"Bundesvision Song Contest" Hübschhässlicher Zeitgeist


Gegen den "zeitgeistigen" Gewinner Peter Fox haben die Newcomer von Ruben Cossani bei Stefan Raabs Länderwettsingen wenig Chancen. Da können sie vor der Abstimmung noch so laut schreien. Aber am Ende bekommen sie eine besondere Auszeichnung.
Von Johannes Gernert, Potsdam

Kurz bevor die Live-Übertragung des Bundesvision Song Contests beginnt, fliegt ein Schokoriegel aus der Garderobe der Band Polarkreis 18 in die Nachbarkabine von Ruben Cossani. Gewissermaßen also von Sachsen nach Schleswig-Holstein, wo sich zu diesem Zeitpunkt allerdings auch der amerikanischen Sektor von Berlin aufhält: ein Drummer nämlich des Seed-Sängers und Solo-Chartstürmers Peter Fox. Der trommelt da gerade gemeinsam mit den Jungs von Ruben Cossani spontan vor sich hin, fördert so zwar den Kulturaustausch zwischen den garderobengeographischen Nachbarbundesländern Berlin und Schleswig-Holstein, sorgt aber gleichzeitig für bilaterale Spannungen mit Sachsen - mit den komplett friedensfarben gekleideten, weißen jungen Männern von Polarkreis 18.

Leo Lazar jedenfalls, der gleich mit Ruben Cossani antreten wird und der sein Haar schon mit Bienenwachs in Form gebracht hat, fühlt sich vom fliegenden Schokoriegel angegriffen. Die diplomatischen Beziehungen entspannen sich auch nicht dadurch, dass er energisch die Tür zum Territorium der Sachsen öffnet und recht bestimmt darum bittet, sie mögen beim nächsten Mal doch einfach Bescheid sagen, wenn ihnen das Getrommel nebenan zu laut ist - statt mit Süßigkeiten zu werfen. Den Moment, in dem sich Lazar und der Polarkreis-Gitarrist wenig später während ihrer Versöhnung in den Armen liegen, erfasst keine Kamera. Bei Pro7 verzichtet man großzügig auf solche Dokusoap-Elemente. Somit fällt auch nur Lazar auf, wie sehr der Kollege von nebenan zittert.

"Ganz wichtig: Atmen nicht vergessen"

Es ist nicht ganz einfach, das durchzuhalten. Sie haben ja alles schon zwei Mal zur Probe abgedreht, beim zweiten Mal haben Stefan Raab und Johanna Klum sogar schon moderiert. Alle waren in der Maske und laufen jetzt fernsehbleich seit mehreren Stunden zwischen Garderoben und Catering-Zelt hin und her. Es ist wie den ganzen Tag einkaufen, sagt Lazar. Überall Menschengewusel, irgendwo rauscht eine Klimaanlage, die Luft ist nicht besonders gut. Es ist der zweite Tag im Fernsehversorgungszelt hinter der Metropolis-Halle im Potsdamer Filmpark-Babelsberg. Zwei Tage für einen Auftritt von gut zwei Minuten. 2:36 stehen im Sendeplan, Position 31, Act 9, Ruben Cossani, um 21:21 Uhr und 17 Sekunden. Sie sind froh, als sie ihre Anzüge eineinhalb Stunden vorher endlich zum dritten Mal anziehen können. Michel van Dyke, der Komponist ihres Songs, hat die Gitarre umgeschnallt, macht Twist-Trockenübungen mit den Beinen und ermahnt seine Bandkollegen dabei noch einmal: "Ganz wichtig: Atmen nicht vergessen." Dann gehen sie raus in den Green Room, wo sie am Tischchen mit der Schleswig-Holstein-Fahne auf ihren Einsatz warten. Knapp 90 Minuten.

Auf den Bildschirmen sehen sie die Metaler von Rage mit ihrer aggressiven Mimik, der abgehackten Motorik und einer zischenden Pyro-Show. Der Bremer Flowin Immo springt im glitzernden Anzug und begleitet von einer karnevalesken "Freaqz"-Truppe über die Bühne. "Nicht mehr ganz zurechnungsfähig, aber unterhaltsam, hähähä", findet das die überaus zurechnungsfähige aber nicht ganz so unterhaltsame Moderatorin Johanna Klum. Polarkreis 18 haben die Tantiemen ihres Nummer-1-Hits "Allein, allein" in duschkabinenähnliche Glaskäfige investiert, in denen sie zu Robo-Synthie-Pop mechanisch vor sich hinzucken, womit sie sich ihrem Bewerbungsspot zufolge gegen "Manipulation und die Möglichkeit der Beeinflussung von Menschen" wenden.

"Punkte" unterm roten Kleid

Der Hamburger Liedermacher Olli Schulz dagegen ist der Meinung, dass "ein Ballermanhit auch mal von einem Menschen geschrieben werden muss, der einen Schulabschluss hat." Mit seinem Stück "Mach den Bibo" und dem mitgelieferten Choreographievorschlag bewirbt er sich um diese Position. Im Falle eines Sieges wünscht sich Schulz "viel Geld in kleinen Scheinen". Die bayerische Mundart-Popsängerin Claudia Koreck dagegen würde einen Ex-Freund gerne darüber informieren, dass seine Art, mit ihr Schluss zu machen, ihr nicht gefallen hat. "I wui, dass Du woast" heißt ihre Audiomitteilung. In Ruben Cossanis Song, der sehr nach Beatles klingt, weiß die Liebhaberin nach einem kurzweiligen ersten Mal schon Bescheid: Das kann alles sehr schnell gehen.

Dass sich die Telefon-Abstimmung in dem musikalischen Länderwettstreit zu dem entwickeln wird, was man im Fußball einen Durchmarsch nennt, auch das ahnen da bereits viele. Beim allerletzten Auftritt, bevor das Voting überhaupt beginnt, besteht daran dann kaum noch ein Zweifel. Auch wenn Stefan Raab etwas lustlos versucht, das mit Sportreporterfloskeln ("noch nichts gelaufen", "noch einiges drin") möglichst lange zu verschleiern. Selbst ein busengrapschender baden-württembergischer Privatradiomoderator kann davon nur sehr kurzfristig ablenken, als er beim Verlesen des baden-württembergischen Ergebnisses zunächst mitteilt, die "zwei Punkte" seiner Kollegin gehörten ihm und sich einen dieser "Punkte" unterm roten Kleid tatsächlich greift - wofür er eine Backpfeife kassiert.

Hübschhässlicher Zeitgeist

Als der spätere Sieger des Abends als letzter Act die Bühne betritt, tanzt Leo Lazar im Green Room mit. Es ist aber nicht nur Lazar, auch in der Halle wird aus einer Fernsehshow plötzlich eine Party. Eine kopfnickende Menge ist von den Stühlen aufgestanden und hat sich vor die Bühne geschoben. Ein komplettes Orchester, verkleidet mit Affenköpfen, streicht über seine Instrumente. Peter Fox singt dazu, von einer "mehr oder weniger ekelhaften Nacht", die zu einem wunderschönen Morgen wird. Und weil auch Stefan Raab irgendwann nicht länger verheimlichen kann, dass so viele für den "derartig zeitgeistigen" Fox angerufen haben, wie noch nie zuvor für einen Bundesvision-Gewinner, stehen in den Schlussminuten alle zusammen auf der Bühne und bewegen sich noch einmal zur Berlin-Hymne "Schwarz zu Blau", während ein hübscher Musikabend langsam zu einem auch nicht ganz hässlichen Morgen wird.

Goldglitter schwebt durch die Luft. Die Tänzerinnen von Ruben Cossani untermalen Foxs Lyrics als hätten sie dafür geübt und wischen sich bei der entsprechenden Zeile den Staub aus den Augen. Und auch die drei Jungs nicken zufrieden mit den Köpfen und lächeln. Sie sind Achter geworden. Einstellig, das war ihr Ziel. Polarkreis 18 haben es auf den zweiten Platz geschafft. Dabei sein ist ohnehin alles, hat Konrad Wissmann dem Green-Room-Reporter Elton in der Ruben-Cossani-Ecke ins Mikrofon geschrien. Wissmannn trug eine klamaukige Sonnenbrille und klang irgendwann nur noch wie ein Groupie vorm Hotel. Elton hat einen Witz über den Alkoholkonsum im Green Room gemacht und ist schnell weitergezogen, auch zu Polarkreis 18, die dank der Milch in ihren Gläsern etwas besonnener geblieben sind. Wissmann hat sich später bei einer Bekannten entschuldigt: "Ich musste schreien, wir wären sonst untergegangen."

Es gibt einen kurzen Moment, der sie dann am Ende beinah andächtig und still macht. Als er seinen Preis entgegen nimmt, sagt Peter Fox, der mit seiner Formation Seed vor drei Jahren schon einmal gewonnen hat und dessen Musik hier fast alle großartig finden, dass er sich für die Band mit dem Beatles-Song einen bessern Platz gewünscht hätte.


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