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Tom Tykwers Film "Drei": Bi ist o.k.

Eine Frau, zwei Männer, und viel Theater: In Tom Tykwers am 23. Dezember anlaufender Großstadtkomödie "Drei" wird der flotte Dreier mal mit zwei Männern und einer Frau inszeniert. Doch ganz überzeugen kann der Film nicht.

Hanna und Simon sind ein Berliner Paar, das sich seit vielen Jahren in Liebe zugetan ist. Doch das Prickeln ist ihrer Beziehung im Alltagstrott abhandengekommen. So schlittern die beiden in Tom Tykwers am 23. Dezember anlaufender Großstadtkomödie "Drei" in eine heimliche Affäre. Wie es der filmische Zufall will, handelt es sich bei dem jeweiligen Lover um dieselbe Person. Und solange die drei nicht wissen, wers mit wem treibt, sind alle glücklich.

Doch so einfach kommen diese "Dinks" (Double Income No Kids) natürlich nicht davon, wie bereits der bedeutungsschwangere Off-Kommentar zu Komödienbeginn suggeriert. Am Schluss präsentiert der zahlenverliebte Regisseur eine schockierende Rechnung: 3 x 1 = 5. Und wo in Komödien über flotte Dreier meist zwei Frauen und ein Mann zusammenfinden (wie zuletzt in "The Edge of Love" mit Keira Knightley), geht es diesmal um eine Frau und zwei Männer: Allerhand! Tykwer, seit "Lola rennt" 1998 die ewige Hoffnung des deutschen Films, braucht verdächtig viel Brimborium, um seine schwule Variante einer "ménage à trois" zu begründen.

So sind die Mittvierziger Hanna und Simon, sie TV-Kulturmoderatorin, er Kunsttechniker, schon milieubedingt zwei aufgeschlossene Zeitgenossen. Ihr Objekt der Begierde, ein kecker Wissenschaftler mit dem sprechenden Namen Adam Born, forscht über Stammzellen und "Chimären", was zu mehreren didaktischen Exkursen über "die nötige Abkehr vom biologischen Determinismus" führt. Das bedeutet im Klartext: bi ist o.k. und von der Natur vorgesehen. Uff! Doch der Seitensprung ist nicht die einzige Aufregung im Alltag des Paares.

Da gibt es zweimal Krebs, einen abgeschnittenen Hoden, Selbstmord, Beerdigung, Heirat, Abtreibung, Trennung und Schwangerschaft. Dazwischen klappern die drei nimmermüde das Berliner Kulturleben ab, besuchen Theater, Kinos, und auch die Ausstellung von Plastinator Gunther von Hagens, dessen morbider Totenkult eine wichtige Rolle spielen wird. Am Krankenbett diskutiert man über das Kopftuch, gewohnt wird im schicken, unverschleierten Szene-Kiez. Man geht zur angesagten Currywurst-Bude und schwimmt im Badeschiff auf der Spree, wo Simon mit dem zupackenden Adam seine erste schwule Erfahrung macht.

Adam ist ein moderner Hedonist, der nicht nur schwimmt und Geliebte beiderlei Geschlechts empfängt, sondern Judo trainiert, segelt, im Chor singt, seine Ex-Frau und seinen Sohn besucht, Fußball spielt - und irgendwann wohl auch Zeit für seinen Beruf aufbringt. Der großartige Devid Striesow, der zum Beispiel in "So glücklich war ich noch nie" einen vielgesichtigen Schwindler spielte, bleibt hier eine allzeit bereite Kunstfigur. Die rothaarige Österreicherin Sophie Rois verwechselt bei ihren amourösen Wirren Komik mit Hysterie. Glaubhafter ist Sebastian Schipper als melancholischer Simon, der mit seiner neu entdeckten Bisexualität zurande kommen muss.

Langweilig ist der mit "Split Screens" aufgepeppte Lifestyle dieser aufgekratzten Kulturschickeria nie. Die Betriebsamkeit verdeckt leidlich, dass Regisseur Tykwer zu den Charakteren selbst nichts einfällt. Doch die frivole Leichtigkeit seines Vorbildes Ernst Lubitsch erreicht Umstandskrämer Tykwer nicht. Und die Sexszenen sind so erotisch wie Gänsehaut im Berliner Winter. Dafür illustriert die Beziehungskomödie das Goldene Zeitalter saturierter Wohlstandsbürger, bei dessen Betrachtung sich in 20 Jahren das Publikum darüber amüsieren wird, wie sich die urbanen "Dinks" damals selbst feierten.

Birgit Roschy, APN / APN
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