Ausstellung "Seduced" Das letzte Tabu


Bis Januar 2008 verspricht eine neue Ausstellung in der Londoner Barbican Kunstgalerie ihre Zuschauer zu verführen. "Kunst und Sex von der Antike bis heute" heißt der Untertitel - und der Eintritt ist nur Besuchern über 18 Jahren gestattet.
Von Cornelia Fuchs

Als erstes war die Polizei da und schaute sich die Werke auf zwei Etagen an, von den antiken Statuen der Sartyre, die Nymphen besteigen, bis zu den Fotos des amerikanischen Künstlers Robert Mapplethorpe, der Männer mit Lack, Leder und Schmerz portraitierte. Sie genehmigten die Ausstellung "Seduced: Kunst und Sex von der Antike bis heute", aber nur für Erwachsene.

Die Ausstellungsmacher sagen, sie wollen uns das Verhältnis von Verbot und Freiheit sexueller Darstellungen vor Augen führen, den Wandel von dem, was als pornographisch angesehen wird und was als kulturell wertvoll. Eines der ersten Exponate ist ein riesiges Feigenblatt, speziell hergestellt für die Kopie von Michelangelos Statue des David, die vor Königin Viktoria präsentiert werden sollte. Das Feigenblatt schützte das Gemächt des David vor unzüchtigen Blicken und die Königin vor schamhaftem Erröten.

So ist die Reise durch die Geschichte der Sexualität in der Kunst vor allem eine Reise durch die Verbote der Sexualität. Denn Kunst gab es nie ohne Sex. Die Frage war stets, was dem Künstler erlaubt war zu zeigen, und was er geschickt verbergen musste. Wenn Kunst aus einer freizügigeren Zeit auf die Prüderie der Nachfahren traf, führte dies zu großen Anstrengungen, diese Freizügigkeit verschwinden zu lassen. Die gesamte Antike wurde auf diese Weise im christlichen Europe entsexualisiert. Griechische Vasen mit eindeutig homo-erotischen Darstellungen, römische Münzen mit riesigen Phalli - sie alle verschwanden in den Geheimräumen der großen Museen.

Die Atmosphäre verbotener Museums-Kammern

In Neapel ließ Kaiser Franz I. alle unziemlichen Darstellungen der heidnischen Römerzeit im "Gabinetto Secreto" verschwinden, so geschockt war er angesichts der sich in Ekstase windenden Statuen und Bilder unter anderem aus den Bordellen in Pompeiji, die er im archäologischen Museum vorfand. In Großbritannien gab es seit 1857 ein Gesetz gegen obszöne Veröffentlichungen, das jedem Richter das Recht gab zu verbieten, was nach seiner Auffassung die Moral der Gesellschaft zu korrumpieren drohte. Im Besonderen war dabei die Moral von Frauen, Kindern und der leicht zu beeinflussenden Arbeiterklasse vor dem Absturz zu bewahren. Viele männliche Mitglieder der Oberklasse jedoch sammelten eifrig erotische Kunst. Ein Großteil der Geheimkammer "Secretum" des Britischen Museums bestand aus den 434 Objekten "phallischer und sexueller Natur", die der Gentleman George Witt zusammentrug und dann dem Museum vermachte.

Die Ausstellung versucht, die Atmosphäre dieser verbotenen Museums-Kammern nachzustellen, es gibt kleine Fenster, die den Betrachtenden zum Voyeur machen. Das Licht ist abgedunkelt, und tatsächlich flüstern alle in den Räumen mit den Phallus-Statuen und Erotik-Vasen. Und doch wirken sie seltsam steril. Es gibt eine römische Münze, die einen Kopf aus erigierten Penissen zeigt, auf einem Tableau beginnen eine Frau und ein Mann gerade den Beischlaf. Doch Leidenschaft sucht man hier vergebens, ebenso wie künstlerische Perfektion - das gewisse Etwas haben diese Exponate verloren, weil man sie in aller Ruhe betrachten kann und nicht mit klopfendem Herzen hinter geschlossener Tür. So sieht man die schlecht gravierten Gesichter, die mit wenig Liebe geformten Leiber. Diese Kunst ist nichts Besonderes mehr, wenn sie nicht atemlos konsumiert werden muss.

"Liebende im tief blühenden Garten"

Wie anders wirken dagegen die mit vielen Details ausgestatteten chinesischen und japanischen Bilder von Paaren in verschiedensten Liebes-Stellungen. Anders als die erotische Kunst im christlichen Europa zu dieser Zeit brauchten die Künstler keine Schwäne oder mythischen Sartyre, die Nymphen vergewaltigten, um Sex darzustellen. Sie zeigten, was Liebende oder Besucher von Bordellen wollten - intime Begegnungen auf Veranden, leidenschaftliche Nächte mit gutem Essen, Liebesspiele zu viert. Hier ist das erste Mal nicht Verbotenes, sondern tatsächlich Erotik zu sehen, es fließen Körperflüssigkeiten, es werden Liebesworte geflüstert und immer wieder lugt hinter Wänden und Türen ein Voyeur hervor, der den Zuschauer hineinzieht in die erotischen Spielereien. In China dauerte die Zeit dieser freizügigen Sexdarstellungen allerdings auch nur knapp ein Jahrhundert, mit dem Ende der Ming-Dynastie im 17. Jahrhundert verschwanden auch die "Liebenden im tief blühenden Garten".

Je weiter der Besucher in die Ausstellung hineingeht, um so freizügiger werden die Darstellungen. Die Moderne scheint sich von den christlichen Beschränkungen der Sexualität zu befreien. Klimt, Schiele, Picasso haben keine Scheu, den menschlichen Körper darzustellen, fast brutal öffnen sie die Beine der abgebildeten Frauen, zeigen Brüste, Lippen, Schamlippen, Haare. Andy Warhol filmt einen jungen Mann, der einen Orgasmus hat. Und dann kommt noch etwas Neues hinzu in dieser zweiten Etage der Ausstellung: es gibt Werke von Frauen. K R Buxey filmt sich selber als Antwort auf Warhol, während ein Freund ihr einen Orgasmus verschafft.

Zuschauer winden sich unangenehm berührt auf ihren Bänken

Die Moderne scheint mit Verboten abgeschlossen zu haben, alles ist erlaubt, sogar Pornographie wird zu Kunst, wenn der Künstler dies will - und beispielsweise wie Jeff Koons die Ästhetik des Porno-Stars Cicciolina alias Ilona Staller in seinen Bildern nachempfindet. Doch die Ausstellung wirft den Zuschauer in dieser Freizügigkeit auf sich selbst zurück - überall warnen Schilder die Besucher vor dem Eintritt in einen neuen Ausstellungsraum vor "möglicherweise schockierenden Bildern", vor zu viel Fleisch, zu viel Sex, zu viel Freiheit. Die Serie X Portfolio von Robert Mapplethorpe, in denen er fotografiert, wie er sich eine Peitsche ins Rektum einführt, sorgte noch in den 80er Jahren in den Vereinigten Staaten für einen Skandal und den Rücktritt eines Museums-Kurators.

Und dann, fast am Ende der Ausstellung, wird der Besucher mit dem großen Tabu unserer Zeit konfrontiert. Es sind ganz unschuldige Bilder in der Diashow der Künsterlin Nan Goldin, die ihre Freunde fotografiert beim Sex, beim Kochen, beim Lachen, beim Spaziergehen, im Bad. Sie alle sind auf vielen Fotos nackt, Frauen, Männer und dann auch ein kleiner Junge. Viele Zuschauer winden sich da unangenehm berührt auf ihren Bänken. Keine Woche zuvor ist ein Bild von Nan Goldin aus der Sammlung von Elton John von der Polizei beschlagnahmt worden. Es sollte in Newcastle ausgestellt werden. Es zeigte zwei Kinder, teilweise nackt, die spielend tanzen.


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