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Neo-Rauch-Ausstellung: Der Vorposten des Ich

Neo Rauch hat die Kunst verändert: Statt Theorie und Konzept zählt wieder die Erfindung. In der Werkschau "Neue Rolle. Bilder 1993 bis heute" zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg Bilder des derzeit größten deutschen Malers.

Von Tim Sommer

Das neue deutsche Kunstwunder hat die Kategorien verschoben. Statt Jacques Derrida oder Michel Foucault zu zitieren, fragen die Kritiker heute lieber nach der Preisentwicklung oder der Länge der Warteschlange, die ein Maler produziert. Natürlich ist es sensationell, wenn ein Bild von Neo Rauch heute eine halbe Million Euro kosten kann und nicht mehr ein paar Tausend Mark, wie vor zehn Jahren. Und es macht schaudern, dass Sammler solche Summen zahlen wollen, wenn die Bilder noch nicht gedacht, geschweige denn gemalt sind. All das macht das Faszinosum, das Medienphänomen Neo Rauch aus, der unbestrittenen Leitfigur der neuen deutschen Malerei. Mit dem Atelierarbeiter, dem Maler Neo Rauch, hat das alles nichts zu tun. Deshalb war es höchste Zeit, die Bilder wieder einmal zu versammeln um die Güte des Objekts ungeachtet des Preises zu erproben.

Die Wolfsburger Schau zeigt, was Neo Rauch neben Talent, Fleiß und guter galeristischer Betreuung zum besten Maler seiner Generation gemacht hat: sein Mut zur Wandlung. Schon die Bilder der ersten großen Museumsausstellung zum Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung 1997 liefen allem zuwider, was damals angesagt und abgesegnet war: Der Betrieb kreiste um Institutionskritik und Gendertheorie, Rauch, damals immerhin schon 37, malte Kanonen, Panzer und stramme Kameraden. Der Erfolg war so groß, dass er es mit diesen Erfindungen hätte bewenden lassen können.

Mit den immergleichen Begriffen wird Rauchs Kunst seitdem beschrieben. Dabei haben sich die Bilder radikal gewandelt: Vom Silhouettentheater zum fließenden Bildraum ist Rauch fortgeschritten, vom gediegenen Ton in Ton der gebrochenen Farben zum schrillen Pop, von der raunenden Beschwörung martialischer Motive zur hochkomplexen Bilderzählung, die den aufmerksamen Deuter in ein "Labyrinth aus Sackgassen", so der Kunsthistoriker führt.

Rauch hat es verstanden, sich dem Drang zur Serienproduktion zu entziehen, der die Kunst vieler Kollegen so langweilig macht. Rauch ist im Risiko geblieben, eigentlich hat er sogar den Einsatz beständig erhöht. Immerhin malt er nicht unter der Fahne der Medienkritik Fotos oder Fernsehbilder ab, sondern beutet für seine Kompositionen die ureigene Fantasie aus: Neos Träume als Reflexzonen von Erinnerung, Affekt und Zeitgenossenschaft. Diese radikale Subjektivität, diese ungeschützte Individualität, das Ich für die Kunst wiederentdeckt zu haben, ist vermutlich Rauchs größte Leistung.

Er hat zusammen mit ein paar anderen Künstlern nicht nur eine ganze Generation von Malern ermutigt, sondern en passant der Kunst einen Weg aus den Fängen der kopfgesteuerten Kuratoren gewiesen. Zu lange galt nur das als gut, was sich mit Worten gut erkären ließ: die Kunst zur Theorie. "Die mir wichtigen Qualitätsmerkmale in der Malerei sind Eigentümlichkeit, Suggestivität und Zeitlosigkeit", sagt Neo Rauch. Leider undenkbar für einen Documentakünstler.

Dass die neue Werkschau im Museum von Wolfsburg stattfindet, passt gut zu Rauchs Motiven. Kaum ein anderer Ort im Land steht so für Glanz und Elend des 20. Jahrhunderts wie Hitlers abgelegene Autoschmiede mit angeschlossener Retortenstadt. Trotzdem gehört es zu den Wunderlichkeiten des deutschen Kunstbetriebs, dass nicht etwa die Berliner Nationalgalerie die Chance nutzt, den neuen Weltstar zu präsentieren. Die nächste Museumsschau findet 2007 in Amerika statt – im Metropolitan Museum of Art, New York.

Der Autor des Artikels, Tim Sommer, ist Chefredakteur des Kunstmagazins art.

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