Chanson "Ich bleibe negativ"


Für die Franzosen ist er der Nachfolger von Serge Gainsbourg. Benjamin Biolay lässt das kalt - unbeirrt singt er seine Chansons.

Zuerst tritt Coralie auf, singt vor 3000 Fans im Pariser "Grand Rex" ein paar zarte Balladen - Stücke ihres großen Bruders Benjamin Biolay. Kurz darauf kommt er selbst auf die Bühne, mit einem provozierenden Lächeln. Der schlaksige Chansonnier ist zwar erst 30, aber in Frankreich schon ein Mythos; er sei, heißt es, der Nachfolger des legendären Barden Serge Gainsbourg und besitze die Ausstrahlung eines Alain Delon. Und dann ist da noch seine schöne Frau Chiara, Tochter der Leinwand-Götter Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni.

Alt-Stars singen seine Lieder in der Wanne

Biolay singt leise, fast flüsternd. Melancholische Chansons in Moll, zuerst zur Gitarre, später am Piano. Der ehemalige Musikstudent aus Villefranche bei Lyon hat seine Karriere als Songschreiber begonnen. Der Durchbruch kam vor drei Jahren, als er dem Alt-Star Henri Salvador mit "Chambre Avec Vue" zu einem sensationellen Comeback verhalf; 750.000 Alben verkauften sich allein in Frankreich. Sogar an Françoise Hardy, die Urmutter des modernen Chansons, gehen inzwischen seine Kompositionen. "Ich schicke sie ihr wie Blumen", schwärmt poetisch ihr Bewunderer, "zurzeit mag sie meine Bossa Novas in der Badewanne singen, doch ich hoffe, dass sie eines Tages damit ins Studio geht."

Nicht Generation "French Pop"

Während des Gesprächs qualmt der stets etwas übernächtigt dreinblickende Franzose eine nach der anderen - amerikanische Benson & Hedges, nicht etwa Gauloises. Das Etikett "French Pop", das Chanson-Machern seiner Generation oft übergestülpt wird, lehnt er ab. Dass ihm mondänes Flair und Kreativität wichtiger sind, bewies er voriges Jahr mit "Rose Kennedy", einem Konzeptalbum über Glamour und Tragik des Kennedy-Clans, das in Frankreich immerhin 60.000-mal die Kasse klingeln ließ.

Album unter Eindruck des Irak-Krieges

"Robert Kennedy, den ich als Fünfjähriger zum ersten Mal im Fernsehen sah, war für mich eine Lichtgestalt", erklärt der Sohn eines Provinz-Klarinettisten, "Amerika fasziniert mich bis heute, auch wenn sich das Land immer mehr in einen Albtraum verwandelt." Unter dem Eindruck des heraufziehenden Irak-Kriegs tüftelte Biolay, politisch eindeutig ein Freund der Linken, an seinem zweiten, gerade erschienenen Studioalbum und nannte es - seiner Stimmung entsprechend - "Negatif".

Doch Agit-Prop oder gar Trauermusik wird da nicht geboten. Im Gegenteil, der neue Soundtrack ist reifer und abwechslungsreicher als das Debüt. Seine Melodien sind wunderbar schwerelos, erinnern eher an Brian Eno oder Suzanne Vega als an den guten alten Gainsbourg. "Tot oder lebendig, ich bleibe negativ", singt Biolay an einer Stelle, erzählt indes auch von Stühlen in Tokio oder vom Skifahren in weißen Nächten. Aber man muss nicht unbedingt Französisch können, um sich in seine Chansons zu verlieben.

Lieblings-Tonart C-Moll

"C-moll war meine Lieblings-Tonart, als ich auf dem Konservatorium in Lyon studierte", sagt der Komponist, und das ist seinen Songs heute noch manchmal anzumerken. Den großen Auftritt schätzt er weniger, lieber verkriecht er sich in seinem Appartement in Saint Germain und bastelt mit Chiara - Chorsängerin beim aktuellen Album - an neuen Songs. Im Moment jedoch legt das Paar eine kreative Pause ein. Denn gerade kam ihr erstes Kind zur Welt. "Voilà, wurde auch Zeit", freut sich der Vater, "schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste."

Tilman Müller print

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