HOME

Folkmusik: Auf die sanfte Tour

Lagerfeuer, Wollsocken, strenge Düfte: Das war einmal. Heute kommt Folkmusik frisch und unbeschwert daher - und ist Labsal für alle, die Computerbeats satt haben

Muss der Mann gleich so übertreiben? Man kann sich vorstellen, wie begeistert die Plattenfirma war, als sie Nachricht von Bruce Springsteen bekam: Der Boss macht ein neues Album! Fantastisch! Allgemeines Händereiben, breites Grinsen, schnell mal Verkaufszahlen überschlagen, Springsteen ist immer gut, besonders fürs Frühjahrsgeschäft, wir brauchen ja dringend bessere Zahlen, verdammte Schwarzkopierer, bringen wir den Boss doch als Dualdisc raus, Musik plus DVD, läuft sicher wie blöde, Quartalszahlen toppen, danke, Springsteen, superfette Namen gehen immer Top Ten, danke, Springsteen, alles wird gut.

Und dann das! Der Boss macht ein neues Album. Aber er rockt nicht, er schockt: singt auf der CD "We Shall Overcome - The Seeger Sessions" 13 Klassiker der amerikanischen Folklegende Pete Seeger, selig zu Fiddle und Banjo, Tuba und Akkordeon. Singt reinen Folk! Lieder, die nach Männerschweiß, Bier und Eiern mit Speck klingen. Lieder, die sich in etwa so gut verkaufen lassen wie Freejazz.

Doch Springsteen ist nur konsequent. Er nimmt auf, was musikalisch in der Luft liegt: die neue Lust am Einfachen, Handgemachten, Ursprünglichen. Wer dieser Tage als Künstler ernst genommen werden will, macht mehr oder minder kunstvoll verkleideten Folk. Mehr Verkleidung ist besser als weniger. Natürlich darf Folk unter kommerziellen Erwägungen nicht so klingen wie Purist Springsteen ihn mag - zu viel ursprüngliche, rohe Kraft dürfte eher schaden.

Die Erfolgsformel ist schlicht: Singe einfache Folksongs zur akustischen Gitarre und arrangiere vielleicht hier und da etwas hinzu, das die Sache verfremdet. Nenne es Singer/Songwriter-Pop, meinetwegen Alternative Country, aber niemals Folk. Folk klingt nach Bob Dylans missionarischem Genöhle, Joan Baez' rührender Betroffenheit, nach Sit-ins mit vegetarischer Mahlzeit, Friedensbewegung, Wollsocken und Yogi-Tee.

Besser, man macht es so wie die aus Schottland stammende Sängerin KT Tunstall, die derzeit in Großbritannien große Erfolge feiert: Ihr Ende 2004 erschienenes Debütalbum "Eye To The Telescope" wurde mit einem Brit-Award ausgezeichnet, verkaufte sich in Großbritannien mehr als 1,5 Millionen Mal und war damit erfolgreicher als die jeweils letzte Platte von Madonna und Mariah Carey. Während die großen Diven des Pop mit immer aufwendigeren und teureren Produktionen einen immer bombastischeren Sound erschaffen, nahm Tunstall ihre im Mai erscheinende neue Platte an einem einzigen Tag auf einer kleinen schottischen Insel auf - die Wirkung ihrer ausschließlich akustisch eingespielten Lieder ist verblüffend.

Offenbar trifft Tunstall mit ihren leisen Liedern genau den Nerv der Zeit: Bisher mussten Werbung, Fernsehen, Radio und Musik immer lauter, direkter, aufdringlicher werden, um Aufmerksamkeit zu bekommen. In der Popmusik hat sich längst eine Gegenbewegung formiert, an deren Spitze der wiederentdeckte Folk steht. Zur neuen Lust an der Bürgerlichkeit, zur Sehnsucht nach Geborgenheit, Gemütlichkeit und Einfachheit passen eben weder Techno noch HipHop.

"Quiet Is The New Loud" - das Leise ist das neue Laute: Mit dem programmatischen Titel ihrer Platte gab die norwegische Band Kings Of Convenience schon 2001 den Ton und die Richtung vor. Als eine Art skandinavischer Simon-and-Garfunkel-Ableger machten die Norweger den Folk für ein großes Publikum salonfähig. Seitdem haben Heerscharen von Künstlern mit der sanften Tour Erfolg: Der unglaubliche Erfolg von James Blunt belegt die Renaissance des Folk ebenso, wie es die gefeierten Alben von Conor Oberst und seiner Band Bright Eyes tun, von Adam Green und Rufus Wainwright.

Und noch immer sind wunderbare Platten zu entdecken, etwa aus Skandinavien. Die norwegische Sängerin Ane Brun hat mit "Duets" ein bemerkenswert schönes Album aufgenommen, auf dem sie zehn Duette mit verschiedenen Partnern singt, zwischen Folk und Country. Mit dabei der kanadische Songwriter Ron Sexsmith, der seit mehr als zehn Jahren zu den besten Folkpop-Songwritern überhaupt gehört. Nicht minder hörenswert ist die Schwedin Sophie Zelmani, deren leise Lieder bisher in Deutschland nicht den Durchbruch schafften. Die überaus scheue 34-Jährige hat gerade mit "Decade Of Dreams 95-05" einen Überblick über ihr Schaffen der vergangenen zehn Jahre vorgelegt. Deutlich kommerzieller, aber immer noch stark vom Folk beeinflusst, klingt die dänische Band Hush, deren Debüt "A Lifetime" geschickt radiotauglichen Pop und fragile Balladen verbindet.

Warum der amerikanische Folksänger Devendra Banhart noch als Geheimtipp gehandelt wird, ist rätselhaft. Sein bereits 2005 erschienenes Album "Cripple Crow" steckt voller genialer Ideen, schöner Melodien und skurriler Texte. Allzu wichtig nimmt der 24-Jährige seine Profession übrigens nicht: In einem Interview auf die Frage angesprochen, ob seine Musik nun Anti-Folk oder Freak-Folk sei, antwortete Banhart, die wahre Bezeichnung sei "Nu New Age". Vertreter dieser Stilrichtung seien anders als übliche Folkmusiker, da sie Sex mit Delfinen hätten.

Ernsthafter - und richtig gut - ist die erste CD der amerikanischen Band Winterpills geraten: Die vier Musiker aus Massachusetts machen melodischen Folkpop, der manchmal wie eine weichere Variante des Folk-Punks Elliott Smith klingt, kombiniert mit einem Hauch Neil Young. Das kuschelt und wärmt so herrlich, dass es gerne sofort wieder Winter werden dürfte. Wenn Bruce Springsteens Hommage an Pete Seeger nach Bier, Männerschweiß und Eiern mit Speck riecht, dann schmeckt Winterpills nach Schokolade mit Zimt. Wollsocken sind nicht vonnöten.

von Tobias Schmitz / print