal zur Karikatur. Vor allem der "Walküre"-Hitler ist in seiner Monströsität unfreiwillig komisch. Wenn er in Berchtesgaden Schäferhund Blondi die Ohren krault, ist das mit einem bedrohlichen Soundtrack unterlegt, der fast an das Wolfs-Thema in Prokofjews "Peter und der Wolf" erinnert. Damit niemand den Auftritt des Bösen verpasst, gibt es noch mal den musikalischen Wink mit dem Zaunpfahl - vielleicht für das US-Publikum.

Die Banalität des Bösen hat Singer sich nicht zugetraut. Dafür vereinfacht er die komplexen Hinter- und Beweggründe des Attentats - was der Drehbuchautor Christopher McQuarrie übrigens mit den Worten "die Wahrheit in zwei Stunden" umschrieb, also die Wahrheit, die in zwei Stunden passt. Aber wie gesagt, mehr wollen Singer und Cruise ja auch nicht.

Der Scientologe und der Nationalheld

Letzterer macht seinen Job in "Operation Walküre" wie gewohnt ordentlich. Nicht so überragend wie in "Magnolia", aber auch nicht so anstrengend wie in "Vanilla Sky". Cruise nimmt sich sogar zurück, was allerdings nichts an dem Problem ändert, dass Cruise Cruise ist. Der Star ist zu groß, um seine Figur nicht zu überstrahlen. An diesem Punkt sei nun doch auf die mitunter scharfe Kritik der deutschen Medien an dieser Besetzung der Hauptrolle hingewiesen, denn - so die Meinung der Kritiker - der Scientologe Cruise und der Nationalheld Stauffenberg passen nicht zusammen. Aber wir wollen ja nur nach vorne auf die Leinwand gucken. Sonst müssten wir uns auch noch der Debatte stellen, ob Stauffenberg denn eigentlich ein Held war oder nicht. Bei Cruise ist er es - ohne die kleinste Andeutung eines Zweifels.

Die Besetzung ist bis in die hinteren Reihen herausragend. Neben Cruise sind wunderbare schauspielerische Leistungen zu sehen: angefangen mit dem intensiven Spiel Christian Berkels in der Rolle des tatkräftigen Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, über Tom Wilkinsons widerlich opportunen Friedrich Fromm bis zu Wotan Wilke Möhrings kurzem, aber prägnanten Auftritt in der Wolfsschanze.

Die düsteren Bilder von Kameramann Newton Thomas Sigel, die wie in einem Disneyfilm liebevolle Ausstattung bis ins kleinste Detail wie die Schreibtischunterlagen im Kriegsministerium sowie der paukenschlagschwere Soundtrack von John Ottman, der der Ernsthaftigkeit von Cruises entschlossenem Kinn in jeder Minute zur Seite steht, sind Hollywoodsche Unterhaltung in Reinform. Alles in allem ist "Operation Walküre" großes Kino, wie man es kennt. Allerdings ist es kein großer Film, sondern Mittelmaß. Ein weiterer Cruise-Film eben, der in Amerika immerhin besser startete als erwartet.

Angucken sollten Sie sich Hollywoods Stauffenberg

, wenn Sie Tom-Cruise-Fan sind, großartigen Schauspielern bei der Arbeit zugucken möchten, Kriegsthriller mögen, oder wenn Sie wie immer geartete Freude daran finden sollten, sich über Cruise aufzuregen.

Sie können sich das Geld für die Kinokarte sparen

, wenn Sie auf historische Aufklärung hoffen oder Neues erwarten, wenn Sie keine Thriller oder Kriegsfilme mögen, und wenn Ihnen Cruise schon länger auf die Nerven geht.

Der hat jetzt übrigens sowieso keine Zeit mehr, sich mit der Stauffenberg-Kontroverse zu beschäftigen. Sein nächstes Projekt ist das US-Remake von Doris Dörries 80er-Jahre-Erfolg "Männer". Auch das ist Deutschland in Hollywood.

"Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat" kommt am 22. Januar ins Kino