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Pressestimmen

Debatte über Nationalhymne: "Das Land braucht weniger Nazis und keine neue Hymne"

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow plädiert für eine neue Nationalhymne - und stößt damit auf heftigen Widerstand. Auch die Presse sieht seinen Vorstoß überwiegend kritisch.

Bodo Ramelow (Die Linke), Ministerpräsident von Thüringen, hat Diskussionen über einen neue, deutsche Nationalhymne angeregt.

Mit der Forderung nach einer neuen Nationalhymne hat Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow für mächtig Wirbel gesorgt. Er singe zwar die dritte Strophe des Deutschlandlieds mit, könne aber "das Bild der Naziaufmärsche von 1933 bis 1945 nicht ausblenden", sagte der Linken-Politiker. Viele Ostdeutsche würden die Hymne nicht mitsingen. Er wünsche sich, "dass wir eine wirklich gemeinsame Nationalhymne hätten". Ramelow plädiert für "etwas ganz Neues" - "einen neuen Text, der so eingängig ist, dass sich alle damit identifizieren können und sagen: Das ist meins."

So kommentiert die Presse Bodo Ramelows Ruf nach einer neuen Nationalhymne:

"Mitteldeutsche Zeitung"

Ramelows These, dass vielen im Osten die Hymne fremd geblieben sei, mag stimmen. Gleichwohl war "Einigkeit und Recht und Freiheit" das, was zumindest die Mehrheit der Ostdeutschen 1990 wollte. Überdies ist eine Hymne immer kondensierte Geschichte. Und sie braucht eine Geschichte - zuweilen eine widersprüchliche wie die deutsche mit ihrer heute zu Recht verfemten ersten und ihrer zu Recht gesungenen dritten Strophe. Wer die dritte Strophe singt, der tut dies in dem Bewusstsein, dass es die erste gibt. Ja, vielfach singt er gegen diese an. Auch braucht eine Hymne Patina. Die kommt nur mit  der Zeit.

"Nürnberger Zeitung"

Schwierigkeiten mit Einigkeit und Recht und Freiheit? Ramelow hat wie viele in der Linkspartei die Vorstellung, aus einer Vereinigung von "BRD" und "DDR" sei quasi ein neuer Staat entstanden, der neue Symbole brauche. Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall wollen die SED-Erben nicht akzeptieren, dass ihre DDR in der Bundesrepublik schlicht aufgegangen ist.

"Einigkeit, Recht, Freiheit": Bei der Nationalhymne handelt es sich um die dritte Strophe des "Lieds der Deutschen"

"Einigkeit, Recht, Freiheit":  Bei der Nationalhymne handelt es sich um die dritte Strophe des "Lieds der Deutschen" von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben

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"Volksstimme"

Der Moment für eine neue Nationalhymne wäre die Wiedervereinigung gewesen. Das geschah nicht. Denn die Hymne ist geboren in der Weimarer Republik, an deren demokratische Tradition das Nachkriegsdeutschland angeknüpft hat. Und dies gilt in Ostdeutschland wie überall in der Bundesrepublik. Deshalb gibt es auch nicht wirklich ein Identifikationsproblem von Ostdeutschen mit der Hymne - wie in Fußballstadien lautstark und textsicher zu vernehmen ist. Probleme gibt es allein mit Nazis, die das Lied der Deutschen auf 'Deutschland über alles' reduzieren - in Ost wie West. Das Land braucht weniger Nazis und keine neue Hymne." 

"Westfälische Nachrichten"

Da hat Thüringens Regierungschef ja eine "schöne" Debatte losgetreten. Eine neue Nationalhymne für die Deutschen - damit künftig alle mitsingen können und wollen. Bodo Ramelow hat ein Stöckchen hingehalten - und sofort springen viele nur allzu begierig darüber. ... So ganz nebenbei: Deutschland steckt nicht in der Krise. Dieses Land ist mit "Einigkeit, Recht und Freiheit" in all den Jahren gut gefahren. Wenn Rechtsnationalisten lieber die erste Strophe des Deutschlandliedes singen wollen, ist dies nicht zu verhindern, indem die dritte als Hymne zum alten Eisen gelegt wird. Und dem Fußball-Star Mesut Özil wäre es wohl auch schnuppe. Lieber Bodo Ramelow, das Anliegen, sich um die Ostdeutschen zu bemühen, ist aller Ehren wert. Aber: Die Menschen wollen auch ernst genommen werden.

"Oberhessische Presse"

Ein Lied, das allen besser gerecht wird - denen aus Ost und aus West und jenen, die nur das vereinte Deutschland kennen -, ist sicher kein dummer Vorschlag. Objektiv gesehen spricht weder etwas gegen Strophe drei des Deutschlandliedes noch gegen "Auferstanden aus Ruinen" von Hanns Eisler und Johannes R. Becher. Gegen die Musik auch nicht. Doch dem modernen Deutschland würde etwas drittes sicher besser gerecht - weil es niemandes Geschichte bevorteilt oder ausgrenzt. Die Zeit für eine Diskussion darüber scheint noch immer nicht reif. Schade.

"Passauer Neue Presse"

Anders als Ramelow meint, grenzt die bestehende Nationalhymne ehemalige DDR-Bürger nicht aus. Sie ist vielmehr ein Symbol der neuen Gemeinsamkeit, die seit der Wiedervereinigung nach und nach entstanden ist. Nirgendwo wird das deutlicher als im Sport, wo das Abspielen der Hymne bei der Siegerehrung deutsche Athleten berührt, egal ob sie Hessen oder Thüringer, Bayern oder Sachsen sind. Ja, die Nazis haben das "Lied der Deutschen" samt Haydns Melodie gekapert - aber das demokratische Nachkriegsdeutschland hat sich jedes Recht erworben, die Noten und den Text der dritten Strophe ohne schlechtes Gewissen als Hymne zu verwenden. In ihr kommen die Leistungen des Westens ebenso zum Ausdruck wie das Wunder der friedlichen Revolution im Osten. Sie ist deshalb zu Recht unser aller Hymne.

"Die Welt"

Zuerst singen die Rechtsradikalen der AfD die erste Strophe des Liedes mit deren imperialem Größenwahn, und dies sicherlich nicht zufällig. Bernd Höcke singt erst verklemmt, dann halb selbstbewusst mit. Wenige Tage später offenbart Bodo Ramelow von der Linken, dass er bei der deutschen Nationalhymne stets an Naziaufmärsche denken müsse. Höcke wie Ramelow hauen damit aus unterschiedlichen Motiven und von unterschiedlicher Seite je eine Kerbe in dasselbe Holz, aus dem der zarte nationalkulturelle Pathos sich speist. Es ist dies so unnötig wie unsäglich. Ramelow und Höcke verunsichern. Höcke tut dies aus radikaler Gesinnung, Ramelow aus der Hoffnung heraus, an linken Rändern wertvollen Applaus zu erhalten. Die Hymne sollte nicht Teil eines Wahlkampfes sein. 70 Jahre bundesrepublikanischer Freiheitlichkeit sind eine schöne Tradition. Sie haben auch die Zeilen dieser dritten Strophe mit Hoffnung beseelt.

"Rheinische Post"

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow hat wohl geahnt, welches Echo er mit seiner Kritik an der deutschen Nationalhymne auslösen wird. Der Wunsch nach einer gemeinsamen Hymne von Ost und West wird "nur für empörte Aufmerksamkeit sorgen", sagte er unserer Redaktion. Er sollte recht behalten. Obwohl die Deutschen noch immer zurückhaltend beim Bekunden nationaler Gefühle sind, nehmen sie leidenschaftlich an der Debatte teil, ob die jetzige Hymne die richtige für das vereinigte Deutschland sei. Da viele in Ostdeutschland sich mit der Fallersleben-Hymne schwertun, wirft Ramelow zu Recht Fragen auf. Und man muss sagen, Brechts Kinderhymne wäre ein würdiger Text für ein gemeinsames Lied der Deutschen. Was Ramelow unterschlägt, ist die geschichtliche Dimension. Ursprünglich als Freiheitslied komponiert, wurde die Hymne von den Nazis missbraucht. Aber sie steht auch für die Rückkehr der Demokratie, nicht zuletzt für die Einheit. Während der WM 2006 war sie Ausdruck der Freiheit. Wir sollten an ihr festhalten.

mad / DPA / AFP