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Bob Dylan: "Ich gehöre niemandem"

Held der Protestbewegung? Von wegen! Bob Dylan hatte panische Angst vor seinen Fans - wie er jetzt in seiner Biografie enthüllt.

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Jetzt ist ein schmales Teil hinzugekommen, auf das sich die Fans des 63-jährigen Sängers aus Hibbing/Minnesota stürzen werden wie Moses' Männer aufs himmlische Manna: "Chronicles Vol. 1", der erste Teil einer auf drei Bände angelegten Biografie. Von Dylan selbst in die Tasten seiner alten mechanischen Schreibmaschine gehämmerte Prosa eines Getriebenen. Einer der einflussreichsten Musiker der vergangenen 50 Jahre schreibt über sein Leben. Nichts Sensationelles, aber viel Persönliches.

Wir erleben Dylan, wie er tief in der Grütze steckt. Greenwich Village, Manhattans Boheme-Quartier zur Zeit des Folk-Revivals Anfang der 60er Jahre. Als Landei aus dem Mittleren Westen schlägt der 20-jährige Bobby Zimmerman hier auf. Einer, der niemanden kennt, keine feste Bleibe hat, Geld sowieso nicht. Der für fettige Burger in Coffeehouses auftritt. Mit seinem Kumpel Tiny Tim ("Tiptoe Through The Tulips" ) die Pommes teilt. Für sein in einer Siechenanstalt vegetierendes Vorbild Woody Guthrie Lieder am Sterbebett singt. Einer, der eine große Nummer in der Musikszene werden will.

Aber wie er es ein paar Jahre später schafft, zuerst der "Prinz des Protests" ("Blowin' In The Wind") zu werden und dann der hippste Songpoet unter der Sonne ("Like A Rolling Stone"), und wie es sich anfühlt auf dem Gipfel, das verschweigt His Bobness in seinem Buch. Man kann es am besten in Robert Sheltons Dylan-Biografie nachlesen.

Im ersten Teil von "Chronicles"

erleben wir den Superstar der Sechziger als treu sorgenden Familienvater auf der Flucht vor seinen Fans. "Nehmt ihn, ihr kennt ihn, er gehört euch", forderte der Ansager beim Newport Folk Festival die Zuhörer des kleinen Kerls aus dem mittleren Westen auf. "Was für ein verrückter Satz", schreibt Dylan, "soweit ich weiß, habe ich weder damals noch heute irgendwem gehört." Seine Fans sehen das anders. An seinem Haus in Woodstock randalieren Demonstranten, fordern ihn per Megafon ultimativ auf, die Führung zu übernehmen im Krieg gegen das Establishment. Die Bombenleger-Fraktion des amerikanischen SDS nennt sich nach einer Dylan-Zeile "Weathermen". Joan Baez trägt ihm die Königswürde im Klassenkampf per Lied an. Dylan plärrt der Song ("To Bobby") aus dem Radio entgegen. Er schafft sich Waffen an, mit denen er notfalls seine Kinder verteidigen will. Paranoia pur.

Am Ende entwickelt Bobby eine Strategie, um die Prinzenrolle loszuwerden. Er lässt sich mit der Kippa an der Klagemauer ablichten und als "Zionist" beschimpfen, veröffentlicht Aufnahmeabfälle früherer Jahre als Doppelalbum ("Self Portrait"), singt Country-Schnulzen mit verstellter Stimme ("Lay, Lady, Lay"). Das hilft. Irgendwann schreiben die Streetfighter den Sänger, der ihnen immer weit voraus war, ab. "Achtundsechziger" war Dylan schon 1963 gewesen, 1968 war er längst Familienvater.

20 Jahre später allerdings scheint Dylan am Ende. Seit Ewigkeiten hat er keinen Song mehr geschrieben. In den Konzerten zerlegt er seine alten Lieder in ihre Bestandteile, hat aber keinen Plan, wie er sie wieder zusammenbauen könnte. Manchmal spielt er mit dem Rücken zum Publikum, das ihn anödet. Dylan denkt ans Aufhören, ehe er sich von einem alten Jazzsänger eine neue Technik ablauscht und von einem Blues-Mann eine neue Art, die Gitarre zu zupfen.

Er macht weiter - als lebende Legende. Überlebt mürrisch alle musikalischen Moden. Seine hartgesottenen Fans haben immer zu ihm gehalten. Und die werden vom Altmeister immer wieder belohnt. Mit dem Grammy-gekrönten Album "Time Out Of Mind". Mit mehr als 100 Konzerten pro Jahr auf Dylans "Never Ending Tour". Und jetzt mit dieser atmosphärisch dichten Autobiografie.

Werner Schmitz / print
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