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Venedig-Tagebuch: Kein Boot, keine Party

Entschuldigung, wo gibt's den nächsten Cocktail? Auf den Filmfestspielen in Venedig muss man viel über Zubringer-Boote wissen, sonst landet man auf peinlichen Gucci-Partys. Ein Leidensbericht

von Matthias Schmidt

Manchmal steht man als Festivalbesucher vor geradezu elementaren Fragen: Geh ich zu Hala Alabdalla oder zu Gucci? Wobei es sich bei Alabdalla leider nicht um einen schwerreichen Ölscheich handelt, der auf seiner schneeweiße Yacht eine kleine, aber feine Sause zu Ehren der Filmkunst steigen lässt. Sondern "nur" um den Regisseur eines syrischen Nebenreihen-Films mit dem schönen Titel "Ich bin die, die Blumen an ihr eigenes Grab bringt".

Hinter Gucci steckt tatsächlich die bekannte italienische Nobelmarke. Deren Marketingexperten hoffen, den Glamour des Festivals für sich nutzen zu können. Und was wäre dafür nicht besser geeignet als ein neuer Preis? Für Künstler, die dem Kino neue Impulse geben konnten, oder so ähnlich. So genau will das wirklich keiner wissen. Deshalb schraubt man sich flugs eine möglichst illustre Jury zusammen: Den Musiker Moby, den Schauspieler Jeremy Irons, den Festivalchef Marco Müller (ja, liebe Frankfurter Allgemeine Zeitung, der Mann heißt wirklich Marco, nicht Mario), den Modemacher Alexander McQueen, und, als Quotenfrau, die italienische Filmkritikerin Alessandra Mammi. Dann nominiert man für die Preisverleihung Leute wie das Model Helena Christensen (für ihre Rolle im missratenen, dänischen Film "Allegro"), den Musiker Nick Cave (für das Drehbuch des großartigen australischen Westerns "The Proposition") oder den französischen Regisseur Alain Robbe-Grillet (für was auch immer).

Ungepflegte Langeweile

Und nun raten Sie mal, wohin wir gegangen sind? Weitere hundertzehn Minuten in den engen Sitzen auf die Leinwand im PalaLido starren - oder zwei, drei Stunden im pompösen Palazzo Grassi direkt am Canale Grande?

Zu Gucci, claro. Und wie war's? Unhöfliche, gelangweilte Gäste, die nicht mal während der Ansprache des Gucci-Bosses oder während der Preisverleihung an Nick Cave die Lautstärke ihrer Privatgespräche minderten. Lausiges Finger Food und nach kürzester Zeit gab es weder Mineralwasser noch Tonic Water, um die abendliche Schwüle hinunterzuspülen. Weil Gucci nicht dafür gesorgt hatte, mussten sich einige Gäste die Rückfahrt kurzerhand selbst organisieren. Aber die Strafe für soviel Missmanagement folgte prompt. Auf dem Heimweg über eine der venezianischen Haupteinkaufsstraßen sah man, wie mehrere Schwarzafrikaner mit Tüten vor der Gucci-Filiale kauerten. Sie boten gefälschte Markenartikel an, was sonst.

Partyplaner in der Handtasche

Apropos Partys. Die Lagunenstadt ist ja nicht gerade berühmt für ausschweifende Gelage während des Festivals. Als normal sterblicher Journalist erhält man nur äußerst selten Einladungen zu den Premierenfeiern der großen Studiofilme wie "World Trade Center" oder "Der Teufel trägt Prada". Nicht weil Journalisten grundsätzlich schlecht riechen (manchmal tun sie auch das), sondern angeblich weil die Stars und Produzenten aus Hollywood meist nur im intimen Rahmen eines Abendessens zusammen kommen. Ganz familiär sozusagen. In Venedig gäbe es einfach nicht so viele geeignete Locations für den ganz großen Rummel. Ganz anders als in Cannes, wo man problemlos jede Nacht durchzechen könnte, ohne einen einzigen Wodka-Martini aus eigener Tasche zu bezahlen.

Doch dann trifft man auf dem Empfang der Deutschen, dafür haben wir immer eine Einladung, eine von vielen Venedig-Festivals gestähltes Schlachtross. Sie zaubert aus ihrer Handtasche einen selbst gebastelten Party-Planer. Jeden Abend feiern die Amerikaner und andere Nationalitäten in irgendeinem Palazzo. Mal im größeren, mal im etwas kleineren Rahmen. Man müsse nur wissen, wann und wo genau das jeweilige Zubringer-Boot ablege, schon sei man drin. Notfalls auch ohne persönliche Einladung. Ja, vielen Dank für diese Auskunft. Das nächste Mal, wenn ich Geburtstag habe, sage ich ich Meryl Streep und Oliver Stone eben auch nicht Bescheid.

Schlechter Rotwein für Lynch-Epigone

Um die Gucci-Schlappe zu verdauen, sind wir schlecht riechenden Filmkritiker dann noch zu einer italienischen Party in einen Disko-Club direkt am langen Lidostrand. Doch selbst dort: nur mäßig leckerer Rotwein, altes Weißbrot und italienische Studenten, die gerade einen Kurzfilm eines David Lynch-Epigonen bejubelten. In der täglichen Festivalzeitung der italienischen Filmzeitschrift "Ciak" heißt eine Kolumne "No Venice, No Party". Das wäre vielleicht die bessere Lösung gewesen. Oder Alabdalla.