Venedig-Tagebuch Die Deutschen kommen


Am fünften Tag standen in Venedig zwei deutsche Filme auf dem Programm - und lösten schon nach 20 Minuten die ersten Saal-Abwanderungswellen aus. Besser machte es Cameron Crowe.

Die Deutschen sind da. Sie kamen langsam, aber gewaltig. Na ja, nicht wirklich. Sie kamen eher langsam und teilweise ziemlich nervtötend. Und bei beiden deutschen Venedig-Beiträgen begannen nach rund 20 Minuten die ersten Saal-Abwanderungswellen, was in diesem Fall nichts aber auch gar nichts mit den deutschen Visa-Regeln zu tun hat. Beide Filme spielen nicht in Deutschland und es fällt kein Wort Deutsch. So viel zum Nationalstolz.

Sowohl "Die große Stille" von Philip Gröning als auch "The Wild Blue Yonder" von Werner "Fitzcarraldo" Herzog laufen in der Mostra-Nebenreihe "Orizzonti". Und beide beginnen an einem eigentlich viel versprechenden Startpunkt. Grönig durfte als erster den Alltag in einem katholischen Karthäuser-Kloster in den französischen Alpen beobachten. Abgeschnitten von der Welt führen die Mönche ein karges, streng reguliertes Leben und sind, deshalb der Titel, zum Schweigen verpflichtet. Gröning gelingen immer wieder erstaunliche Aufnahmen von eigentümlicher Schönheit. "Das ist kein Film über ein Kloster, der Film ist ein Kloster", beschreibt der Regisseur im Presseheft ehrlich seine Absichten. Da er jedoch nur Alltagsszene an Stillleben an Alltagsszene reiht, wirkt sein Dokumentarfilm selten zwingend. Ohne erzählerische Ordnung verliert der Zuschauer schnell die Geduld. An einem guten Tag kann man zu seinen mal unscharf-verwackelten, mal präzisen Bildern 160 Minuten lang meditieren, zur Ruhe kommen. An anderen Tagen nickt man ein.

Herzog fliegt ins All

Auch Herzogs Projekt, eine Mischung aus (bewusst gefälschtem) Dokumentarfilm und einem Science-Fiction-Essay klingt erst mal aufregend. Mit Hilfe von Mathematikern und der Nasa schickt der Münchener, Jahrgang 1942, ein Team von Astronauten auf die Suche nach einem Ersatz für unsere verseuchte Erde und findet den Planeten "Wild Blue Yonder", der aus einer flüssigen Helium-Atmosphäre unter einem gefrorenem Himmel besteht. Doch Herzog nutzt diesem Rahmen nur, um minutenlang Szenen aus dem Inneren des Space Shuttles und von Eistauchern zu zeigen. So erweist sich seine Idee nur als bestürzend vorhersehbar. Und bestürzend kleingeistig: Das Drehbuch hätte sich wohl auch ein Zwölfjähriger ausmalen können. Gäbe es einen Preis für die anstrengendste Filmmusik des Festivals - sardischer Schäferchor trifft auf Senegalesischen Sänger und schräges Cello -, Herzog würde ihn schon jetzt fest umklammert halten.

Trotzdem stieg nach den zwei wenig publikumsfreundlichen Beiträgen am Abend der traditionelle Empfang der Filmstiftung NRW, diesmal zusammen organisiert mit "German Films", die sich für Gutes aus deutschen Landen im Ausland stark machen. Es war wie immer: Herrlicher Palazzo, gutes Essen, ausgelassene Stimmung. Nur die Stars machten sich rar. Aber zumindest hatten sich außer den Teams der beiden Filme (Herzog ließ sich durch seinen Bruder vertreten) auch Martina Gedeck und Joachim Król eingefunden. Spezialität des Abends: Ein von den Karthäuser-Mönchen selbst gebrauter Kräuterschnaps, in Grün oder in Gelb erhältlich. Harter Stoff.

Tagsüber liefen noch zwei leichter genießbare, uneingeschränkt empfehlenswerte Filme, beides Herz zerreißenden Familiengeschichten. Die eine aus Frankreich, die andere aus Amerika. In der einen kennt man keinen einzigen Schauspieler, in der anderen fast alle.

"C. R. A. Z. Y" nennt sich der Film des Franzosen Jean-Marc Vallée nach den Anfangsbuchstaben der fünf Söhne. Es geht um unterdrückte Homosexualität, eine starken Vater, eine Jugend in den 60er und 70er Jahren, überhaupt um die Lust am Leben.

Cameron Crowe begeistert

Die feiert auch "Elizabethtown" ausgiebig, der Neue von Cameron Crowe ("Almost Famous", Vanilla Sky"). Orlando Bloom spielt einen gescheiterten Turnschuh-Designer, der kurz vor dem Selbstmord vom Tod seines Vaters erfährt, sich auf dem Weg zum Begräbnis nach Kentucky macht und im Flieger eine lebenslustige Flugbegleiterin (Kirsten Dunst) kennenlernt. Wohin das führt, kann man sich denken. Crowe erzählt das alles aber mit so viel Verve und toller Musik, dass man sein Werk, das einem manchmal wie drei verschiedene Filme vorkommt, einfach mögen muss.

Einfach mögen muss man auch Susan Sarandon, hier als extrovertierte Mutter von Bloom im Einsatz. Nach einer schier endlosen Frage während der Pressekonferenz freute sie sich: "Ihr seid echt toll: Was für eine lange Frage. In Amerika wollen alle immer nur wissen: Mit wem schlafen Sie gerade?"

Matthias Schmidt


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