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Depeche-Mode-Tournee: Die Mega-Show der Elektroengel

"Touring the Angel" heißt die aktuelle Depeche-Mode-Tournee, die die Synthie-Giganten rund um den Globus führt. stern.de tourt mit.

Von Udo Lewalter

Die Musik von Depeche Mode ist zeitlos; ihre Elektro-Klänge stehen für ein Lebensgefühl. Die bombastischen Synthesizer-Hymnen sowie die Elektro-Rhythmen der Engländer prägten ein ganzes Musikgenre, den Synthie-Pop. Ihre Sampling-Technik beeinflusste zudem die Dancefloor-Kultur grundlegend. In der 25-jährigen Bandgeschichte veröffentlichten Depeche Mode bislang 15 Alben und 42 Singles. Mehr als 50 Millionen Tonträger der Band wanderten weltweit über die Ladentische. Legendär sind vor allem die Konzertauftritte der Band, allen voran das Abschlusskonzert der "101"-Tour, bei der die Synthie-Popper 1988 vor rund 80.000 Zuschauern im Pasadena Rosebowl Stadium spielten. Der Mitschnitt des Auftritts wurde ein Jahr später als Video veröffentlicht. Spätestens seit dieser Zeit sind die Tourneen von Depeche Mode Kult und bereits wenige Tage nach Vorverkaufsbeginn komplett ausverkauft. So auch die aktuelle "Touring the Angel"-Tournee, die die drei Musiker aus dem englischen Basildon seit Herbst vergangenen Jahres rund um den Globus führt.

Ü30-Party für Elektro-Fans

Egal ob New York, Hamburg, Prag, Vancouver oder Frankfurt - beim Warten in der Menschenschlange vor den Eingängen der Arenen fällt stets auf, dass die Fans der drei britischen Musiker mit ihren Idolen gewachsen und gereift sind. Die Haare männlicher Anhänger sind mittlerweile lichter, die Bäuche runder. Im Gegensatz zu Konzerten vor zehn oder 15 Jahren haben sich nur wenige weibliche Fans nach dem Vorbild ihrer Helden geschminkt und gestylt. Wie treu die Anhänger jedoch sind, spiegeln die Outfits wider: Depeche-Mode-typische Motive aus längst vergangenen Zeiten zieren die verwaschenen Tour-T-Shirts vieler Besucher: Eine Rose, ein Lautsprecher oder die Zahl 101. Viele der Konzertbesucher sind schon seit 20 Jahren "live" dabei, wenn Frontmann Gahan die Hallen zum Kochen bringt. Neulinge findet man unter den Besuchern dagegen kaum. Irgendwie hat ein Depeche Mode-Konzert mittlerweile den Charme einer Ü30-Party. Für Elektro-Fans.

Die ersten Eindrücke

Grundsätzlich laufen alle Auftritte beinahe deckungsgleich ab. Am Beispiel des Frankfurter Konzertes vom 26. Januar lässt sich sehr gut beschreiben, was Fans erwartet.

Nachdem der Eingangsbereich passiert und die Halle betreten ist, wandert der Blick des Besuchers sogleich zur Bühne. Die Ausstattung wirkt futuristisch: Flackernde Pulte und eine schwebende Kugel fallen zunächst ins Auge. Je nach Musikstück werden später auf einem Laufband an der Unterseite der Kugel Schlagworte wie "Pain", "Sex" oder "Love" eingeblendet. Im Verlauf der ersten vier Lieder kommen zudem nach und nach sechs Leinwände zum Einsatz, die die Stars in Großaufnahme zeigen; durch Effekte verfremdete Konzertausschnitte flimmern stimmungsvoll über die Schirme.

Eine fantastische Zeitreise

21:06 Uhr: Die Halle kocht. Nach einem kurzen Intro - ein kraftvoller Mix aus "Introspective" und "I want it all" - stürmen die drei Bandmitglieder auf die Bühne: Andrew Fletcher zieht sich gleich - wie gewohnt - hinter sein Keyboard zurück, während Dave Gahan und Martin Lee Gore die jubelnden Massen begrüßen. Gore trägt zu Beginn stets eine schwarze Mütze, die ihm vor einiger Zeit ein Fan geschenkt hat.

Eingeleitet wird das Konzert von der aktuellen Single "A Pain that I'm used to". Auch Song Nummer zwei, "John the Revelator", entstammt dem aktuellen Album "Playing the Angel". Beide Lieder werden von den Fans eher zurückhaltend aufgenommen.

Ab dem dritten Stück gewinnt der Konzertabend dann aber deutlich an Fahrt: Die Hit-Singles "A Question of Time", "Policy of Truth", "Precious" und "Walking in my Shoes" lassen die Anhänger erstmals von den Tribünenplätzen aufspringen. Und auch der Innenraum brodelt. Das im Anschluss folgende, neue Stück "Suffer Well" wird ebenfalls begeistert von den Fans mitgesungen.

Mit dem achten Stück verliert das Konzert dann zwischenzeitlich deutlich an Dynamik. Dave Gahan verlässt seinen Platz am Mikrofon; Martin Gore übernimmt jetzt für zwei Songs den Gesangs-Part. Die Schmusestücke "Macro" und "Home" sorgen für Tränen in den Augen einiger weiblicher Fans. Und auch viele männliche Konzertbesucher schwelgen jetzt offenbar völlig abwesend in Jugenderinnerungen. Auch die darauf folgenden Songs "I want it all" und "The Sinner in me" schaffen Ruhe für Zuschauer und Künstler - die Ruhe vor dem Sturm.

Der Höhepunkt

Mit "I feel you" feuert Depeche Mode dann den musikalischen Startschuss zum furiosen zweiten Konzertteil ab. Titel wie "Behind The Wheel", "World In My Eyes", "Personal Jesus" und "Enjoy The Silence" bringen die Stimmung endgültig zum Kochen. Und Dave Gahan läuft jetzt zur Höchstform auf. Er wirkt extrem kraftvoll - im Gegensatz zu vergangenen Touren, als er gezeichnet war vom Drogenkonsum. Immer wieder reißt er die Arme in die Höhe, feuert das Publikum an und bewegt seinen Kopf schwungvoll zu den Beats. Gahan nutzt jetzt die gesamte Bühne für seine Tanzeinlagen. Hier wirbelt er immer wieder - wie zu seinen besten Zeiten - um die eigene Achse. Der Frontmann spielt mit der Masse. Die Fans jubeln ihm entgegen. Hunderte Arme sind zur Bühne gestreckt. Dave Gahan zelebriert diesen Moment. Und die Fans auch. Gänsehautstimmung.

Fulminater Abschluss

Nach einer kurzen Pause folgen die Zugaben. Martin Gore haucht jetzt "A Question of Lust" ins Mikrofon. Beim Konzert in Frankfurt überraschte der Exzentriker die Fans. In der Festhalle singt er erstmals an dieser Stelle die Hit-Single "Shake the Disease". Beide Titel läuten den kraftvollen Abschluss des Konzertabends ein. Noch einmal gibt Dave Gahan alles auf der Bühne, wenn er "Just can't get enough", "Everything Counts" und "Never let me down again" performt. Schließlich verabschieden sich Depeche Mode nach gut 120 Minuten mit der von Martin Gore vorgetragenen Ballade "Goodnight Lovers".

Ein unglaublicher Abend

Am Ende jedes Konzerts bleiben den Fans schmerzende Hände vom Klatschen, Heiserkeit vom Mitgrölen und ein unbeschreibliches Glücksgefühl, ein Konzert der Elektro-Giganten miterlebt haben zu dürfen. Ein Blick in die freudetrunkenen Gesichter der Fans spricht Bände.

Depeche Mode sind also noch immer da - und wie! Die Musik ist keinesfalls Schnee von gestern oder ein Revival. Die Engländer haben sich in den vergangenen Jahren - trotz aller Widrigkeiten - von Album zu Album weiterentwickelt, was auch die grandiose neue CD zeigt.

Die dazugehörige Tour ist absolutes Pflichtprogramm für Fans von Depeche Mode - auch wenn Kracher wie "People are People" oder "Strangelove" leider nicht gespielt werden. Dafür ist Dave Gahans Bühnenauftritt so unglaublich mitreißend wie seit Jahren nicht mehr. Schön auch zu sehen, dass die Chemie in der Gruppe noch immer bzw. wieder zu stimmen scheint. Gahan und Gore sind sehr gut aufeinander abgestimmt, lachen häufig miteinander und umarmen sich am Ende jedes Konzertes. Die Geste wirkt echt; sie haben noch immer sehr viel Spaß mit der Musik. Fans, die keine Karten mehr bekommen haben, können also beruhigt sein: Depeche Mode kommen sicher bald wieder - ganz getreu ihrem Motto: "Just can't get enough".

Udo Lewalter