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Bundesvision Song Contest: "Hat Deutschland Style?"

Bei Stefan Raabs drittem Bundesvision Song Contest kämpften 16 Bands um den Sieg. Überraschungssieger Oomph! aus Niedersachsen konnten sich vor dem Hamburger Favoriten Jan Delay behaupten - nicht sehr zur Freude des Publikums.

Von Thomas Soltau

Die 2500 Zuschauer im Berliner Tempodrom wollen lieber einen anderen Gewinner. Als die Gothic-Rock-Band Oomph! aus Niedersachsen mit Unterstützung der Sängerin Marta Jandová die Bühne entert, um ihren Sieger-Song "Träumst Du?" erneut zu spielen, setzen massive Buh-Rufe ein. Sänger Dero mault darauf beleidigt ins Mikro: "Ich finde es geil, dass Berliner so faire Verlierer sind."

Eigentlich hatte auch er mit dem Erfolg des Hamburgers Jan Delays gerechnet. "Ich hab ihn heute morgen überall im Frühstücksfernsehen gesehen. Er hatte die größte Promotion." Mit nur kleinen Abstand von neun Punkten erreicht der HipHopper von der Elbe aber nur den zweiten Platz. Und das, obwohl Jan Delay kurz vor Ende der Abstimmungen die entscheidende Frage an die Zuschauer stellt: "Hat Deutschland Style? Oder hat Deutschland keinen Style?" So gesehen hatte das ProSieben-Publikum offensichtlich keinen und wählte die Lederjacken aus Niedersachen zum Sieger.

Ex-Echt-Sänger Kim Frank wird Dritter

Freude hingegen beim ehemaligen Echt-Sänger Kim Frank. Für Schleswig-Holstein sichert er mit schönem Breitwand-Pop und dem Titel "Lara" einen respektablen dritten Platz.

Bevor der Wettkampf losgeht, tragen Vorjahressieger Seeed die hässliche Trophäe, um die sich alles dreht, auf die Bühne. Ex- oder Immer-Noch-Showpraktikant Elton treibt sich derweil Backstage bei den Künstlern herum, und verkündet schadenfroh, dass es das Bundesland Nordrhein-Westfalen bislang noch nie geschafft habe, seinen eigenen Künstlern volle Punktzahl zu verschaffen. Tresen-Philosoph Dittsche alias Olli Dittrich wiederum singt ein Loblied auf Jan Delay und muss sich mit blöden Fragen der "Radio Hamburg"-Moderatorin löchern lassen. Ein Auftakt nach Maß.

Berliner Heimspiel zum Auftakt

Die Berliner Musikkommune Mia eröffnen den Abend mit ihrem Song "Zirkus", ein passender Titel, findet doch der Bundesvision Songcontest in diesem Jahr im Berliner Tempodrom statt - einem Zirkuszelt. Feuerfontänen und Leierkasten allein reichen aber nicht aus, um das Publikum in Ekstase zu versetzen. Danach wird es erstmal schlimm: Meltron aus Mecklenburg-Vorpommern wären gerne Rammstein im Depeche-Mode-Kleid sind aber noch nicht mal deren Schmalspur-Ausgabe". Als die Mauer weg war", berichten sie, "haben wir alles erstmal in unsere Synthies investiert". Leider. Und Mädels mit roten Fahnen sind als Staffage nicht cool, sondern erinnern eher an eine ungelenke Ausgabe des DDR-Fernsehballetts.

Der sonst so großmäulige Stefan Raab passt sich dem Niveau an, wirkt bei der Moderation so angeschlagen, als habe er vorher noch einen Boxkampf gegen Regina Halmich ausgetragen. Immerhin rettet seine Co-Moderatorin Johanna Klum die Situation. Während Raab taumelt, übernimmt die 26-jährige Berlinerin souverän die Ankündigungen und bewahrt den Fernsehzuschauer davor, langsam im Sessel wegzudämmern. Nach vielen glanzlosen Auftritten markiert Jan Delay mit "Feuer" schließlich den vorläufigen Höhepunkt des Abends. Die Bühne brennt, das Publikum im Saal auch.

Als es um die Vergabe der Punkte durch die Moderatoren der jeweiligen Partner-Radiosender geht, wird auch dem TV-Zuschauer heiß. Vor Scham. Denn hier wird schnell klar: Wer sich für alle anderen Jobs als zu unqualifiziert entpuppt, ist beim Radio bestens aufgehoben. Einstellungskriterium Nummer Eins: Hauptsache doof und immer die miesesten Witze auf Lager haben. Moderatorin Claudia aus NRW stammelt bei der Punktevergabe "Ich weiß gar nicht, was ich hier tue".

Ein Kollege aus einem anderen Bundesland kalauert: "Das ist ja hier wie im Swingerclub gestern Abend". Auch im Doppelpack sind die Radio-Stars nur schwer zu ertragen: "Ich gucke in deinen Ausschnitt, das lässt tief blicken, und zwar auf die Punkte". Echte Zoten, bei denen nicht mal Humorbombe Fips Asmussen die Mundwinkel verziehen würde.

Am Ende singen Oomph! dann doch noch einmal ihren Siegertitel "Träumst du" und alle Künstler stürmen die Bühne und winken brav in die Kameras. Was man bei aller Kritik nicht vergessen darf: es ist definitiv lobenswert, dass Stefan Raab mit seiner Show Musikern eine Plattform bietet, die es normalerweise noch nicht mal ins Radio schaffen.

Moderatoren wie Anheizer am Ballermann

Vor allem nicht in Radiosender mit Moderatoren, die sich aufführen, als wären sie Anheizer am Ballermann. Aber genau da liegt auch die Diskrepanz: hier werden Künstler jenseits des Mainstreams vorgestellt - die dann kläglich am ProSieben-Publikum scheitern. Wenn die Leute am Bildschirm ähnlich ticken wie die aufgepeitschten Schilder-Schwenker im TV, die besoffen "Saarland! Saarland!" skandieren, dann haben es gute Bands wie Anajo oder Tele schwer, sich durchzusetzen. Und damit wäre auch die Frage beantwortet: "Hat Deutschland Style?"