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Billy Talent: Die Popstars des Punk

Eigentlich ist die kanadische Band Billy Talent Punk, sowohl musikalisch als auch politisch. Dass Punk aber auch Pop sein kann, beweisen die Band und ihr Konzertpublikum in Hamburg.

Von Thomas Krause

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit versammelt sich vor dem Club "Docks" an der Hamburger Reeperbahn eine Menschenmenge. Die Mädchen sind hübsch und adrett nach der neuesten Punk-Mode gekleidet, die Jungen tragen Beckham-Iro und Baggy Pants. Sie alle warten auf das Konzert von Billy Talent, einer kanadischen Punkband. Und obwohl das letzte Hamburger Konzert der Band erst wenige Wochen zurückliegt, ist das Docks schon seit langem ausverkauft. Nur die ganz Unverzagten ignorieren die "Suche Karte"-Pappschilder und erkundigen sich nach der Abendkasse.

Hysterie wie bei Tokio Hotel

Als die Ordner die Türen öffnen, spielen sich Szenen ab, wie man sie nur von Tokio-Hotel-Konzerten erwartet hätte: Junge Mädchen stürmen an die Bühne, um direkt an der Absperrung zu stehen und einen unverbaubaren Blick auf die Band zu haben. Zwar erspielt sich die britische Vorband Reuben ihren verdienten Applaus, die Billy-Talent-Hysterie bricht sich schon in der Umbaupause Bahn, als Bühnenarbeiter das Transparent mit dem Bandnamen entrollen.

So überrascht es wenig, dass die Band ihr Publikum spätestens mit den ersten Tönen des ersten Songs ("This is how it goes") im Griff hat: Mädchen, deren Pulswärmer zum gestreiften Top passen, erheben ihre manikürten Finger zum alten Rockergruß "Pommesgabel". Jungs mit nackten Oberkörpern zelebrieren Männlichkeitsrituale in der Menge. Nur ein Mittvierziger lässt sich noch nicht von der Stimmung mitreißen: Er nutzt die Gelegenheit, dass er seinen etwa 15-jährigen Sohn begleitet, und flirtet mit zwei maximal 19-jährigen mit Billy-Talent-Ansteckern an ihren hautengen Tops.

Schreien und singen am Bühnenrand

Doch die Band bietet eine so mitreißende Show, dass selbst Männer in der Midlife-Crisis ihre Aufmerksamkeit schnell auf die Musik richtet. Sänger Ben Kowalewicz springt über die Bühne oder schreit und singt am Bühnenrand, während Gitarrist Ian D'Sa und Bassist Jon Gallant sich auf ihre Instrumente und den melodiösen Background-Gesang konzentrieren. Die Melodien der Billy-Talent-Songs sind dem Einfluss der Punk-Heroen von The Clash geschuldet, bei den geschrienen Textpassagen macht sich eher Rage Against The Machine bemerkbar. Das Aufgreifen gesellschaftskritischer Themen wie etwa Drogenprostitution ("Standing in the rain") oder die Abgründe einer schlimmen Kindheit ("River below") macht deutlich, dass Billy Talent nicht nur musikalisch im Punk verwurzelt sind. Auf diese Weise funktioniert die Mischung, die Billy Talent präsentieren: Sauber vorgetragener Punk wird mit unterhaltsamen Ansagen aufgelockert.

Dem kann sich selbst der Mittvierziger nicht lange entziehen und so lässt er bald von den 19-Jährigen ab, um mitzuwippen, mitzuklatschen und Fotos mit seinem Handy zu schießen. Denn Billy Talent zeigen das große Punk-Entertainment für die gesamte Familie. Schon nach wenigen Stücken sind nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Wände des Docks nass vor Schweiß. Die Band spielt fast ihre kompletten zwei Alben und spart sich selbstverständlich ihre größten Hits ("River below" und "Try honesty") und die aktuelle Single ("Red Flag") für das letzte Drittel des Konzertes auf. Doch zum heimlichen Höhepunkt des Abends gerät Kowalewiczs Ansage, der nächste Billy-Talent-Auftritt in Hamburg sei schon für Februar 2007 geplant.

Erinnerungsfotos trotz zerstörter Outfits

Als nach einer Zugabe die Lichter im Docks wieder angehen, strömen erschöpfte und verschwitzte, aber vor allem zufriedene Zuschauer hinaus auf die herbstliche Reeperbahn. Hier und da wird eine Digitalkamera gezückt, um in kleinen Gruppen Erinnerungsfotos zu machen. Und es stört niemanden, dass die meisten Outfits deutlich gelitten haben. Denn schließlich ist es Punk.

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