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"Kinderhymne" von Brecht: Warum dieses Gedicht als Nationalhymne im Gespräch ist (und wie es klingt)

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow hat sich für eine neue Nationalhymne ausgesprochen. Sein Vorschlag: die "Kinderhymne" von Bertolt Brecht. Was steckt hinter dem Gedicht? Und wie klingt es vertont?

Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen, hat Diskussionen über einen neue, deutsche Nationalhymne angeregt.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) plädiert für eine neue Nationalhymne – und stößt damit auf massiven Widerstand (lesen Sie hier mehr dazu). Er wünsche sich eine wirklich gemeinsame Nationalhymne, "die alle mit Freude mitsingen", sagte Ramelow am Donnerstag. 30 Jahre nach dem Mauerfall würden viele Ostdeutsche die Hymne in der Öffentlichkeit nicht anstimmen.

Sein Vorschlag für eine wirklich gemeinsame Nationalhymne: die "Kinderhymne" von Bertholt Brecht. Auch der Theologe Schorlemmer plädierte bei MDR Aktuell dafür. Die "Kinderhymne" entspreche "einem aufgeklärten Heimatverständnis, das keinen Platz für Nationalismus und übersteigerten Patriotismus lässt", sagte auch Sachsens Linksfraktionschef Rico Gebhardt.

Warum steht die Nationalhymne zur Debatte? Warum ist die "Kinderhymne" in aller Munde? Und wie klingt das Lied?

Was steckt hinter der "Kinderhymne"?

Die "Kinderhymne" ist ein Gedicht von Bertolt Brecht und wurde 1950 in der DDR-Literaturzeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht. Der Text wurde von dem Schriftsteller als bewusstes Gegenstück zur Nationalhymne gedichtet. 

Hintergrund: Brecht sah das "Deutschlandlied" nach dem Ersten Weltkrieg und dem Nationalsozialismus extrem historisch belastet (mehr dazu später). Der Schriftsteller schrieb das Gedicht als Reaktion auf einen Vorstoß von Bundeskanzler Konrad Adenauer, der 1950 bei einer öffentlich Versammlung demonstrativ die dritte Strophe des "Deutschlandlieds" singen ließ – später und bis heute die offizielle Nationalhymne.

Worauf geht die Diskussion zurück?

Der Runde Tisch hatte in der Wendezeit die "Kinderhymne" von Bertolt Brecht als Nationalhymne für das wiedervereinigte Deutschland vorgeschlagen. Auch einige Bürgerinitiativen setzten sich dafür ein. "Ich habe nur wiederholt, was ich seit vielen Jahren stoisch sage. Es muss doch erlaubt sein, 30 Jahre nach dem Mauerfall einen Vorschlag des Runden Tisches aus der Wendezeit in Erinnerung zu rufen", sagte auch Ramelow. Auch der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) habe 1990 vor der Wiedervereinigung für eine neue, gemeinsame Hymne geworben. 

Warum gilt die "Kinderhymne" als Gegenentwurf?

Brecht textete die "Kindhymne" als Gegenentwurf zum "Deutschlandlied".

So verweist er etwa auf bis heute umstrittene, aber nicht verbotene, Verse des "Deutschlandlieds". Heißt es in der ersten Strophe des "Deutschlandlieds" etwa "Deutschland, Deutschland, über alles", dichtete Brecht die dritte Strophe der "Kinderhymne" folgendermaßen: 

"Und nicht über und nicht unter

Andern Völkern wolln wir sein

Von der See bis zu den Alpen

Von der Oder bis zum Rhein."

(Den gesamten Text können Sie etwa hier nachlesen)

Die einfache Diktion der "Kinderhymne" sollte sich darüber hinaus vom Pathos der DDR-Hymne ("Auferstanden aus Ruinen") absetzen. 

Wie klingt die "Kinderhymne"?

Die "Kinderhymne" wurde im Erscheinungsjahr 1950 von Hanns Eisler vertont, dem Komponisten der DDR-Hymne, zusammen mit fünf weiteren Liedern eines gemeinsamen Kinderliedzyklus.

In Interpretationen der "Kinderhymne" wird zudem darauf verwiesen, dass das Versschema dem des "Deutschlandslieds" gleiche – im Umkehrschluss also auch auf die Melodie gesungen werden könnte. Kein Zufall, heißt es.

Warum steht das "Deutschlandlied" zur Debatte?

Bei der Nationalhymne handelt es sich um die dritte Strophe des "Lieds der Deutschen" von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben ("Einigkeit und Recht und Freiheit"). Seit 1952 wird zu offiziellen Anlässen nur noch die dritte Strophe des "Deutschlandlieds" gesungen, nach der Wiedervereinigung wurde diese zur gemeinsamen Hymne erklärt. 

Die vorangehenden Verse sind zwar nicht verboten, aber historisch belastet: Nach der ersten Strophe ("Deutschland, Deutschland, über alles") spielten die Nationalsozialisten etwa ihr heute verbotenes Parteilied. Anfang Mai sangen Anhänger der rechtsnationalen AfD-Gruppierung "Der Flügel" bei einem Treffen die verpönten Zeilen und sorgten damit für einen Eklat. 

Schon im vergangenen Jahr gab es eine Diskussion um den Wortlaut der Nationalhymne. Damals hatte die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium, Kristin Rose-Möhring, vorgeschlagen, künftig statt "Vaterland" besser "Heimatland" und statt "brüderlich mit Herz und Hand" in Zukunft "couragiert mit Herz und Hand" zu singen. Auch Österreich und Kanada hatten ihre Hymnen in den vergangenen Jahren aus Gleichstellungsgründen geändert.

Quellen: Nachrichtenagentur DPA, MDR, Deutsche Lyrik

fs