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"Born to Samba": Musik für ein besseres Brasilien

Die Musikshow "Born to Samba" von Regisseur Toby Gough gastiert in Hamburg und zeigt mit drei Künstlergenerationen ein Bild von Brasilien fernab von Traumständen und glitzernden Karnevalskostümen.

Von Felix Disselhoff

Samba boomt in Deutschland. Südamerikanische Tanzschulen verzeichnen riesige Zuläufe. Jeder will ein Stückchen brasilianische Lebensweise, das"vida loca" (deutsch für: "das verrückte Leben"), mit nach Hause nehmen. Für viele Brasilianer ist das Leben in ihrer Heimat keinesfalls "loca", sondern ein ständiger Kampf für ein besseres Leben. Sie leben in Favelas, Wellblechdörfern vor den großen Städten Brasiliens. Paloma ist eine von ihnen, und noch hat sie keine Ahnung, was sie in Deutschland erwartet. "Viel Kälte wahrscheinlich", glaubt die 23-jährige Brasilianerin. Eines weiß sie aber sicher: "Ohne Musik wäre mein Leben völlig anders verlaufen." Sie ist die Solosängerin in "Born to Samba", der neuen Show von Regisseur Toby Gough, der nun drei Künstlergeneration auf einer Bühne zusammenführt. Gough inszenierte bereits erfolgreich die Revue "The Bar at Buena Vista". Dieses Mal sind es nicht rüstige Kubaner, sondern drei Altmeister der brasilianischen Samba, die mit Paloma und der Band "Bitgabott" für authentische Sambaklänge sorgen.

Zwischen Freestyle und Sozialkritik

Auch diese Sambashow setzt auf viel Folklore und bunte Kostüme. Welthits wie "Mas que nada" oder "The Girl from Ipanema" kann jeder mitsummen. Doch wenn der 60-jährige Bule-Bule die Bühne betritt, hat das nicht mehr viel mit Liedern über schöne Frauen und das leichte Leben zu tun. Der Altmeister des Sambas, mit bürgerlichem Namen Antônio Ribeiro de Conceiçao ist ein "Griot", ein Geschichtenerzähler. Seit seiner Kindheit haben ihn die improvisiert gereimten Geshichten gereizt. Vergleichbar mit dem, was Rapper heutzutage als "Freestyle" deklarieren.

Viele Bauern der Gegend, aus der Bule-Bule stammt, schneiden das Zuckerrohr zu den Klängen der typischen Chula des Recôncavo. Diese ländliche Samba ist nie zuvor außerhalb ihrer heimatlichen Gefilde zu hören gewesen. Wenn der untersetzte Mann mit dem ledernden Hut die Stimme erhebt, spürt man die Weite Brasiliens, die Dürre und Entbehrungen, die das Leben auf dem Land fordert.

Diese gesungenen "Bindfadengeschichten" sind pure Sozialkritik. Während der Zeit der Militärdiktatur in Brasilien waren es Texte, die nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit verlangten. Später sang er gegen Atomkraft und für den Naturschutz.

Samba ist erzählte Geschichte

Unterstützung bekommt Bule-Bule von Mateo Aleluia. Er ist das einzige noch lebende Mitglied einer Gruppe brasilianischer Legenden, der Tinçoas aus Cachoeira in Bahia. Due Tinçoas sangen bis zu ihrer Auflösung 2000 Lieder, die dem Candomblé enstammen - jener westafrikanischen Religion, die in Bahia überlebte, während sie auf ihrem Heimatkontinent in Vergessenheit geriet. So versteht sich der 63-jährige Mateo als Bewahrer einer Tradition. Leise, behutsam und melancholisch entführt er sein Publikum auf eine Reise durch eine Religion, deren Anhänger jahrzehntelang durch die katholische Kirche verfolgt wurden.

Musik für ein besseres Leben

"Born to Samba" ist aber nicht nur ein Beispiel für gute Musik, sondern auch für erfolgreiche Eintwicklungsarbeit: Sängerin Paloma ist , wie 90 Prozent der Showteilnehmer, ein Produkt der Musikschule Pracatum - einem Sozial- und Musikförderungsprojekt des auch in Deutschland bekannten Musikers Carlinhos Brown.

Pracatum liegt mitten in der Favela Candeal in Salvador, der Hauptstadt des nordöstlichen Bundeslandes Bahia. Diese Region wurde besonders durch die Kultur der Nachfahren afrikanischer Sklaven geprägt. Dort wurde Brown 1962 geboren. Die Idee zur Gründung des bisher einzigen "Volkskonservatoriums" in Brasilien kam ihm Anfang der 80er Jahre. Nach der Rückkehr von einer Tournee erfuhr er, dass sechs seiner Freunde bei einer Polizeirazzia erschossen worden waren. Sein erster Gedanke: "Die Musik hat mir das Leben gerettet!" Mit der Musik will er nun andere Leben retten.

"Wenn es mehr Pracatums gäbe, wäre Brasilien ein besseres Land", ist Paloma überzeugt. Sie hat das geschafft, wovon viele ihrer Freunde noch träumen: Der Sprung raus aus den Slums auf die Bühne. Für ihre Familie bedeutet Palomas Tournee das Wohlstand, eine Perspektive. Dutzende von Kindern zog Brown in den vergangenen 25 Jahren mit Hilfe der Musik aus dem Elend. Kinder wie jene der Familie Bitbit, deren Söhne Leo und Boghan die Band "Bitgabott" gründeten, die ebenfalls in Hamburg zu sehen und hören sein wird. Insgesamt spielen vier Geschwister in der Band. Das jüngste Mitglied ist der erst elfjährige Rique, einer der Percussionisten.

Auf großer Europa-Tour

Tänzerinnen und Tänzer aus Salvador werden, fast schon selbstverständlich, neben verschiedenen Stilen Capoeira-Einlagen präsentieren. Capoeira ist ein Kampftanz, der Akrobatik, Kampfsport, Rhythmik, Kreativität Reaktionsfähigkeit und Improvisation vereinigt. Nach Hamburg geht die Show ab Februar 2008 auf Europa-Tournee und führt unter anderem nach Berlin, München, Frankfurt, Zürich und Wien.

"Ich werde meine Heimat vermissen, freue mich aber riesig, denn ein Traum ist für mich in Erfüllung gegangen", sagt Paloma, die zum ersten Mal Europa besucht. Daheim in Candeal hoch oben über Salvador drücken die Eltern und die vier Schwestern im kleinen wackeligen Häuschen mit Wellblechdach die Daumen. Schon Tage vor dem Abschied gab es viele Tränen, meist Tränen der Freude: "Musik macht glücklich und erhöht das Selbstbewusstsein, auch das meiner Familie."