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"Unser Star für Baku"-Juror Thomas D "Ich bin nicht der neue Elton"


Am Donnerstag beginnt mit "Unser Star für Baku" das Projekt Lena-Nachfolge. Jury-Präsident ist Thomas D. Im stern.de-Interview spricht er über Talentförderung, die Musikindustrie und den Sinn und Unsinn von Castingshows.

Thomas D, Präsidenten stehen in diesen Tagen unter besonderer Beobachtung - haben Sie lang gezögert, bevor Sie den Posten übernommen haben?
Als das aufkam, war der Job des Präsidenten noch ein ganz ehrbarer Beruf. Ich sehe da trotzdem kein Problem. Ich bin tätowiert - und nicht meine Frau. Und Präsident wollte ich schon immer mal werden. Ist doch ein Supertitel. Aber natürlich habe ich schon überlegt.

"Ich bin der Richtige", lautete schließlich ihr Fazit. Wie kam es dazu?
Stefan Raab hat mich angerufen und mir erst einmal gesagt, was er braucht: eine feste Größe in der deutschen Musiklandschaft. Jemanden, der Musik macht, dabei aber auch ein MC ist. Jemanden, der ein Mikro in die Hand nehmen kann, der singen kann, der produzieren kann. Er meinte schließlich, er hätte gar keine andere Wahl gehabt, als mich zu fragen.

Ihre Reaktion?
Ich war erstmal froh, dass es nicht um die Wok-WM oder am besten noch ums Turmspringen gegangen ist. Aus zehn Meter Höhe ins Schwimmbecken springen wäre für mich definitiv stressiger als die Eurovisions-Geschichte. Trotzdem musste ich das ganze erstmal sacken lassen. Es ist ja nicht nur die Moderation. Ich bin nicht der neue Elton, habe ich zu Stefan gesagt. Nichts gegen Elton, aber ich liebe meine Freiheit und die will ich behalten.

Was sagen die Bandkollegen eigentlich dazu?
Smudo sagte einen schönen Satz: "Thomas, wie auch immer du dich entscheidest, es spricht für die große Relevanz, die du und auch wir als Band haben, wenn man dich anspricht". Unser Manager Bär meint immer, wir gehören mittlerweile zum Establishment. Das will natürlich keiner von uns hören, aber letztendlich ist so eine Geschichte wie "Unser Star für Baku" genau das.

Am Ende haben Sie zugesagt, am Donnerstag läuft die erste Ausgabe der Show mit ihnen als Jury-Präsident.
Ich habe mir angehört, was alles zu dem Posten dazugehört. Es ist ja nicht nur die Moderation, ich bin quasi der Schirmherr der ganzen Geschichte. Zudem produziere ich auch das Album des kommenden "USFB"-Gewinners. Da habe ich total Bock drauf. Was die Sache in Baku angeht, hatte ich mir ausgemalt, zehn Tage am Swimmingpool zu verbringen. Ich musste aber erfahren, dass es eher zehn Tage Interview am Stück werden, weil dort nur geredet und geredet wird. Auch okay, vielleicht verlege ich die Interviewtermine an den Pool.

Woher stammt ihr Antrieb, Talente zu finden?
Wenn man sich die Musiklandschaft im allgemeinen, und die Plattenindustrie im besonderen anschaut, dann sieht man, dass es keine Zeit, kein Geld, kein Vertrauen mehr gibt, einen Künstler aufzubauen. Die Absatzzahlen gehen zurück und woran wird als erstes gespart: An den Newcomern. Klar kann man heute per Castingshow schnell ein Star werden, aber seien wir ehrlich: Wer daran teilnimmt, hat eigentlich schon verloren, selbst wenn er gewinnt. Da wird ein Album zusammengezimmert, das wird schnell veröffentlicht, weil die nächste Staffel schon im Anflug ist. Das ist alles sehr kurzfristig gedacht.

Hat das Publikum denn einen so langen Atem, einen Künstler bei seiner Entwicklung zu verfolgen? Will noch jemand das nächste Lena-Album hören?
You got a point there. Es muss alles immer ganz schnell gehen, das ist wohl wahr. Aber seien wir ehrlich: Die Jugend war bei sowas noch nie sehr treu. Ich bin auf etliche Musikstile abgefahren, bis ich dann mal zufällig beim Hip-Hop gelandet bin. Aber es gibt immer auch Ausnahmen, nicht nur Lena. Schau‘ Dir Adele in England an, die ist als Neuling unfassbar erfolgreich und das im Mutterland des Pop. Klar könnte man jetzt sagen: Hey, wir brauchen auch `ne Dicke. Aber so einfach ist das eben nicht mit dem Kopieren. Wir müssen einen eigenen, einen eigenwilligen Künstler finden. Bei Lena hat das toll geklappt.

Was unterscheidet "Unser Star für Baku" denn von anderen Shows? Gecastet wird hier letztlich doch auch.
Ich denke, es ist die Kombination: Einen Künstler aufbauen, aber das dann im Scheinwerferlicht, zur absoluten Primetime. Einen Newcomer fördern, und gleichzeitig auf ein Mega-Event wie den Eurovision Song Contest hinarbeiten. Den Gewinner dann langsam aufbauen, produzieren und weiter auf den Weg bringen - das ist die Herausforderung. Und Herausforderungen liebe ich.

Wie groß ist ist der Erfolgsdruck? Immerhin hat die Erstauflage "Unser Star für Oslo" mit Lena Meyer-Landruth die lang ersehnte Nicole-Nachfolgerin hervorgebracht.
Ich will mich natürlich nicht mit Schande bekleckern. Klar will ich am Ende gut dastehen, aber ich bin nicht so größenwahnsinnig zu sagen, wir toppen die Nummer mit Oslo. Dennoch ist alles möglich. Ich erinnere mich gern an Lordis "Hard Rock Hallelujah". Das hätte doch wohl niemand gedacht, dass finnische Rocker in Monsterkluft das Ding gewinnen könnten. Und siehe da: Sie haben alles über den Haufen geworfen und gezeigt, was möglich ist. Wenn Deutschland am Ende der Shows sagt: Geile Platte, geiler Song, damit gehen wir gern nach Baku - dann haben wir unsere Aufgabe erfüllt.

Ingo Scheel

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