HOME

Ballett: Polina Assoluta

Erotisch, anmutig, elegant - die 21-jährige russische Ballerina Polina Semionova ist auf dem Weg zum Weltruhm. Jetzt tanzt der neue Stern am Balletthimmel in der festlichen Eröffnungsgala des Staatsballetts Berlin.

Von Christine Claussen

Gott, so heißt es, habe den Menschen nicht geschaffen, damit er auf Spitzen gehe. Wenn das so ist - und die meisten werden hier beifällig nicken -, dann schuf er Polina Semionova in einer Art Spielerlaune, als atemberaubende Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Morgentraining des Berliner Staatsballetts in der Lindenoper. "I ras, i dwa, i tri - one, two, three ...": Valentina Savina, die Erste Ballettmeisterin, gibt den Takt vor. Rund 50 Tänzer - das gesamte männliche Ensemble sowie die Solistinnen der Damen - tanzen sich warm. Plié! Tendu! Battement! Rond de jambe! Frappé! Fondue! Dehnungen, Stange, Sprünge.

Man erkennt Polina sofort, obwohl sie am entferntesten steht - ganz hinten, in der Ecke zwischen Fenstern und Spiegeln. Sie trägt ein enges blaues Oberteil mit angeschnittenem Arm und schwarze Leggings mit einer hellblauen Trainingshose darüber. Das dunkle Haar ist hinten zu einem Zopf zusammengezwirbelt, der Pony mit Spangen gebändigt. Man muss sie immerfort anschauen. Woran liegt das? An den vollendeten Proportionen und dem herrlichen und für Ballerinen ganz und gar ungewöhnlichen Busen? An der Anmut, der souveränen Eleganz ihrer Bewegungen? Sie dampft und schwitzt nicht wie die anderen. Biegt den Oberkörper tiefer nach hinten. Springt höher. Landet formvollendet, niemals unterläuft ihr ein Patzer. Und bewegt sich so anstrengungslos auf der Spitze, dass man denken könnte, sie spaziere so immer durchs Leben.

Sie ist schön, anmutig und ungemein erotisch. Erst 21 Jahre und auf dem Weg zum Weltruhm. Ballerina assoluta, Spitzenstar in Berlin. Der neue Stern am internationalen Balletthimmel.

Die Geschichte der Polina Semionova ist fast so märchenhaft und ungewöhnlich wie die von Cinderella - eine ihrer Lieblingsrollen auf der Bühne. Sie war gerade 17, als Vladimir Malakhov, der geniale Tänzer und Berliner Ballettchef, die Bolschoi-Ballettakademie in Moskau besuchte, an der Polina studierte. Er habe die Augen nicht von ihr wenden können, sagt Malakhov heute: "Man konnte sofort sehen, was in ihr steckt. Ein solches Talent trifft man sehr, sehr selten." Von der Schule weg engagierte der Meister die junge Tänzerin - und nicht etwa als Ensemblemitglied, sondern gleich als Erste Solistin.

Dabei weiss jeder, dass es auch im Ballett, der beinharten Kunst des Schwere losen, nicht ohne Ochsentour geht. Wem es überhaupt glückt, nach der Ausbildung ein Engagement an eine bedeutende Compagnie zu finden, der beginnt im Corps de ballet. Ganz wenigen gelingt irgendwann der Sprung zum Demi-Solisten, vielleicht gar zum Solisten. Doch Erster Solist - daran wagen die meisten erst gar nicht zu denken.

"Neid und Eifersucht gibt es an allen Theatern", sagt Polina ausweichend auf die Frage, wie das so ist, wenn ein blutjunges Ding - "Baby-Ballerina" nannten sie sie - quasi aus dem Nichts kometenhaft an verdienten Ballerinen vorbeizieht, die sich in Ehren hochgetanzt haben. Sie habe nichts bemerkt, es könne natürlich sein, dass hinter ihrem Rücken etwas gesagt worden sei. Aber sich mit dergleichen zu beschäftigen, "das ist nicht mein Job".

Was ihr Job ist, davon hat sie genaue und gelegentlich für ihr Alter fast weise Vorstellungen. Sie sei eine Kämpferin, sagt sie: "Ich weiß, dass das Leben einer Ballerina kurz ist. Ich liebe meinen Job, ich tue alles, um später nicht sagen zu müssen: Ich hätte dies und jenes erreichen können, aber ich war zu träge."

Polina, 1,70 Meter groß, 50 Kilo leicht, gilt als Perfektionistin. Keiner vertanzt so viele Ballettschuhe wie sie: 120 Paar pro Jahr. Bei einer einzigen Vorstellung gehen schon zwei Paar drauf: "Meine Schuhe müssen sehr steif sein. Bei Proben halten sie immerhin zwei bis drei Tage, es hängt davon ab, was man tanzt", sagt sie. Technisch schwierige Stücke wie "Schwanensee" oder "Dornröschen" sind der Ruin für die in England gefertigten roséseidenen Kunstwerke, bei "Manon" oder "Onegin" oder modernen Stücken halten sie etwas länger.

Niemand übt so viel wie Polina, keiner ist selbstkritischer. Wenn die anderen längst in der Kantine sind, steht sie noch lange im Saal vor dem Spiegel, bis die Arabeske, der Port de bras, die Schrittfolge für ein neues Stück ihren Ansprüchen genügt. Der Spiegel sei ihr unerbittlichster Lehrer, sagt sie und lacht. Oft bittet sie Malakhov um mehr Zeit zum Üben: "Bitte, Wolodja!", fleht sie dann, und wer könnte diesem Augenaufschlag schon widerstehen. Es kommt nicht selten vor, dass sie abends als Letzte an der Pförtnerin vorbei aus dem Haus huscht.

Ihre Mutter ist Englischlehrerin, ihr Vater Ingenieur für Biotechnik in Moskau. Eine musische Familie, Mama spiele auch Klavier, sagt sie, Papa singt im Chor, die jüngere Schwester ist Pianistin - aber mit Spitzentanz hatte bis dahin keiner etwas zu tun. Die vierjährige Polina und ihr zweieinhalb Jahre älterer Bruder Dmitri lernten erst Eiskunstlauf - bis Dmitri zu groß dafür wurde und die Eltern die Kinder auf eine Ballettschule schickten. Mit acht besteht Polina die Aufnahmeprüfung an der Bolschoi-Akademie, neben der St. Petersburger Waganowa-Schule die renommierteste und strengste BallettKaderschmiede Russlands. Sie ist kein Selbstläufer wie Bruder Dmitri, der mit 17 Solist am legendären Petersburger Mariinsky-Theater wird. Aber die Lehrer erkennen ihr Potenzial: "Du musst üben, üben, üben", heißt die Devise. Die pädagogischen Methoden hätten die meisten abgeschreckt - bei Polina stacheln sie nur den Ehrgeiz an. Mit 16 gewinnt sie den internationalen Ballettwettbewerb in Moskau, das Abschlussexamen besteht sie mit Auszeichnung.

Die Liebe kam erst in Berlin. Ihr Freund, mit dem sie in Berlin-Mitte zusammenlebt, ist ebenfalls Tänzer, und "das ist gut, weil er mich besser versteht", sagt Polina. Irgendwann will sie auch Kinder haben, ein Spagat, womöglich schwieriger als der auf der Bühne: "Aber ich möchte das volle Leben leben, es macht dich reicher und offener."

Es ist in Berlin Längst so, dass viele Zuschauer nur wegen Polina in die Lindenoper kommen und keine Aufführung mit ihr auslassen. Seit sie in dem Musikvideo "Demo (Letzter Tag)" von Herbert Grönemeyer getanzt hat - "Du bist: eine gute Prognose, das Prinzip Hoffnung, ein Leuchtfeuer in der Nacht É" -, kennt sie fast jedes Kind. Sie liest gern russische Klassiker, geht leidenschaftlich gern in Museen, und ihre Hausgötter sind George Balanchine, Rudolf Nurejew, Michail Lermontow und Audrey Hepburn. Diese vier würde sie gern zu sich zum Essen einladen, sagte sie in einem Interview: den großen Choreografen, die Tänzerlegende, Lermontow, dessen Bücher sie liebt, und Hepburn, der sie sich - nicht zu Unrecht - äußerlich ähnlich fühlt und die wie sie Ballett tanzte, bevor sie beim Film zum Star wurde. Die Verlockungen für Polina liegen derzeit wohl eher beim Ballett - bei den legendären Compagnien von Paris etwa, von London oder New York. "Ich gebe ihr alle Freiheiten und hoffe, dass sie lange bei uns bleibt", sagt ihr Entdecker Malakhov. Und was sagt sie selbst? "Man weiß nie, was im Leben passiert." Polina Semionova - sybillinischer Engel der Anmut. Schaut ihn euch an. Jetzt. In Berlin.

print
Themen in diesem Artikel