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"Pasta-Kantate": Mit Essen spielt man doch

Dass man Kochrezepte vertonen kann, wissen die Wenigsten. stern.de-Redakteur Ralf Sander beobachtete Menschen, die zum ersten Mal ein Nudelgericht hörten, anstatt es zu essen.

Die Nudel tanzt, hier in der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi. Das soll sie tun, aber nicht so. Eine Cannelloni auf den Saiten eines Cembalos auf eine Art zu platzieren, dass alles so klingt, wie es sich der Komponist gedacht hat, ist nicht einfach. Tim Severloh probiert es weiter. Das konkrete Problem: Ein so genannter "E-Bow" - eine Art elektrischer Geigenbogen - liegt auf einer Saite des Cembalos und bringt diese zum Schwingen, was einen wabernden Ton erzeugt. Quer dazu soll die Nudel liegen und die Schwingungen auf die Saiten links und rechts daneben übertragen. Doch sie ist bockig und bleibt nicht an ihrem Platz. Und auch die anderen Cannelloni, die innen an der geschwungenen Wand des Cembalos liegen, können ein unberechenbares Eigenleben entwickeln. Drei der Rundnudeln müssen auf die Ersatzbank, sonst wird es zu eng im Inneren des Instruments. Etwas kooperativer sind Spagetti, wenn man mit ihnen die Saiten "kitzelt". Am Cembalo sitzt Kirchenmusikdirektor Rudolf Kelber und fragt Severloh, der mit seinem Notenpult hadert: "Willst Du da stehen" "Nein, ich muss ja noch an die Lasagne...", antwortet der Sänger, der bei dieser Aufführung neben seinen Stimmbändern auch noch drei Pastasorten bedienen muss - und zwei Jakobsmuscheln.

Was wird das hier eigentlich? Eine Speisung hungriger Musiker? Eine Jam-Session musikalischer Köche?

Tönende Rezepte sind nicht neu

Nein, hier wird zeitgenössische Kompositionskunst inszeniert, deren Thema sogar Geschichte hat. "Kochrezepte zu vertonen, das hat in Italien durchaus Tradition", erläutert Bernd Schultheis, der das Stück "Zusammenstellung für Countertenor, Cembalo, Jakobsmuscheln und trockene Nudeln" geschrieben hat. Der Name ist sperrig, klingt auf Italienisch aber wesentlich eleganter. Und er bereitet vor auf das, was kommen wird. Die Idee für diese Nudelkantate kam dem Kirchenmusikdirektor eher zufällig ("eine Schnapsidee"), und als Sänger Severloh während eines anderen gemeinsamen Projektes mit Kelber erwähnte, dass er einen Komponisten kenne, der bereits Rezepte vertont habe, wurde das Nudelwasser alsbald aufgesetzt. "Ich fand es interessant, die Dinge auch zu benutzen, die besungen wurden", erläutert Schultheis den Einsatz der Lebensmittel. Die Wahl des Rezeptes wurde durch den Ort der Uraufführung bestimmt: Jakobskirche, Jakobsmuscheln. "Es gibt aber noch weitere Zusammenhänge und Anspielungen", sagt Rudolf Kelber. Voller Begeisterung erzählen der Kirchenmusiker und der Berliner Komponist davon, dass Muscheln die Insignien des Heiligen Jakobus seien. Referieren über christliche Verweise in Namen von Nudeln ("Engelshaar", "Mönchsärmel"). Weisen auf den liturgischen Charakter der Einleitung des Stücks hin, das durch die Aufzählung bestimmter Zahlen einen Ritualcharakter habe. Und, und, und. Es ist interessant, ihren Ausführungen zuzuhören. Dennoch stellt sich eine Frage.

Was fangen Zuhörer mit dem Stück an, die nicht über einen entsprechenden Background verfügen?

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Sie werden es lieben", sagt Kelber. "Zunächst mag es ungewohnt erscheinen, doch jeder kann sich aus diesem Stück nehmen, was ihm gefällt." Komponist Schultheis fügt hinzu: "Das Ganze hat einen sehr spielerischen Charakter. Mir ist es wichtig, dass meine Kompositionen nicht nur von einem kleinen Kreis von Experten diskutiert werden. Die Zuhörer werden das Augenzwinkern in der Komposition erkennen."

Das werden wir ja sehen. Am Abend, bei der Uraufführung.

Wird die Nudelkantate nach 13 Minuten auf den Punkt genau gekocht sein? Oder schlägt sie dem Publikum auf den Magen? Schon nach den ersten Tönen erkennen die meisten Zuhörer, dass dies etwas anderes sein wird als Kammer- oder Kirchenmusik. Viele erschrecken sowieso ein wenig, wenn sie zum ersten Mal einen Countertenor mit seiner "Frauenstimme" - Severloh bevorzugt für sich die Bezeichnung "Altus", weil damit seine Stimmlage deutlich wird - singen hören. Außerdem ist Schultheis' Komposition durchaus melodisch, hat aber mit dem klassischen Programm, das bisher an diesem Abend gespielt wurde, nichts gemein. Und dann bestehen die ersten sechs Textzeilen auch noch nur aus Zahlen... Bewegung kommt in die Kirchenbänke. Hektisch wird in den Programmheften nach dem abgedruckten Text geblättert, in den Tiefen von Hand- und Jackentaschen werden Lesebrillen gesucht. Stirnen werden gerunzelt, mit dem Nachbarn wird geflüstert. Irgendwann singt Severloh "ingredienti per quatro persone" - und Erleichterung macht sich breit, einige lachen. Das hat jeder verstanden, nun beginnt also das eigentliche Rezept. Wenn die Nudeln ihre Auftritte als Musikinstrumente haben, reißt es einige Zuhörer von den Bänken, um besser sehen zu können. Andere begnügen sich damit, ihre Köpfe zu recken. Ein paar jüngere Besucher laufen nach vorne und setzen sich auf den Fußboden, um dem Geschehen möglichst nah zu sein. So geht das Stück voran: Kelber langt in die Tasten und bewirft das Cembalo und eine Zither, die spontan noch in das Stück integriert wurde, mit Cannelloni. Severloh singt von Olivenöl und Petersilie, von Schaumlöffeln und Messerspitzen, spielt Spagetti-Soli und greift am Ende zu selbst gebauten Jakobsmuschel-Kastagnetten. Das Publikum folgt, so gut es kann. Viele kleben am Text, doch gelangweilt ist niemand. An einer der hinteren Säulen der Kirche lehnt eine braunhaarige Frau, die schon seit geraumer Zeit aus dem Lachen nicht herauskommt und versucht, mit vor den Mund gehaltener Hand nicht allzu sehr aufzufallen. In einer der vorderen Reihen fordert eine Tochter ihre tuschelnden Eltern auf, endlich mal Ruhe zu geben. Ganz vorne jauchzen ein paar Rentner...

"Buon appetito! Mangiare!", erklingen Severlohs letzte Worte durch das Kirchenschiff. Das Publikum lacht und applaudiert lange und herzlich. Das Rezept hat funktioniert. Herr Ober, Nachschlag bitte!

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