HOME

Marc Chagall in Baden-Baden: Der Meister der Farbe in neuem Licht

Marc Chagall gehört zu den populärsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt bis zum 29. Oktober 100 Werke des Malers - und ermöglicht einen unverfälschten Blick auf die Gemälde.

Seine Bilder hängen in Arztpraxen und Schlafzimmern, seine schwebenden Liebespaare zieren die Einladungen zahlreicher Hochzeiten - Marc Chagall (1887-1985) ist einer der populärsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Ihn will das Baden-Badener Museum Frieder Burda nun ins rechte Licht rücken: Bis zum 29. Oktober sind dort rund 100 hochrangige Werke des Malers zu sehen. Das Besondere: Der Blick auf die wertvollen Originale wird kaum durch Kunstlicht verfälscht.

Das vom US-Stararchitekten Richard Meier entworfene "Tageslicht-Museum" kommt fast ohne künstliche Beleuchtung aus. Nicht nur Chagall-Enkelin Meret Meyer zeigte sich davon sichtlich angetan; sie sieht die Arbeiten ihres Großvaters neu leuchten. Auch die Kuratorin der berühmtem Moskauer Tretjakow Galerie war nach einem Besuch überzeugt: Sie überließ dem privaten Museum wertvolle Leihgaben, darunter den monumentalen Gemäldezyklus "Theatre Juif" aus dem Jahr 1920, dessen zentrales Bild drei mal acht Meter groß ist.

Schwebende Liebespaare und Zirkuswelten

"Chagall ist weit mehr als ein gefälliger Künstler. Seine Kunst geht tiefer", meint der Sammler und Mäzen Frieder Burda. Für die Schau "Chagall. In neuem Licht" hat er den französischen Gastkurator und Chagall-Experten Jean-Louis Prat gewonnen. Der hat neben Gängigem und Gefälligem wie den schwebenden Liebespaaren, dörflichen Szenen und Zirkuswelten auch Raritäten und freche Kostbarkeiten ausgegraben.

Der "Meister der Farbe", der wie kaum ein anderer alle Nuancen von Blau hervorzuzaubern versteht, zeigt schon in ersten Bildern seine Vorliebe für dieses Symbol der Hoffnung: etwa in seinem ganz in Blau gehaltenen frühen Bild "Der Ring" (1908/1909). Das eher untypische, gar nicht exzentrische Gemälde dürfte genauso überraschen wie "Der rote Akt" aus der gleichen Zeit. Chagalls Sujet und große Liebe ist dabei immer wieder seine Frau Bella, die er schon in den frühen Bildern schweben lässt.

Vielseitiger Künstler

Prat zeigt Chagall in seiner chronologisch angelegten Schau als ausgesprochen vielseitigen Künstler, der mit Malstilen, Inhalten und verschiedenen Kunstformen experimentiert - vom kubistisch anmutenden Akt über die Illustration des Decamerone oder Gogols "Tote Seelen" bis zum respektlosen Revolutionsbild mit Lenin als Balancekünstler aus dem Jahr 1937. Die Landschaft draußen wird Augen zwinkernd einbezogen, etwa bei der Herbst-"Landschaft bei Isle-Adam", die - direkt am Fenster platziert - mit der grünen Baden-Badener Parklandschaft in Dialog tritt.

Zu sehen sind auch Gemälde, die Chagall selbst im Wohnzimmer hängen hatte: das "Blaue Haus" (1920) und "Die roten Dächer" (1953). Letzteres ist erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen und erweist sich beim näheren Betrachten als schier unendliches Suchbild.

Auch im hohen Alter gingen dem Künstler weder Fantasie noch Farben aus. Und das macht aus Sicht Frieder Burdas noch heute die Faszination Chagalls aus: "Er vermittelt uns Träume, Illusionen und viel Romantik."

Susanne Kupke/DPA