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Bright Eyes: Einsam, wild und jubilierend

Er zählt zu den begabtesten Songwritern Amerikas. Gleich zwei Alben hat der 24-jährige Conor Oberst mit Ensemble Bright Eyes veröffentlicht, um sein Talent unter Beweis zu stellen.

Conor Oberst sitzt in seiner Suite im Dom-Hotel zu Köln, schlägt die Beine übereinander, schaut irgendwohin, gähnt und beantwortet Fragen. Das schon seit vielen Stunden, in denen verschiedene Menschen um ihn herumwuseln, die er nie wieder in seinem Leben sehen wird, während draußen die Karnevalsaktivitäten immer neue Lautstärkepegel erreichen.

Auf eine andere Art sollte der 24-Jährige das kennen. In seiner Heimat Amerika wird dem Sänger mit der sich überschlagenden Stimme und dem jugendlichen Seitenscheitel gerade ein roter Teppich nach dem anderen ausgerollt. Oberst ist einer, den sie gesucht und gefunden haben: "Rock’s boy genius" - "Voice of a generation". Ein Songwriter aus dem Niemandsland Nebraska, den es aus dem Mittleren Westen auf die Landkarte des Pop katapultiert hat, der mit "Boss" Bruce Springsteen und R.E.M. im Kampf gegen Bush durch die Swing States getourt ist. Oberst hat im Alter von 14 angefangen, Platten aufzunehmen, inklusive der beiden jetzt erschienenen CDs sind es sieben an der Zahl alleine mit seinem immer wieder neu zusammengewürfelten Ensemble Bright Eyes. Die Band befindet sich auf Charts-Kurs: die beiden letzten Singles "Lua" und "Take it Easy" waren richtige US-Hits.

Eigenes Label

Oberst reichte das von ihm mitbegründete Saddle Creek Label eines Tages als Plattform nicht mehr aus, er startete ein neues, produzierte selber Bands. Er hat unglaublich romantische Dinge gesagt und geschrieben und einen gefährlichen Pessimismus verbreitet, den man vielleicht einem doppelt so alten Selbstmordkandidaten zugetraut hätte. Und jetzt sagt er den langweiligen Lieblingssatz von 75 Prozent aller Musiker: "Ich kann nichts anderes als Musik machen." Später im Interview erzählt Oberst ein wenig davon, wie er in Omaha damals mit der Musik anfing. "Als ich zwei Akkorde konnte, versuchte ich Worte für eine Melodie zu finden, ich war gar nicht daran interessiert, ein guter Gitarrist zu werden." Conor Oberst gähnt schon wieder - war das jetzt eine hingehauchte Entschuldigung hintendran?

Besser, man spricht über die aktuellen Veröffentlichungen. "Das eine", sagt Oberst "ist mein Folk-Album", es wurde in nur anderthalb Wochen mit dem Personal befreundeter Bands vom Saddle Creek Label aufgenommen, das andere nennt er "the digital record" - die klaustrophobische Electro-Pop-Platte mit Yeah Yeah Yeahs Gitarrist Nick Zinner (New York), die ein jüngeres Publikum locken könnte, das bislang gar nicht seins war. CD eins, "I'm Wide Awake, It's Morning" ist Conor Obersts Weckruf für die Zweifelnden und Einsamen. Ich, ich, ich bebt es zwischen gestreichelten, geschrubbten und Pedal Steel Gitarren, und wenn's noch mehr sein soll, schickt Oberst einen Trompetenchor und die Stimme eines Engels hinterher, Emmylou Harris.

Der Schmerz, der Tod und die Verwirrung, sie wohnen noch in diesen Songs, aber sie machen sofort Platz für die Feier der Liebe ("First Day Of My Life"). Oberst stolpert mit seiner Stimme über die davongezupften Akkorde, als könne er sein Glück nicht fassen. "Another Travelin' Song" im Anschluss nimmt Tempo auf, tuckert ins Herz des wilden, jubilierenden Amerika, das wir nur aus Erzählungen und Popsongs kennen. Man möchte Johnny Cash und Bob Dylan als Kronzeugen bestellen - "and dream about a train that’s going to take me back to where I belong". Oberst verarbeitet die Texturen guter Heimarbeit mit den Ergebnissen aus 30 Jahren Forschung im Bereich Country-Rock. In "Old Soul Song (For A New World Order)" gibt er Report vom Tag des Straßenkampfes - wie ein alter Soul-Song aus dem Radiowecker plärrt, wie sie an die Barrikaden kommen und die Polizisten austicken - dazu darf die Pedal Steel eine Heldenmelodie in God's own country singen. Guten Morgen, Intensivstation Amerika!

"Ich bin nicht der blöde Affe, der für dich im Käfig tanzt"

Es gibt einen Moment im Interview, in dem Oberst Fahrt aufnimmt, kurz in Rage gerät, als müsse er sich nachträglich für die erfolglose Anti-Bush-Kampagne rechtfertigen: "Ich habe immer wieder diesen Bullshit von den Leuten gehört: Warum sollen Musiker einem sagen, was man denken soll? Damit eins mal klar ist: Ich bin nicht der blöde Affe, der für dich im Käfig tanzt, ich bin keine Jukebox, in die man eine beschissene Münze wirft. Ich bin nicht da, um dich zu unterhalten." Er macht eine kleine Pause. "Ich mache, was ich machen will; und du machst damit dann, was du willst."

Im finalen Song des Albums, "Road To Joy", findet er zu einer ähnlichen Deutlichkeit, und eine bessere Stelle gibt es in den ganzen 45 Minuten nicht: "I could have been a famous singer, if I had someone elses voice", singt Oberst, "but failure always sounded better, let's fuck it up boys/make some noise". Was dann umgehend in die Tat umgesetzt wird.

"Im Wide Awake, Its Morning" und "Digital Ash In A Digital Urn" sind über Saddle Creek Europe (Indigo)erschienen. Bright Eyes spielen im Rahmen ihrer Welt-Tournee fünf Mal in Deutschland:
22.2. Köln (Stollwerck)
24.2. Hamburg (Fabrik)
25.2. Bielefeld (Ringlokschuppen)
2.3. Berlin (Postbahnhof)
3.3. München (Elserhalle)

Frank Sawatzki/AP / AP
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