E-Mail von Till Der halbe Potter für den Schredder


Neugierige Harry-Potter-Fans haben es schwer: Um das Ende des siebten Bandes zu erfahren, müssen sie sich durch 800 Seiten quälen - und kein Reich-Ranicki weit und breit, der sich über den mangelnden Sinn aufregt.

Leute, mal ganz ehrlich! So langsam geht mir diese ganze Harry-Potter-Mania aber mächtig auf die Nerven. Und darum lesen jetzt am besten nur noch die weiter, denen dieses magische Gefasel ebenfalls nur noch - vorsicht, Literaturzitat! - "a royal pain in the ass" bereitet.

Dabei fing alles ganz harmlos an. 1998 erstand ich in einer Buchhandlung auf Empfehlung einer gutaussehenden und blonden Verkäuferin die ersten zwei Potter-Bände. Wobei ich dieser hochhackigen Granate auch einen zehnteiligen Sammelband über die genetische Entschlüsselung der allgemeinen Hausstaubmilbe abgekauft hätte, wenn sie mir diese besonders ans Herz gelegt hätte. Schon eine Woche später hatte ich Blondie vergessen dafür aber begeistert die putzigen Harry-Potter-Bücher gelesen.

Der Harry-Potter-Tsunami spülte alles weg

Auch der dritte Band, den ich wenig später kaufte, gefiel mir noch recht gut, wobei ich mich da schon ertappte, dass mir einige langatmigen, für die Handlung bedeutungslosen Beschreibungen über 20 Seiten unangenehm auffielen.

Aber da war es eigentlich auch schon zu spät. Mittlerweile las jeder Spacko, der ahnte, dass das kleine, schwarze auf dem Papier die Buchstaben sind und sie von links nach rechts gelesen einen Sinn ergeben könnten, die Potter-Bücher. Kinder und Erwachsene fingen an zu lesen, von denen ich sogar wusste, dass die eigentlich gar nicht lesen konnten! Der Harry-Potter-Tsunami spülte alles weg, vor allem aber den Verstand einiger Menschen in meiner näheren Umgebung. Nehmen wir doch mal Mirko, meinen Sitznachbar in Englisch auf dem Gymnasium. Mirko hatte laut unserem Lehrer die sprachliche Eloquenz einer englischen Bulldogge und sein kompletter Wortschatz beschränkte sich auf den Refrain des Beatles-Klassikers "Love me do"!

20 Jahre später sitze ich im Zug nach Berlin und sehe durch die Sitze, dass vor mir einer dieser elenden Wichtigtuer sitzt, der den neuesten Harry Potter auf Englisch liest. Das soll wohl cool wirken und der Umwelt signalisieren, dass man es intellektuell nicht nötig hat, auf die armselige deutsche Übersetzung zu warten. Umso höhnischer fiel meine Bemerkung aus, als ich beim Gang zum WC erkannte, um welchen intellektuellen Grützkopf es sich da handelte: "Mirko, alter Stammelpapst! Seit wann kannst du denn Englisch? Alle mal herhören! Mirko liest uns jetzt das letzte Kapitel laut vor und übersetzt es dann für alle!" Mirkos roter Kopf, sein gequältes Schweigen und seine geballte Faust in meine Richtung waren für mich der Beweis, dass sich seit "so plea...hea...hea...hease - Love me do!" noch nicht viel neues getan hatte.

Es muss doch einen Misanthropen geben, der das Ende verrät!

Ich weiß auch nicht, warum gesunde Menschen in London zu diesem Bahnhof pilgern, wo natürlich keine Menschen verschwinden? Warum stehen Eltern mit ihren Kindern nachts um 12 vor einer Buchhandlung? Das können doch nicht nur die Bunken sein, die sonst vorm Fernseher die kniffeligen Worträtsel bei 9Live lösen? Warum hat eigentlich noch nicht ein einziger Kritiker bemerkt, dass bei Band vier, fünf und sechs gut und gerne 400 Seiten pro Buch komplett überflüssig sind? Wo sind überhaupt mal die Kritiker? Alle so gut versteckt wie Voldemort nach dem missglückten Attentat auf Harry?

Selbst der "Spiegel" ist sich nicht zu blöde, die Bücher auf Rassenwahn, Nazi-Ideologie und religiöse Erlöserfantasien pseudowissenschaftlich zu untersuchen, anstatt Herrn Reich-Ranicki mal eine saftige Rezension über die Potter-Reihe schreiben zu lassen. Aber den armen Günter Grass, den ließ man auf dem Titelblatt von Herrn Ranicki zerreißen! Sind denn wirklich alle so verzaubert von Harry Potter? Ich habe gestern geträumt, Jack Nicholson hätte mit diabolisch fettem Grinsen das Ende des siebten Bandes verraten.

Warum hat überhaupt noch keiner das Ende verraten, das kann doch soviel nicht kosten? Gut, mein Budget übersteigt es leider, aber es muss doch irgendwo auf der Welt einen misanthropischen Lottogewinner geben! Die englische Presse schreckt doch sonst vor nichts zurück. Was sagt eigentlich die katholische Kirche zu diesem Hokuspokus und den zarten "Jesus gleich Harry Potter"-Andeutungen? Ja, wenn man den Papst mal braucht... Was soll's. Ich werde dieses Affentheater jedenfalls nicht mehr mitmachen. Ich werde höchstens noch das letzte Kapitel in der englischen Ausgabe meiner zweijährigen Tochter lesen, das Buch kommt nachts per Sonderkurier. Das bisschen Englisch werde ich ja wohl noch verstehen.

Weiß eigentlich irgendeiner, wie die zweite Strophe von "Love me do" geht?

Bis die Tage...!


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker