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Zum 80. von Jean-Luc Godard Schwere Filmkost seit einem halben Jahrhundert


Der französische Filmemacher Jean-Luc Godard schwimmt seit 50 Jahren gegen den Mainstream an. Während seine Filme nichts von ihrer Komplexität und Radikalität verloren haben, scheut sich das Publikum immer mehr, sich mit seinen Werken auseinanderzusetzen.

Godard-Filme sind schwere Kost. Dass sie deshalb nur noch in einigen Nischen des Avantgardebetriebs zu sehen sind, stört den Autorenfilmer nicht. Jean-Luc Godard ist schon immer gegen den Mainstream geschwommen. Als Gründer der "Nouvelle Vague", einer Stilrichtung, die Ende der 1950er Jahre entstanden ist, wandte sich der Cineast gegen das etablierte kommerzielle Kino und brach radikal mit dessen visuellen und narrativen Konventionen. Godard hat mit Filmen wie "Außer Atem", "Elf Uhr nachts" und "Der kleine Soldat" das Kino revolutioniert. Ohne den Filmemacher, der an diesem Freitag (3. Dezember) 80 Jahre alt wird, wäre das Kino in seiner jetzigen Form nicht denkbar.

Godard ist einer der produktivsten und innovativsten Filmemacher seiner Zeit. In 45 Jahren hat er über 60 Filme gedreht, darunter "Außer Atem" mit Jean-Paul Belmondo aus dem Jahr 1959, seinen bekanntesten und wohl zugänglichsten Film. Obwohl Godard zu den bedeutendsten und bekanntesten Regisseuren gehört, werden seine Filme heute nur noch in Programmkinos und auf Festivals gezeigt.

Hat sich Godard zu sehr vom Publikum entfernt? Die Filme des in Paris geborenen Sohns einer großbürgerlich französisch- schweizerischen Familie stellen den Zuschauer auf eine harte Probe. Denn sie sind Manifeste eines intellektuellen Kinos, das nicht nur das Leben erforscht, sondern auch den Film. Und so fordert der Cineast schon seit 1957, dass der Film "Kunst und gleichzeitig Theorie der Kunst ist, die Schönheit und gleichzeitig das Geheimnis der Schönheit, das Kino und gleichzeitig die Erklärung des Kinos".

Dieses Manifest, das bis heute seine Filme bestimmt, bedeutet: Durchbrechen der Filmrealität durch dokumentarische Aspekte und plötzliche Musik- und Schrifteinlagen, Schauspieler, die in Dialogen aneinander vorbeireden, auf den Boden schauen oder Handlungen vollziehen, die für den Fortgang der Geschichte ohne Bedeutung sind. In "Elf Uhr nachts" unterbricht er die filmische Erzählung durch unvermittelte Musikeinlagen, in "Die Kinder von Marx und Coca Cola" überrascht er mit abrupten, nicht weiter erklärten Schießereien.

Godard montiert und collagiert seine Filme mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. So auch in seinem jüngsten Werk "Film Socialisme", in dem ein Strom unzusammenhängender Bilder und Assoziationen auf den Zuschauer einstürzt: ein Schiff im Mittelmeer, Kriegsverbrecher, Nahostkonflikt. "Wenn man nicht versteht, was der Meister sagen möchte, dann ist auch das kein Problem: Jeder nimmt mit, was er sieht oder fühlt, Jean-Luc Godard stellt lediglich das Material zur Verfügung", schrieb Filmkritiker Andreas Borcholte.

Der Pariser Intellektuelle, der heute in der Schweiz lebt, verlangt vom Zuschauer, dass er mitdenkt, sich konzentriert, weder nach logischen noch zeitlichen Bezügen sucht. "Es gibt kein Ding nach einem Ding, sondern ein Ding plus ein Ding", erklärte Godard sein Filmkonzept. Während seine Filme nichts von ihrer innovativen Komplexität verloren haben, wird das Publikum, das sich noch mit ihnen auseinandersetzen will, immer kleiner.

Der radikale Autorenfilmer hat mit seiner außergewöhnlichen Kameraführung, seinen ungewöhnlichen Bildschnitten und Entfremdungseffekten die Film- und Bildsprache bis in die Gegenwart nachhaltig beeinflusst. "Star Wars" und "Matrix" sind für ihn auch heute immer noch "dumm und zu hässlich". Dass er nicht zur Verleihung des Ehren-Oscars 2010 gekommen ist, hat deshalb niemanden verwundert. Godard hatte mit Hollywood noch nie etwas zu schaffen.

Sabine Glaubitz, DPA DPA

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