Diana Krall Die First Lady des Jazz


Mit makellosem Klavierspiel und erotischer Stimme hat es Diana Krall zum Weltstar des Jazz gebracht. Ihre neue CD klingt optimistisch. Und das mit gutem Grund - Krall wird bald Mutter.
Von Tobias Schmitz

Ein Baby ist unterwegs. Im Dezember soll es zur Welt kommen. Was für ein Menschlein wird da geboren werden? Eine Art moderner Mini-Mozart? Mal rein genetisch betrachtet: Sind noch bessere Erbanlagen für einen vollendeten Musiker vorstellbar? Die erfolgreichste Jazzpianistin ihrer Generation hat sich in Liebe vereinigt mit einem der größten Songwriter. Der Vater: Elvis Costello. Pop- und Rockmusiker, Jazz- und Swingsänger, klassischer Komponist. Experimentierfreudig, neugierig wie kein Zweiter. Die Mutter: Diana Krall, 41.

Kaum eine andere Jazzmusikerin verkauft so viele Platten wie die attraktivste Blondine der Szene - in der Äußerlichkeiten ansonsten wenig zählen. Sie spielt hinreißend Klavier und singt dazu mit rauchiger Stimme derart einnehmend und verführerisch, dass Journalisten die Fantasie durchging und sie die Kanadierin zu einem "Pin-up-Girl des Jazz" schrieben.

Sie mag das nicht. Will nicht gemessen werden an einem Paar atemberaubender High Heels, an verführerischen Posen auf CD-Covern und dem erfreulichen Anblick einer schönen blonden Frau, die allein an einem schönen schwarzen Flügel sitzt. Ihr neues Album heißt "From This Moment On" - und soll einen Neuanfang markieren: Krall war Musikerin, wurde Musikerin und Ehefrau und ist bald Musikerin, Ehefrau und Mutter. Bang ist ihr nicht vor diesem Spagat zwischen Kunst und Kind. "Es wird sich viel ändern", sagt sie beim Gespräch in einem Hamburger Hotel, "nicht nur durch das Baby, das wir erwarten. Es hätte sich sowieso viel ändern müssen." Zuletzt hatte sie ihren Mann sechs Wochen lang nicht gesehen. Immer, wenn er in Amerika unterwegs war, bereiste sie Europa - oder umgekehrt. Jetzt endlich ist Costello auf einen Sprung vorbeigekommen, residiert in einer Suite über der, in welcher seine Frau die Interviews gibt, und das Paar freut sich auf ein paar Stunden Gemeinsamkeit.

Tod ihrer Mutter war Zäsur im Leben

Sie müssen diese kurzen Auszeiten planen wie andere Leute ihren Sommerurlaub. Krall könnte jeden Tag irgendwo auf der Welt ein Konzert geben - so gefragt ist die 41-Jährige. Immerhin hat sie gerade Auftritte in Las Vegas abgesagt. Die hätten ein paar Wochen vor der Niederkunft stattfinden sollen, was selbst ihr zu viel wurde. Ein Neuanfang? Wer ihr neues Album oberflächlich hört, fragt sich, ob Krall den Titel wirklich einlösen will. Vieles gleicht dem, was die Kanadierin schon früher gemacht hat: Sie singt und spielt, begleitet von exzellenten Musikern, eingängige Swing- und Jazzklassiker auf höchstem Niveau.

Den Neuanfang hat Diana Krall eigentlich längst hinter sich. Schon das Album "The Girl In The Other Room", das 2004 erschien, war eine Zäsur, die bis heute nachwirkt: Es ging ihr nicht gut in der Zeit, die vor jenem Album lag. Es war, sagt sie heute, "die schwierigste Zeit meines Lebens". Ihre Mutter, zu der Krall ein sehr inniges Verhältnis hatte, war gestorben, und sie hatte eine enge Freundin begraben müssen. Zweifel und Trauer bestimmten ihr Leben.

Halt und Unterstützung fand sie bei ihrem Ehemann: Costello ermutigte sie, sich die Gefühle von der Seele und aus dem Herzen zu schreiben. Für Diana Krall völliges Neuland. Bisher hatte sie praktisch ausschließlich mit auf Hochglanz polierten Interpretationen von Jazz-standards geglänzt, also immer die Musik anderer gesungen. Ehemann Elvis half ihr, Worte und Melodien für das erlebte Unglück zu finden: Zusammen schrieben sie Songs für "The Girl In The Other Room" - was das Album zu einem Kleinod mit Tiefgang machte. Aber längst nicht alle Fans folgten ihrem Weg.

"Es kam vor, dass Leute in Konzerten den Saal verließen", erinnert sich Krall, "weil ihnen das Gebotene offenbar zu intensiv war. Sie wollten Shoo-bee-doo-Jazz hören und bekamen stattdessen nachdenkliche Songs. Aber zu Shoo-bee-doo war ich damals nicht in der Lage."

Nun ist sie es wieder. Auf "From This Moment On" spielt Krall unter anderem Stücke von Irving Berlin, Cole Porter, George Gershwin oder Ray Brown - ohne allerdings die Intimität ihrer eigenen Lieder zu erreichen. Eigentlich ein klassischer Rückschritt, oder?

"Die Musik einfach fließen lassen"

Diana Krall kann sehr charmant sein, wenn sie will, aber man erkennt auch deutlich, wenn sie böse wird, weil sie sich missverstanden fühlt. "Ein Rückschritt?" Ihre Augen blitzen gefährlich. "Im Gegenteil: Es ist ein weiterer Schritt nach vorne." Dann erklärt sie haarklein ihr Verständnis von Perfektion: Es komme nicht darauf an, ob man einen eigenen oder den Song eines anderen singe. Entscheidend sei allein die Interpretation. "Ich habe ein Ideal", sagt sie, "und zwar die Musik einfach fließen zu lassen. Ohne jeden Effekt, ohne Attitüde, ohne Pathos, ohne überflüssigen Ballast. Meine Persönlichkeit steckt in jedem Ton, egal, ob er von mir oder von anderen stammt."

So gesehen ist das Album in der Tat sehr persönlich: Kralls Fassung von "How Insensitive" oder "Little Girl Blue" treffen ins Mark. Um "How Insensitive" war Krall zehn Jahre lang herumgeschlichen, suchte einen Ansatzpunkt und einen Weg, genau das sagen zu können, was sie wollte. "Ich nehme jeden Song sehr, sehr ernst", sagt sie, "deshalb liegt auch viel Angst und Pein in diesem neuen Album."

Dass sich die meisten Stücke trotzdem selbstverständlich und wie aus dem Ärmel geschüttelt anhören, zeigt vielleicht den Widerspruch, mit dem Diana Krall seit jenem Tag lebt, an dem sie als 16-Jährige in Vancouver entdeckt wurde: Äußerlich perfekt und kontrolliert, ist innerlich jeder Song ein Kampf gegen die Zweifel: Bin ich gut genug? Kann ich das sagen, was ich sagen will? Und werden es die Leute verstehen? Wer genau hinhört, versteht, wie hart erarbeitet die Leichtigkeit der Diana Krall ist. Bald kommt ihr Baby. Wieder ein Neuanfang. Und ihre Zweifel werden andere werden.

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