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"Dreigroschenoper" in Berlin: Punk-Rock und Brecht

Tschüs Punk, hallo Kultur: Statt "Eisgekühlter Bommerlunder" schreit Campino ab Freitag den "Kanonen-Song". Der Sänger der Toten Hosen feiert seine Premiere als Mackie Messer in der von Klaus Maria Brandauer inszenierten "Dreigroschenoper".

Von Thomas Soltau

So absurd es für den konventionellen Theaterbesucher klingt, aber Campino sieht durchaus Parallelen zwischen der Punk-Bewegung und Bertolt Brechts "Dreigroschenoper". "Die Texte sind Punkrock-Lyrik par excellence. Der Stoff ist so nahe am Leben dran. Allein das Liebeslied zwischen Zuhälter und Hure wäre ein Klassiker der heutigen Punkgeneration. Das Bürgertum entpuppt sich bei Brecht auch als korrupt und widerwärtig - und das hat sich bis heute nicht großartig geändert. Der Punk von '77 und Brecht verbindet eine gemeinsame radikale Zustandsbeschreibung unserer Gesellschaft," erklärt der Düsseldorfer mit viel Verve.

Lob für Brandauer

Obwohl der 44-Jährige durch seine Band Bühnenerfahrung mitbringt, fällt ihm der Wechsel auf die Theaterbühne nicht so leicht. Sechs Monate lang musste Campino, der Unangepasste, 120 Seiten Text pauken und Regieanweisungen von Brandauer befolgen. Eine neue, nervenaufreibende Aufgabe für ihn. Den Regisseur beschreibt er aber nicht als harten Hund sondern als "sehr sensiblen, einfühlsamen Menschen, der es mir so einfach macht, wie es nur geht. Er kann bestimmt auch manchmal anstrengend sein, aber wenn du dich für ihn als Lehrer interessierst, gibt er wirklich alles von sich. Er lässt sogar über den Text mit sich reden: Bei zwei Passagen haben wir den Text noch ergänzt, weil mir etwas gefehlt hat. Der ständige Dialog und dass alles ist im Fluss ist - das gefällt mir an Brandauer besonders gut."

Den Unterschied zwischen Bandproben und Theaterproben bringt Campino so auf den Punkt: "Bei den Proben am Theater musst du deine Partner ganz schnell intensiv kennen lernen und nach der Produktion ebenso schnell wieder loslassen. Distanz und Nähe liegen dicht zusammen. Bei den Hosen ist alles unspektakulärer. Wie soll das schon sein, wenn man 25 Jahre in die gleiche Firma geht? Ich versuche da gar nicht erst der 'nette' Typ zu sein, schließlich kennen wir uns schon so lange. Es ist einfach ein schönes Gefühl, fast ein Leben lang mit Menschen arbeiten zu dürfen, die man mag. Die Bandproben empfinde ich deshalb auch nicht als Arbeit - im Gegensatz zum Theater."

Theater-Erfahrung mit den Toten Hosen

Berührungen mit dem Theater gab es bei den Toten Hosen immer wieder. 1988 wirkte die Punk-Band im Bonner Schauspielhaus bei der musikalischen Umsetzung des Filmklassikers "Clockwork Orange" von Anthony Burgess mit. Die dazugehörige Hitsingle "Hier kommt Alex" verhalf den Hosen zum endgültigen Durchbruch in den Charts. Und im ehrwürdigen Wiener Burgtheater fegten sie mit ihren Songs auch schon den Muff aus den Stühlen.

Nun steht Campino also bis zum bis 24. September Abend für Abend als Mackie Messer auf der Bühne, mehr als 40.000 Besucher werden zu Aufführungen der "Dreigroschenoper" erwartet. Davon dürfte ein großer Teil Hosen-Fans sein, die Brecht höchstens aus der Schule als Pflichtlektüre kennen. Neben Campino gehören unter anderen Gottfried John und Katrin Saß zum Ensemble. Mit dem Stück wird der vor fast einem Jahrhundert erbaute Admiralspalast wiedereröffnet.

Angst, zu scheitern

Campino freut sich auf sein Debüt als Schauspieler. "Die Chance, noch mal mit etwas ganz anderem durchzustarten, ist für mich einmalig. Ich möchte gerne erfahren, was einen guten Theaterabend ausmacht. Eines ist sicher: die Reaktionen werden viel direkter und brutaler sein als bei Konzerten mit den Hosen." Zwar wird das Publikum, wie es bei diesen Konzerten vorkommt, kaum volle Bierbecher auf die Bühne werfen. Trotzdem schwebt die Angst zu scheitern stets im Kopf des schauspielenden Musikers. "Meine Erfahrungen mit den Hosen helfen mir nur bei den Gesangsparts weiter. Der Moment der Premiere ist auch nicht vergleichbar mit dem ersten Auftritt. Damals konnte ich noch mit Nachsicht des Publikums rechnen, heute steht für die Theatergänger ein Profi auf der Bühne. Und sollte ich da einen Blackout haben - übrigens meine größte Befürchtung - dann hagelt es Kritik von allen Seiten."

Kritisch beäugt wird Campinos Engagement schon vor der Premiere von einigen Spöttern. Sie erheben den Vorwurf, der einstige Anarcho würde sich vom großen Geld vereinnahmen lassen. Ganz nach Brechts Zitat "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" würde er die Augen vor der Tatsache verschließen, dass die Deutsche Bank die Aufführungen sponsert. Doch Campino hat sich mit der Situation auseinandergesetzt und ist bewusst diesen Kompromiss eingegangen. Ohne die finanzielle Unterstützung wäre das Großprojekt wohl gescheitert. Jetzt warten alle auf den grotesken Moment, wenn Deutsche Bank Chef Josef Ackermann dem tätowierten Vorzeige-Punk bei der Premiere grinsend gratuliert. Willkommen im Establishment.

Bleibt noch die Frage, ob Campino die nach diesem Ausflug auf die Bühne Lust auf weitere Engagements hat? "Nein. Der Ausflug ins Theater ist für mich eine einmalige Herausforderung auf hohem Niveau. Ich weiß definitiv, wo ich hingehöre. Allerdings: Sollte ein Leander Hausmann mit einem spannenden Film auf mich zukommen, würde ich vermutlich nicht nein sagen."