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Umstrittener ESC-Austragungsort Einfach nett in Baku


Die ersten Eurovisionsbesucher sind von Baku positiv überrascht. Mehr als der von der aserbaidschanischen Staatsführung verordnete Prunk beeindrucken die freundlichen Gastgeber.
Von Jens Maier, Baku

Lass die Sonne in dein Herz" sang die Gruppe Wind beim Grand Prix 1987. So herzerwärmend wie im Song beschrieben, empfängt die aserbaidschanische Hauptstadt Baku derzeit seine Besucher. Nicht allein der Sonnenschein und die 27 Grad Lufttemperatur sind an der guten Laune der bereits angereisten Fans Schuld. Sie rührt vor allem daher, dass sich die meisten nach den vielen Berichten über Menschenrechtsverletzungen und die Gängelung der Presse im Land auf das Schlimmste eingestellt hatten. Jetzt werden sie positiv überrascht: vom ersten Eindruck Bakus - und vor allem von seinen Bewohnern.

Gut eine Woche vor dem Finale des Eurovision Song Contest 2012 am 26. Mai füllt sich Baku. Fans, ausländische Journalisten und Delegationsmitglieder beziehen ihre Quartiere. Auch Knopfauge Roman Lob, der Deutschland mit dem Song "Standing Still" vertreten wird, ist am Donnerstag eingetroffen. Mit Wollmütze und seiner Freundin kam er im Flieger von Köln nach Baku. Während Lena bereits Schnappatmung bekommen hätte, bleibt er trotz der schätzungsweise 40 Grad unter seiner Mütze cool: Bei der Ankunft wird er von Fans umlagert, schreibt geduldig Autogramme und posiert freundlich lächelnd für Erinnerungsfotos. Am Samstag wird er seine erste Probe auf der Bühne der neu gebauten Kristallhalle absolvieren, für Freitag ist erstmal Sightseeing angesagt.

Die Show hat längst begonnen

Das haben die meisten deutschen Fans schon hinter sich. Zirka 50 sind bereits in Baku eingetroffen. "Ich bin total überrascht", lautet das meistgehörte Fazit der ersten Tage. Viele hatten erwartet, in ein Dritte-Welt-Land zu reisen - zumindest aber in einen von Sowjetzeiten geprägten Ostblockstaat. Doch statt sozialistischen Plattenbauten empfangen sie herausgeputzte Jugendstilfassaden und eine von Palmen gesäumte Strandpromenade. "Das ist wie im Spanienurlaub, nur mit mehr Bling-Bling", sagt einer.

Wenn Baku abends das Licht anknipst, blitzt und funkelt es an jeder Ecke. Die ganze Stadt ist beleuchtet wie ein amerikanischer Weihnachtsbaum. Die Flammenhochhäuser - Symbol des dank der Erdöl- und Gasvorkommen neuen Reichtums - verwandeln sich in eine riesige Video-Wand mit fantastischen Animationen von züngelnden Flammen und Fahnen schwenkenden Menschen. Höhepunkt der Inszenierung sind die Lichtkegel, die über der Kristallhalle in den Nachthimmel strahlen. Leni Riefenstahl hätte ihre wahre Freude daran.

Herzlichkeit lässt sich nicht verordnen

"Let the show begin", heißt es beim ersten Semifinale am kommenden Dienstag. In Baku hat sie längst begonnen. Hässliches ist wie in Disney-World hinter meterhohen Zäunen und aufgesetzten Sandsteinfassaden verschwunden und eine Armada an Putzfrauen sorgt rund um die Uhr dafür, dass alles blitzt und blinkt. Nichts soll Bakus Schein trüben, denn Ziel der autoritären Staatsführung unter Präsident Ilham Aliyev ist es, sich der Welt als funkelnde Metropole zu präsentieren. Probleme wie Korruption, Menschenrechtsverletzungen, die Unterdrückung der Pressefreiheit und vor allem der ungerechten Verteilung des Reichtums im Land sollen durch den glitzernden Schein einer Weltmetropole vergessen gemacht werden.

Ist der Austragungsort des ESC 2012 also, wie man in Anlehnung an den Song der Band Deichkind sagen könnte, nur leider geil? Die Selbstdarstellung mit glitzernden Kulissen und aufgesetzten Sandsteinfassaden sind nur die eine Seite Bakus. Die andere Seite sind ihre Bewohner. Sie empfangen die Eurovisionsbesucher mit etwas, das nicht von oben verordnet werden kann: Herzlichkeit und mit Stolz. Selbst wenn ihr Englisch noch so schlecht ist, fragen sie neugierig: "Where are you from?" Und freuen sich dann, wenn sie als Antwort auf die Antwort ihren Daumen nach oben halten können. Und sie sind stolz, weil sie endlich den internationalen Besuchern beweisen können, dass sie ein Teil Europas sind und erweisen sich als freundliche und zuvorkommende Gastgeber.


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