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Gloria Estefan: "Ich will mein Kuba befreit"

Gloria Estefan macht seit zwanzig Jahren Musik. Auf zwei Best-Of-Alben hat sie ihre besten Hits gesammelt. Jetzt versucht sich die 49-Jährige als Kinderbuchautorin. Und hofft sehnsüchtig auf die Befreiung ihres Heimatlandes.

Ihr Lebenslauf liest sich wie ein spannender Roman: Rückschläge und Erfolge reihen sich nahtlos aneinander. Gloria Estefan - eigentlich Gloria María Milagrosa Fajardo - ist seit über 20 Jahren aus dem internationalen Musikbusiness nicht mehr wegzudenken. Sie machte den Latinosound in der Welt salonfähig und Klassiker wie "Cuba Libre" oder "Dr. Beat" locken in Bars und Clubs noch heute die Party-Meute auf die Tanzflächen. Jetzt hat sie zwei Best-Of-CDs zusammengestellt. Und plaudert auf stern.de über ihren schweren Unfall und das Leid in ihrem Heimatland Kuba.

Haben Sie Angst vor dem Älterwerden?

Oh nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, ich fühle mich noch immer jung, stark und vor allem erfüllt. Seit ich den schlimmen Unfall hatte, freue ich mich eher über jedes weitere Lebensjahr. Damals, als ich wieder geheilt war, zelebrierte ich so etwas wie meine zweite Geburt. Seitdem genieße ich jeden Moment viel intensiver als vorher.

Was passierte damals?

Ich wurde am 20. März 1990 ich bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt. Meine Wirbelsäule war gebrochen, kurzzeitig war ich sogar gelähmt. Ich erholte mich nur sehr langsam von den Folgen. Das war ein herber Rückschlag damals, denn nach der Zeit mit der Gruppe Miami Sound Machine kam meine Solokarriere so richtig ins Rollen. Mein Album "Into The Light" 1991 verarbeitet schließlich das Unglück.

Seit über 20 Jahren sind Sie im Musikgeschäft erfolgreich. Erscheint deshalb das doppelte Best Of?

Richtig. Seit über zwei Dekaden mache ich Musik, ich konnte eine Vielzahl an Songs schreiben und zwölf Alben veröffentlichen. Ich habe Höhen und Tiefen erlebt und band meine Erfahrungen in die Songs ein. Da dachte ich, dass es - auch um Danke zu sagen - an der Zeit wäre, ein reichhaltiges Best Of auf den Markt zu bringen, das ich in erster Linie meinen beiden Kindern Nayib und Emily widme. Schließlich haben sie mich die ganze Zeit über am meisten inspiriert.

Aber wurde nicht erst vor zwei Jahren mit "Amor Y Suerte - The Spanish Love Songs" eine Sammlung großer Hits veröffentlicht?

Das stimmt, allerdings waren auf dem Album ja nur Balladen vertreten, während nun alle meine größten Hits zu hören sind - auf "Oye Mi Canto - Los Grandes Éxitos" meine bekanntesten spanischen und auf "The Very Best Of" meine englischen Lieder.

Gab es einen Punkt in Ihrem Leben, an dem Sie das Singen an den Nagel hängen wollten?

Auf und Abs gibt es immer wieder, aber so richtig aufhören wollte ich nie. Musik machen - das bin ich! Doch es ist spannend, sich auch an andere Dinge heranzuwagen. Momentan konzentriere ich mich verstärkt aufs Kinderbuchschreiben. Darin gehe ich auf, und die Abwechslung hält in Schwung.

Sie waren in den Achtzigern und Neunzigern so etwas wie die Ikone der Latino-Musik und verhalfen ihr zu weltweiter Beachtung. Fühlen Sie sich wie die Mutter des Latin Pop?

Naja, wie die Mutter nicht gerade. Sicher habe ich dazu beigetragen, dass der Bekanntheitsgrad dieses Genres anstieg, aber auch ohne mich würde es sicher existieren. Allerdings glaube ich, dass vielleicht viele Musikerinnen sich heute nicht so in die Welt hinaus getraut hätten. Shakira zum Beispiel. Sie war ja ursprünglich nur in ihrer Heimat bekannt und wagte dann, weil das Interesse so groß war, den Sprung mit englischsprachigen Texten in die internationale Musikwelt.

Sie haben in Ihrem Leben viel erreicht. Gibt es etwas, das Sie unbedingt noch erleben wollen?

In einem befreiten Kuba ein Konzert geben! Das ist schon immer einer meiner größten Wünsche gewesen!

Wie schätzen Sie die Chancen dafür ein?

Fidel Castro ist mittlerweile 80 Jahre alt und krank. Er wird es nicht mehr allzu lange machen. Und danach stehen die Chancen hoffentlich besser, dass es mit diesem Land endlich aufwärts geht. Es wird aber keine ernsthaften Änderungen geben, so lange er oder sein Bruder das Land in ihrer Macht haben. Wissen Sie, die Kinder dort kennen nicht einmal Obst, das außerhalb Kubas wächst. Sie haben keine Ahnung, was Freiheit bedeutet. Ihnen wird alles vorenthalten.

Sie selbst flohen mit Ihrer Familie, als sie noch ein Kleinkind waren, ins Exil nach Miami. Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindheit?

Viele Erinnerungen habe ich nicht mehr. Aber vor einigen Jahren besuchte ich Kuba nochmal. Das war 1979, als ich mit meinem Mann Emilio seinen Bruder und dessen Kinder rausholen wollte. Die Erlebnisse mit dem Militär und dem Alltag waren erschreckend: Überall werden einem Steine in den Weg gelegt. Das ist so anstrengend. Dennoch vermisse ich meine Heimat. Seltsam ist das allerdings schon, denn ich lebte in Kuba ja nur, bis ich zwei Jahre alt war.

Der Song "Oye Mi Canto" enthält die Worte "ich will mein Kuba befreit". Eine Hommage an die Kubaner?

Ich weiß, dass sie dort meine Musik spielen. Und sie sollen meine Meinung ruhig hören. Ich wünsche den Bewohnern von ganzem Herzen, dass Kuba eines Tages befreit sein wird.

Würden Sie dann dahin zurückkehren?

Nein! Das wäre schon alleine wegen des enorm unterschiedlichen Way of Life sehr schwierig für mich. Ich wohne schließlich schon fast mein ganzes Leben in Amerika. Ich möchte aber, dass die Menschen in Kuba endlich dieselben Freiheiten genießen können, wie ich es in Miami kann.

Interview: Julia Schöppner
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