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Kommentar

Nationalhymne: Alle elf Spieler singen mit - für manche die beste Nachricht des Tages. Ihr habt doch ein Rad ab!

Nach dem Zittersieg sollte die Freude der DFB-Fans vor allem wegen des sportlichen Erfolges groß sein. Doch viele Anhänger fanden in erster Linie eines gut: Alle elf Spieler sangen die Nationalhymne mit. Warum hört diese Diskussion nicht endlich auf?

DFB-Elf bei der Hymne

WM 2018: Alle elf Spieler sangen die Nationalhymne vor dem Spiel gegen Schweden mit. Für so manchen Fan die beste Nachricht des Spiels. 

DPA

Egal wo, wann und gegen wen die deutsche Nationalmannschaft spielt, auf eines kann man sich mit Sicherheit verlassen: Viele kritische Zuschauer in Deutschland achten genauestens darauf, welcher der Spieler die Nationalhymne mitsingt und wer den Mund geschlossen hält. 

WM 2018: Ewige Diskussion um die Nationalhymne nervt

Wann hört diese Diskussion endlich auf? Besonders Mesut Özil wird seit Jahren dafür angefeindet, dass er nicht wie ein Thomas Müller laut mitsingt, sondern schweigt. Dass es sein Ritual ist, während der Hymne zu beten und er daran glaubt, dass er eben dieses Ritual für den Erfolg braucht, interessiert die meisten Menschen in Deutschland nicht. 

Und dass die Entscheidung, für Deutschland und nicht für die Türkei zu spielen, den jungen Özil damals vielleicht stärker beschäftigt hat, als man annehmen könnte, möchte sich auch keiner der Meckerfritzen vorstellen. Aber er hat sich letztlich für die DFB-Elf entschieden. Ist das nicht sogar patriotischer als das Mitsingen der Hymne?

Nach seinem - zugegeben, extrem bescheuerten - Auftritt mit Erdogan ist Özil noch mehr zur Zielscheibe dieser populistischen Blödsinns-Agenda geworden. 

Wenig verwunderlich, dass die "Bild"-Zeitung noch während der ersten Halbzeit einen Artikel mit der Überschrift "So viel Hymne war lange nicht" veröffentlichte. Piepegal offenbar, dass die Mannschaft da gerade gegen Schweden zurücklag. Hauptsache, der Herrenchor performt richtig! 

"Gehört sich auch so. Es muss für die Spieler eine Ehre sein im deutschen Trikot auf dem Rasen zu stehen" und "das sollte selbstverständlich sein" - nur zwei der Kommentare, die sich unter dem Artikel bei Facebook finden. 

Seit einigen Jahren hat die Diskussion ein Ausmaß angenommen, das besorgniserregend ist - und schlichtweg nervt. Es scheint sich niemand daran zu erinnern, dass kein Spieler gezwungen ist, die Hymne mitzusingen. Und der Großteil derer, die sich aufregen, hat offenbar völlig vergessen, dass in den Siebzigerjahren kaum einer der Kicker mitgesungen hat - nicht einmal Franz Beckenbauer. 

Trump'scher Unsinn

In den USA protestieren Spieler der National Football League (NFL) seit Monaten gegen die Waffengewalt der US-Polizisten gegenüber Afro-Amerikanern. Sie tun dies, indem sie während der Nationalhymne auf dem Boden knien, statt mit Hand auf der Brust die Hymne "The Star-Spangled Banner" zu schmettern. Für Donald Trump ist die Aktion - so scheint es - schlimmer als Krieg im Nahen Osten und Kinderarmut zusammen. Diese unpatriotischen Millionäre, die sich herausnehmen, nicht zu singen!

Während sich hierzulande gerne und zu Recht über Trump'schen Unsinn aufgeregt wird, ist die ewige Hymnendiskussion um die deutschen Nationalspieler damit vergleichbar. Ist das wirklich das Niveau, auf das sich ein Multikulti-Land wie Deutschland herablassen möchte? Ich hoffe nicht. 

Von mir aus können die elf Herren auf dem Platz im Kopf "Alle meine Entchen" singen, wenn sie so schöne Freistöße schießen wie Toni Kroos, so schön dribbeln wie Marco Reus oder so konsequent verteidigen wie Jerome Boateng. Am Ende ist Fußball eben ein Sport und kein Gesangswettbewerb. 

Das Netz feiert Kroos und Co. kollektiv  - ein ganz Großer hat alles geahnt

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