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COMEBACK: Die Rückkehr der Rock-Dinosaurier

In diesem Sommer tummeln sich auf deutschen Bühnen auffällig viele Rock- und Popstars der ersten Stunde.

Derzeit dürften viele Musikfans bei Live-Gigs und Festivals ein musikalisches Deja-vu-Erlebnis haben. Zahlreiche Rock- und Popstars der ersten Stunde lassen auf deutschen Bühnen die »gute alte Zeit« Revue passieren, darunter AC/DC, Neil Young, Bob Dylan, The Eagles, Roxy Music, Jethro Tull und Manfred Mann. Sie alle haben nicht nur die grauen Haare gemein; in 2001 ziehen sie einmal mehr die Massen an wie schon in ihren besten Zeiten in den 60er und 70er Jahren. So mancher bei Medien und Fans längst abgeschriebene Altmusiker kommt in diesem Zuge wieder zu Charts-Ehren.

Ein Trend »back to the roots«? Kai Friedrichsen von der PR- Abteilung der Karsten Jahnke Konzertagentur in Hamburg bestätigt, dass die Stadionkonzerte von AC/DC fast überall ausverkauft sind, »obwohl sie erst im Herbst eine Hallentour gemacht haben. Auch Depeche Mode und Soft Cell sind auf einmal wieder da.« Seine Erklärung: »Vieles, was vor 20 und mehr Jahren bekannt, begehrt und berühmt war, wird heute nachgesungen und auf diese Weise einem neuen, jungen Publikum bekannt gemacht. Menschen zwischen 40 und 50 fühlen sich hingegen beim Besuch dieser Konzerte in ihre Jugend zurückversetzt.« Für die Shows von Neil Young müsse man zum Beispiel wenig Werbung betreiben, sie seien spätestens nach drei Monaten ausverkauft. Gleiches gilt für Bob Dylan.

Selbst Francis Rossi von Status Quo sagt: »Manchmal denke ich, heute sind nur noch Rock-Dinosaurier unterwegs.« Das 1967 gegründete Rock- und Boogie-Urgestein spielt in diesem Sommer zahlreiche Konzerte nicht nur in Deutschland. Der 52-jährige Gitarrist und Sänger wundert sich: »Wo sind all die neuen Bands? Irgendjemand muss uns alte Recken doch ablösen, wenn wir eines Tages von der Bühne fallen. Radiohead sind fantastisch, aber wann gehen die mal auf Tournee? Ein Musiker muss spielen, spielen, spielen. Mein Lebensmotto jedenfalls lautet: Rock till you drop!«

Diesen Leitspruch hat sich auch Ian »Lemmy« Kilminster auf die Fahne geschrieben. Mit seiner Gruppe Motörhead hat der Mann mit der markanten Warze seit 1975 viele Kollegen von Metallica über Rammstein bis Blink 182 beeinflusst. In diesem Jahr wurde Motörhead als Zugpferd für das Wacken Open Air verpflichtet. Beim größten Heavy- Metal-Festival auf deutschem Boden wird am 3. und 4. August in Schleswig-Holstein gerockt. »Einmal hat uns so ein Schreiberling glatt als Rock-Dinosaurier bezeichnet«, entrüstet sich der 55-jährige Bassist und Sänger. »Wir sind seit über 25 Jahren Trendsetter und keine Nachahmer. Dafür sollte man uns zu Dank verpflichtet sein! Motörhead spielen noch jede junge Band an die Wand.« Doch allzu lange will der Kettenraucher und Liebhaber britischen Starkbiers wohl nicht mehr im Heavy-Rock-Zirkus auftreten. »An meinem 60. Geburtstag werde ich ein Flugzeug mieten, drei Mädchen und ein paar Kisten Bier mitnehmen und die Party von oben begutachten.«

Auch eine deutsche Band spielt im 30. Jahr ihres Bestehens noch immer an vorderster Front. Mit ihrem 70er-Rock begeistern die Scorpions junge wie alte Fans auf der ganzen Welt; zurzeit stellen die Hannoveraner ihr neues Album »Acoustica« auf hiesigen Bühnen vor. »Es gab Zeiten, da hat man die Scorpions belächelt. Die nächste Generation fand uns plötzlich wieder cool. So ist das eben: Mal bist du der größte Arsch, mal Liebling der Massen«, sagt Bandgründer Rudolf Schenker (53). »Ich mache jedenfalls genau das, was mir Spaß macht. Manche mögen mich als Unikum bezeichnen. Das ist mir egal.«

Für Claudia Seeger-Wedeleit vom Magazin »Good Times«, das sich mit Rockmusik der 60er, 70er und 80er Jahre beschäftigt, ist das Comeback der Rock-Opas nichts ungewöhnliches. »Viele Musiker gehen auf die 60 zu, und die Fans wollen ihre Helden noch einmal sehen«, erklärt sie. »Diese Rückbesinnung ist eigentlich nichts Neues. Bob Dylan oder Neil Young waren ja nie wirklich weg. Wie eine Welle kommt ihre Musik immer wieder mal hoch.«

Von Olaf Neumann, dpa