HOME

Diana Krall: Zwischen Jazz und Sesamstraße

Für die Jazzsängerin Diana Krall läuft derzeit eigentlich alles bestens: Sie ist schwanger, hat gerade ihre Tournee beendet und ein neues Album am Start. Dennoch war die Stimmung beim stern.de-Interview etwas fröstelig.

Von Thomas Soltau

Da sitzt Diana Krall nun: Im Hochsommer in eine Wolljacke eingewickelt, die Knie auf dem Sessel angezogen und alles andere als bereit für ein Interview. Meine Eisbrecherfrage trägt auch nicht gerade dazu bei, das frostige Klima ein wenig zu erwärmen. "Sie sehen... etwas gestresst aus. Macht Ihnen die Schwangerschaft zu schaffen?" Sie richtet sich kurz nach vorne und feuert mit ihrer dunklen Stimme ein kurzes "Nein, alles bestens!" heraus. Eiszeit im Hochsommer und der verpatzte Anfang eines Gesprächs über Diana Kralls neues Album "From This Moment On".

Dabei müsste es der 41-jährigen Kanadierin eigentlich blendend gehen. Nach vielen Wochen der Trennung ist sie endlich wieder mit ihrem Mann, dem Rock-Intellektuellen Elvis Costello, zusammen. Beide waren auf ausgedehnten Tourneen und haben während der Zeit nur telefoniert. Während Elvis in den USA auf der Bühne stand, spielte sie in der Türkei und auf Jazz-Festivals in ganz Europa. Von Costello bekommt Diana im Dezember auch ihr erstes Kind - und das ist für den Superstar des Jazz momentan viel wichtiger als weitere Platin- und Goldalben.

Duett mit Elmo

Schon jetzt macht sie sich Gedanken über die musikalische Entwicklung des Sprösslings: "Ich hoffe, mein Baby mag meine Musik. Immerhin spiele ich auf meiner Tour bis Oktober jeden Abend die swingenden Klassiker von Gershwin bis zu Cole Porter. Das ist für die Entwicklung besser als jede Bauchmassage", glaubt Frau Krall. Falls das Baby eher auf Costellos erlesene Kompositionen steht, kann Diana immer noch kontern: Vor ein paar Jahren nahm sie ein Duett mit der Sesamstraßen-Figur "Elmo" auf. Als Diana Krall mit dem feuerroten Fussel-Monster sang, standen selbst fünfjährige Britney-Spears-Fans für ein Autogramm von ihr an.

Mit ihrer breiten Fan-Basis hat Diana Krall so oder so keine Probleme. Ihr schicker Jazz eckt nirgendwo an und beschallt Kaffeehäuser wie Penthouse-Partys am New Yorker Central Park gleichermaßen. Die alte Klage, wo bei all dem Retro denn bitte der Fortschritt bleibe, interessiert sie nicht. "Den Titel des Albums wusste ich schon, bevor wir ins Studio gingen. Ich hatte mich da definitiv auf 'From This Moment On' festgelegt." Und die Richtung stand damit auch fest: Weg von eher experimentellen Songs des Albums "The Girl in the other Room", das sie zusammen mit Elvis Costello entwickelte - und auf der Diana Krall erstmals eigene Songs spielte. Kommerziell gestaltet sich das Projekt für die Grammy-Gewinnerin ohnehin zum Desaster. Dann doch lieber zurück in die vertraute Vergangenheit.

Die goldene Ära der Songwriter

Cole Porters romantische Ode "From This Moment On" an große Erwartungen (mit dem hippen, ermutigen Verspaar "No more blue songs / Only whoop-dee-doo songs") ist deshalb auch der passende Titelsong für Diana Kralls zehntes Album. Krall gesteht immerhin ein, dass es gar nicht ihre ursprüngliche Absicht war, dem Album eine so fröhlich-optimistische Grundstimmung zu geben. "Ich versuche eigentlich nie, eine Verbindung zwischen den einzelnen Songs eines Albums herzustellen oder die Stücke so auszusuchen, dass ein roter Faden entsteht. Das ergibt sich während der Aufnahmesessions entweder ganz natürlich oder gar nicht." Auf dem Terrain der Altmeister wie Irving Berlin, Gershwin oder Porter fühlt sich die Kanadierin eben sicher. In ihren Interpretationen auf "From This Moment On" offenbart sich Diana Kralls persönliche Leidenschaft für die goldene Ära der Songwriter, als Sänger wie Frank Sinatra, Ella Fitzgerald und ganz besonders Nat "King" Cole ihre Blütezeit hatten.

Neben diesem nostalgischen Faible für Entertainer der alten Schule betont die 41-Jährige aber, dass sie ansonsten voll auf der Höhe der Zeit sei. Den Beweis führt sie stets mit sich, einen iPod, auf dem die wichtigsten Songs gespeichert sind. Und das sind viele. Ihre Begeisterung für MP3-Player dürfte den Ehegatten die Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Costello ist ein bekennender Vinyl-Junkie, der nach einer Tournee schon mal Kisten neuer Platten anschleppt. "In unserem Haus in Vancouver haben wir extra eine Ecke mit tollen Hifi-Komponenten und einem Plattenspieler. Ich finde das auch klasse, schließlich besitzen Platten alleine durch die tolle Coverart eine physische Präsenz. Sie strahlen Leidenschaft aus und für daheim gibt es keine Alternative. Aber unterwegs benötigt man halt einen iPod, sonst verödet man." Und danach betont sie - gewohnt konservativ -, dass illegale Downloads natürlich nichts auf dem MP3-Player zu suchen haben. Selbst bei Vorabpressungen, die der Presse zugestellt werden, schwingt ihre Angst mit, dass die Tracks in zwei Minuten im Internet landen.

Tee mit dem Teppichhändler

Weitere Ängste plagen die Jazz-Pianistin nicht. Nicht einmal die Panik, ihr Kind könnte genauso wie sie ohne Abschluss vom College gehen. "Das Kind kann von mir aus Gebrauchtwagenverkäufer werden - hauptsache, es ist glücklich." Diana Krall genießt das Leben und möchte trotz der vielen Termine mit niemandem tauschen, der einen Nine-to-Five-Job hat. "Ich treffe jeden Tag neue, interessante Menschen. Ob das nun Bill Clinton ist oder türkische Teppichhändler in Istanbul, die mit mir einen Tee trinken. Das ist für mich echtes Leben, so viel Lebensweisheit, so viel Wissen über Kultur erlangt man nur auf Reisen." Bevor Diana Krall erschöpft aus dem Sessel fällt, stelle ich eine letzte Frage. Ob sie in Zukunft wohl mal ein Jazz-Album für Kinder aufnehmen will? "Ja, aber keines mit bescheuerten Songs und Lala-Texten. Auch Kinder verdienen Respekt und wollen nicht unter ihrem Niveau bedient werden. Ich weiß das von den Kids meiner Bekannten. Die achten sehr wohl auf Texte und finden eine Kelly Clarkson einfach doof."